Candy Bukowski

Autorenblog

Leben im Sexshop – Teil 1: Tag

27 Kommentare

Aufschluss ist um 9:45 Uhr. Dann kommt ein Typ von der Wach- und Schließ, geht durch den Seiteneingang ins Gebäude, versichert sich dass kein Bruch stattgefunden hat und öffnet den versammelten Angestellten der Frühschicht die elektronische Schiebetür. Da die meisten Wachmänner muskelbepackte Honks sind, ist irgendeiner mal auf die Idee gekommen, sie „Schließmuskel“ zu nennen. Das ist seitdem der Brüller, dass der Schließmuskel morgens öffnet und abends wieder schließt. Nachts um Zwei um genau zu sein, wenn die Spätschicht gesammelt wieder geht, quer über den Kiez Richtung Nachtbus oder auf einen Absacker ein paar Straßen weiter, in die Pyjama Bar, die in ihrem ganzen Leben noch keinen im Schlafanzug gesehen hat. Aber erlebnisorientierte Touristen in allen Promillezuständen, atemlos durch die Nacht aus allen Kehlen gröhlend.

Das Haus „Sexshop“ zu nennen, wäre eine glatte Untertreibung. Keiner von uns würde in irgendeinem Sexshop arbeiten. Für uns ist es der Bunker, für alle anderen das größte Fetischkaufhaus Europas.  Wie eine riesige, perlmuttfarbene, gänzende Muschel prangt es mitten auf dem Kiez, dem Ort der niemals schläft und keinen zur Ruhe kommen lässt.

Ein Paradies an Kleidung und Zubehör aller vorstellbaren Lüste. Vier große Abteilungen auf zwei noch größeren Ebenen. Ein schwarzer Traum bunter Phantasien. Am Wochenende wird Eintritt verlangt um der Flut gackernder Touristen Herr zu werden. Geöffnet ist an 365 Tagen im Jahr, von morgens um Zehn bis nachts um Zwei, fast 40 Leute im Schichtdienst, auch Erotik ist nur eine Warengruppe und kennt so ihre Fachberater.

Draußen vor der Tür schnorren die jungen Punks Zigaretten zum Frühstück. Irgendwann vor Jahren, muss die Stadt klammheimlich aufgegeben und auf dem kurzen Dienstweg offene Schmuddelwohnzimmer auf dem Gehweg zu unabwendbarer Normalität abgenickt haben. Alle 200 Meter liegen nun dauerhaft Matratzenlager vor Hauswänden, vor dem Cafe Keese steht eine nette Auswahl ausrangierter, tiefer Ledersessel fürs Obdachlosenkuscheln. Mit ein wenig Humor könnte man eine olle Stehlampe daneben platzieren, einen Klingelknopf mit Namensschild ins Pflaster dengeln und ein modernes, gesellschaftskritisches Stilleben für „Schöner Wohnen“ fotografieren.

Im Erotic-Bunker sind zwischenzeitlich alle 10.000 Strahler hochgefahren, aus den Lautsprechern swingt lockerer Easy Listening, die Stimmung ist gut, erste Besucher folgen der magischen Anziehung lustvollen Überflusses. Verschämtes Hereinschleichen hat sich glücklicherweise zu selbstbewusster Selbstverständlichkeit gewandelt. Ein junges Pärchen stöbert in der Latexabteilung und ist auf der Suche nach preisreduzierten Schnäppchen für die nächste Fetischparty.

Am Telefon bittet der Concierge eines 5 Sterne Hotels der Stadt um freundliche Hilfe bei wichtiger Recherche. Er benötige für First Class Gäste ein Abendetablissement mit Live-Sex-Show, ob jemand von uns vielleicht eine Idee, einen Geheimtipp, etwas was das geschlossene „Safari“ ersetzen könne, hätte?
Allgemeines Kopfschütteln. Für Live-Sex-Shows sei auch für First-Class-Konsumenten zwischenzeitlich ein gewisser Selbsteinsatz erforderlich.

Eine Gruppe mittelalter Österreicher in freundlichem Rentnerbeige nähert sich lustig parlierend dem deutlich schwarzen Untergeschoss. Wie in jeder Gruppe existiert auch hier ein auffallender Wortführer mit reichlich Aufklärungsbedarf. In diesem Fall eine dauergewellte Dame, die sich mit neugierigen Fingern durch die präsentierte Lackkleidung greift und ihren aufmerksamen Begleitern „Das ist Latex. Latex geht gaaaar nicht!“ zuruft. Um anschließend mit einem begeisterten „Aber dort drüben! Wie herzig! Da gibt es ja Lederpatscherl!“, der umfangreichen Peitschenwand die Schärfe zu nehmen.

Eine dynamische 3er Männergruppe hat sich etwas Gewaltiges vorgenommen und stellt gemeinsam einen verwegenen Einkauf für Klaus zusammen. Die Begeisterung ist groß, seine Gattin hätte wohl geheime Phantasien geäußert, die nun pronto und mit aller schelmenhafte Freude umzusetzen seien. Handschellen müssten her. Und Ketten. Unbedingt Ketten zum fixieren, man müsse da auch noch dübeln, sowie eine Gerte, haha, eine feste Reitgerte fürs Ehepferdchen. Das Paradies tut sich auf und katapultiert Klaus in den 7.Himmel.

Aus dem ich böses Ding ihn langweilig sachorientiert nach einiger Zeit lächelnd auf den Boden zurückhole. „Ob er denn wolle, dass seine Frau an der Sache auch Spaß habe und sich eine Wiederholung wünsche?“, frage ich beiläufig und schaue in drei verdutzte Gesichter. Die sich aber durchaus gerne fachfraulich beraten lassen. Kurze Zeit später liegen gepolsterte Ledermanschetten, ein paar weiche Baumwollseile und ein mehrschwänziger Lederflogger im Einkaufskörbchen und Klaus kommt überschwenglich selbst auf die Idee, auch noch ein leckeres Massageöl dazuzupacken. Ich bin stolz auf Klaus, beglückwünsche ihn zu seiner weisen Wahl und klatsche mit seiner Frau unbekannter Weise mental „Give me five!“ ab.

Durch die Schuhabteilung stromert zwischenzeitlich eine wasserstoffblonde Size Zero in hautengen Wetlook-Leggins. Sie trägt zwei unterschiedlich farbene High-Heels des selben Modells. Links quietschpink, rechts neongrün auf strahlenden Stahlabsätzen und liebäugelt mit einem Paar prächtiger Leoparden-Stilettos.
Wir lachen gemeinsam, als sie sich selbst als leidenschaftlichen Fan echter Schlampen-Schlappen bezeichnet und bereichern ihr Herz schließlich auch noch mit einem unübersehbaren Paar schwarzer Stiefel mit Swarowski BlingBling auf den 12 cm Absätzen.

„Guten Tag“. Eine gepflegte, ältere Dame steuert, meinen männlichen Kollegen geflissentlich igorierend, direkt auf mich zu. „Mein Mann und ich möchten uns künftig in anal versuchen und brauchen dafür Ihre Hilfe.“
Ich verkneife mir nur schwer ein Grinsen, sehe aus dem Augenwinkel den Kollegen verhalten feixen und rette mich in ein freundliches „Nun, dann wollen wir mal sehen, mit welchen Produkten ich sie dabei unterstützen kann“.

Wir suchen uns eine ruhige Ecke im gut besuchten Untergeschoss, durch das wie in einer grotesken Filmeinspielung auch ein bärtiger Kiezveteran, langsam und versunken, seine Runden dreht. Heute trägt er behutsam eine gelbe Tulpe im Blumentopf vor sich her. Gestern war es eine kleine Metalllaterne, oftmals sind es Speise- und Getränkekarten aus umliegenden Restaurants. Alles was nicht niet- und nagelfest ist, klaut er unterwegs und bringt es uns Mädels als Geschenk für einen kurzen Schnack, ein freundliches Wort oder ein Glas Wasser. Die Tulpe ist ein klares Best-off der Sammlung. Man sieht es ihm an, er ist stolz wie Bolle.

Ein junges, attraktives Pärchen steht an der Wand für Fesselzubehör und vergleicht mit angestrengten Gesichtern die unterschiedlichen Lederhandfesseln. Mein Hilfsangebot wird mit einem dankbaren Seufzen beantwortet. Puh! Ja! Wieder einmal ein paar neue Manschetten seien notwendig. Aber bitte die stärksten, die wir hätten. Irgendwas in Superverarbeitung. Doppeltvernäht oder so, weil er – der kopfschüttelnde Blick richtet sich auf den leckeren Begleiter mit mächtig wohldefinierten Muckis – einfach jedes Fesselpaar nach kurzer Zeit kaputt reiße. Ich mache einen lächelnden Scherz über die Beachtlichkeit dieses Körpereinsatzes und reiche ein Paar nur schwer zerstörbare Superman-Fesseln aus Hartleder mit Abschließmöglichkeit. Ja, die wären es, die sehen prima aus, das könne eine Zeitlang gut gehen. Die Dame greift nach hellem, freundlichen Schwarz, dem männlichen Kraftpaket gefallen die Roten. Die Entscheidung fällt nach kurzer, klarer Ansage zu ihren Gunsten. Nach bestechend weiblicher Logik absolut überzeugend: „Rot passt nicht zu unserem Schlafzimmer!“

Ein netter, junger Typ ist auf der Suche nach Domina-Stiefeln in Größe 45. Allerdings bitte sehr günstig, sie werden nur für einen Gagauftritt gebraucht. Ich senke die Stimme und schicke ihn leise ein paar Straßen weiter, zum größten High Heel – Dealer auf dem Kiez, der sicherlich auch günstige Restexemplare hätte. Der Typ freut sich über den Tipp und macht ein glückliches, entspanntes Gesicht.

„Aber psst, für alles andere kommst Du wieder zu uns, ja?“
„Klar! Sowieso! Ihr seid die Besten! Meine Freundin und ich sind regelmässig hier. Am liebsten kaufen wir die 17.90 Euro Überraschungspakete im Erdgeschoß.“
„Tatsächlich? Das ist ja spannend. Ich dachte, die nehmen in erster Linie Touristen als Spaßeinkauf.“
„Aber nein, wir lieben die! Da sind immer 5 unterschiedliche Überraschungsdinge drin. Einmal im Monat nehmen wir uns einen Abend, holen ein verpacktes Geschenk raus und egal was drin ist… DAS WIRD DANN GEMACHT!“
Er grinst breit und durchaus überzeugend.
„Ist nicht Dein Ernst, oder?“
„Doch, wenn ich es Dir sage. Mal hat sie mehr Glück, mal ich, aber das ist eine tolle Sache für ein Abendevent.“

Ok… ich verdränge den kurz aufkeimenden Gedanken an die Mengen Pastanudeln in Penisform im Handlager für die Überraschungspakete und wünsche allzeit gutes Gelingen im Eventbereich. Greife nach meiner Kaffeetasse unter dem Tresen, lehne mich für einen Moment an die Wand und beobachte die erste Junggesellenabschiedsrunde des Tages. Alle tragen „Men in Black“ Outfits und dunkle Sonnenbrillen, nur der Bräutigam in spe wurde in ein rüschenes Dienstmädchen-Dress gesteckt. Die Stimmung ist alkoholisiert überschwenglich. Ein Blackman greift zu einem BigSize Dildo in konisch gedrechselter Form, hält ihn sich an die Stirn und tänzelt mit den Worten „Hey! Voll Porno Alter! Ich bin ein Einhorn!“ durch die Abteilung.

Das ist neu. Üblicherweise halten sie ihn sich an den Schritt und nennen sich „Long Dong Silver“. Der anstehende Abend scheint mit einigen Überraschungen aufzuwarten. Alles drin. Und: alles völlig normal.

Ende Teil 1
Candy Bukowski

Advertisements

Autor: Candy Bukowski

Autorin beim Verlag edel & electric. Lieferbare Titel: "Der beste Suizid ist immer noch sich tot zu leben" (30 Erzählungen) Print 2014 / eBook 2015. "Wir waren keine Helden" (Roman) Print & ebook 2016

27 Kommentare zu “Leben im Sexshop – Teil 1: Tag

  1. juchhu! ich hab ja schon sehnsüchtig drauf gewartet… und wieder tolle sätze drin. wundervoll, die dame!

    Gefällt 1 Person

  2. Interessanter Bericht. Ich kann mir vorstellen, dass man in dem Job sehr viel spannende Dinge erlebt. Und ich glaub, ich weiß auch, welchen Shop du meinst ;)
    Bin gespannt auf Teil 2!

    Gefällt mir

  3. Wunderbar, grins mich wech :D
    Ja, es ist schon ein Überraschungsladen der besonderen Art. „Wir möchten uns ab jetzt in anal versuchen“. Ich werds nicht mehr vergessen.
    Freu mich auf Samstag. ♥

    Gefällt 1 Person

  4. Das ist die Quelle der Inspiration, bei der ich mir kaum vorstellen kann, dass sie versiegt.
    Danke für die Einblicke.

    Gefällt 2 Personen

  5. Super Bericht! Besonders gefällt mir die Darstellung des Kiezveteranen, die direkt ein – positives und das ist die Kunst – Bild in meinem Kopf entstehen ließ.

    Gefällt 1 Person

  6. Klasse, einfach Klasse! Und das meine ich ernst, liebe Candy. Wie Du locker und ohne zu spötteln diese Normalität beschreibst, das hat einfach Klasse. Eine echte Bukowski eben, mit Zuckerglasur. Oder in diesem Falle eher Naschkramknabberschlüpper…
    Liebe Grüße aus dem Hinterhof, Deine Käthe.

    Gefällt 2 Personen

    • :) Danke Dir, liebe Käthe. Nein spotten möchte ich nie. Nur lebendig zusammentragen. Der Trend geht übrigens weg vom Naschkramknabberschlüpper, hin zum edlen Slip Ouvert mit Muschiperlenband. JAHA! Nächte könnten wir beide trinken und zu keinem Ende kommen :) Dauereinladung an die HinterhofBlumenfee steht! Winke!

      Gefällt mir

      • Slip Ouvert mit Muschiperlenband! Candy! Hast du ’ne Ahnung, wie Melonenlachspuckpruster auf’m Schleppi aussehen?! Vom Kopfkino will ich mal schweigen… Muschiperlenband, echt jetzt!
        Reisebetrefflich stecke ich in einem Bonfortionösdilemma: Soviele Menschen, zu denen es mich innigst zieht, soviele Orte, auf die ich neugierig bin, dabei entdecke ich meine eigene Stadt gerade ganz neu und der Garten vom Haus am Ende des Weges wird auch immer schöner! Ich glaube, ich muß doch endlich das Knoblochverpilcherungsfest feiern, um euch Famosmenschen alle mal kennenzulernen…
        Mit Wink zurück, Deine Käthe, von Freunden eher als Blumenluder benamst, denn -fee.

        Gefällt 1 Person

  7. Umwerfend! Und mal liebe Grüße. Die Pastanudeln in Penisform dengeln sich gerade durch meine Phantasie…aber bitte al dente😊

    Gefällt 1 Person

  8. Grandioooooooooooooos! Ich finde, der Text ist auch ein absolutes Überraschungspaket… Einfach herrlich geschrieben, sehr menschelnd und menschlich… und sowieso mit Augenzwinkern und Empathie… SCHÖN!
    (ich würde da auch gerne arbeiten… :-) )

    Gefällt mir

  9. Pingback: Woanders – diesmal mit Schließmuskeln, Nachrichten, der Syltifizierung und anderem | Herzdamengeschichten

  10. Pingback: Unsere Netzhighlights - Woche 30/2015 | Apfelmädchen & sadfsh

  11. Pingback: Leben im Sexshop – Teil 2: Nacht | Candy Bukowski

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s