Candy Bukowski

Autorenblog

Leben im Sexshop – Teil 2: Nacht

14 Kommentare

Fortsetzung zu „Leben im Sexshop-Teil 1: Tag

Ein junger, langhaariger Mann, Typ Philosophiestudent, eindeutig schüchtern und nicht sicher, ob er wirklich hier sein möchte, beobachtet seit einiger Zeit den Kassentresen und versucht, eine Lücke zu erwischen, in der keine fremden Ohren seine Wünsche hören können. Ich gehe zu ihm und biete ihm leise meine ungeteilte Aufmerksamkeit an.

Er braucht ein wenig Anlauf. Und sehr viel Mut. Um schließlich mit vielsagendem Blick nach „etwas Restriktivem“ zu verlangen. Nach 21-22-23 spuckt mein müdes Übersetzerhirn den Begriff „Keuschheitskäfig“ aus, was ihn in dieser Deutlichkeit zur leichten Schnappatmung bringt. Ich bin versucht, ihm mütterlich den Arm zu tätscheln und lotse ihn unauffällig zur Ausstellungsvitrine, vor deren breiten Angebot ihm die Augen übergehen. Eine Beratung ist allerdings eindeutig nicht erwünscht, er scannt verschiendene Modelle in Sekundenschnelle ab, um dann überraschend harsch „Den hier! Ich warte an der Kasse!“ herauszuschießen.
Ok. Ist klar. Ich soll mit seinem neuen Keuschhaltungsfreund eindeutig nicht erkannt werden, also schmuggle ich das teure Stück in einer Tüte diskret zum Tresen und würde meine halbe Ahnenreihe auf „Barzahlung“ verwetten. Da hat jemand lange gespart und ist sich außerdem sicher, dass die Angestellten seiner Bankfiliale nur darauf lauern, Kontozahlungen systematisch nach möglichen Sexshop-Einkäufen zu durchleuchten.

Meine Kollegin hat es mit einer erlebnisorientierten Berliner Matrone in der Wäscheabteilung eindeutig schwerer. Diese plappert ganz ungezwungen laut über ihren beachtlichen zweiten Frühling und ist eben dabei, ihre Jeans ganz ungehemmt mitten auf dem Gang abzustreifen, um mal eben schnell in einen schwarzen Traum aus glockigem Lacktüll zu schlüpfen.
„Ach ne, Kindchen. Wat brauch ich denn ne Kabine? Da wird mir schon keener was weggucken, nich wahr? Wenns nach mir ginge, dann müsste der janze Zauber jar nicht sein, aber der Horst, der mag das halt und wenns hilft, nicht wahr, dann wär ich doch blöd, die janze, alte Kiste nicht aufzumotzen!“

Vertrauliches Augenzwinkern hin und her und irgendwie dann doch noch liebevoll in eine Umkleide gestubbst, berlinert es sich freundlich weiter durch die schwarzhölzerne Klapptür, hinter der wir üblicher Weise immer mal wieder ineinander verschlungene Paare aufscheuchen.
Die, die zuhause nicht wollen, sich bei Karstadt nicht trauen und es im Bunker dann wagen. Je später der Abend, desto frivoler die Gäste, gerne mal etwas verunsichert von unserer an der Tür klopfenden Nachfrage, ob vielleicht „eine Nummer größer gewünscht wäre?“, wodurch sich auch Situationen dieser Art, ebenso schnell wie diskret lösen lassen.

Ganz anders ein süßes, sehr junges Pärchen an der Kasse, das den gemeinsamen Einkauf mit einem Erwerb zweiter „Ringe der O“ küren möchte. Verliebte Blicke werden hin- und hergeworfen und Liebesschwüre geflüstert. Rechts oder Links? Wie war das nochmal in seiner Bedeutung? Aktiv? Passiv? Oben? Unten? Mein Kollege tippt kaum merklich mit seiner Fingerspitze auf die richtige Hand, woraufhin Romeo seiner Julia schließlich den Silberring ansteckt und strahlt.
Im Sexshop. Am Kassenpult. Liebe ist eine Himmelsmacht.

Zwei Gänge weiter ist ein klassischer Erklärbär unterwegs. In Begleitung einer jungen Gespielin, die irgendwo zwischen interessiert oder auch leicht gelangweilt, an seinen Lippen hängt. „Das habe ich ALLES zuhause“ tönt er und macht eine weit ausladende Armbewegung übers gesamte Sortiment, während wir wie Statler und Waldorf beeindruckt vom imaginären Balkon nicken und nur ein ganz klein wenig heimlich über die bunt zusammengewürfelten Fachbegriffe feixen, die er ebenso selbstbewusst wie teils unpassend durch die Abteilung wirft.

Von oben fluten zwischenzeitlich Menschenmengen das traute Ambiente. Es ist Freitagabend. Am Wochenende werden hier nachts alle üblichen Gesetzmäßigkeiten des Einzelhandels über den Haufen geworfen. Touristenmassen, Kiezpartygänger und Junggesellenabschiede strömen durchweg als Trauben herein, ab jetzt gilt es Nerven zu bewahren und Ware zu sichern. Ein wenig Anstand auch.

„Boah, Leute! Hier ist 50 shades of grey!!“
„Ne, Alter!!! Hannibal Lector live!“
„Wow wie fies!“
„Na, wers braucht… aber mal ehrlich.. das ist doch pervers!“
„Ne danke, ich brauche jetzt erstmal eine Therapie…“.

Rohrstöcke werden geschwenkt, laszive Drohgebärden fürs Familienalbum festgehalten. Kichernde, betrunkene Frauen fischen wir aus der Deko, testosterongebeutelte Jungbullen aus der Pornoabteilung, in der jedes Filmcover gröhlend kommentiert wird. International, versteht sich.
Kanadier, Italiener, Niederländer, hier etliche Sachsen, dort ein paar Bayern mit Migrationshintergrund im hohen Norden. Dazwischen tummelt sich verdammt pink und peinlich Mümmelmannsberg auf 2,0 Promille.
Sprachen und Dialekte schwirren wie ein summender Bienenschwarm über die Köpfe. Der Inhalt ist fast überall der selbe: „Alter Falter, das hast Du noch nicht gesehen, wie krank ist das denn?“

Meinem Kollegen schwillt allmählich die rechte Halsvene, er pickt sich die wenigen, angenehmen Wochenend-Normalos heraus, die freundlich und reflektiert wissen, suchen und finden. Lust hat etwas mit Phantasie und Phantasie etwas mit Intellekt zu tun. Man muss es nicht glauben, es wird einem auf dem Silbertablett angereicht. So offensichtlich wie ein weit geöffneter Frauenschoß.

Ich verfolge die lautstarken Wundergruppen, pirsche mich von hinten an, tippe auf Schultern über die gerade Selfies vor Dildowand geschossen werden.
„Ja, wir haben strengstes Fotografierverbot, nein es gibt keine Ausnahmen, keiner unserer Kunden möchte in 2 Minuten auf Facebook zu finden sein, danke für Ihr Verständnis…. ok, Gentlemen, enough fun for this night. If you are overwhelmed, please go upstairs, this is an adult area for adult minds…“.

Endlich der erlösende Anruf aus dem Erdgeschoß. Der Türsteher ist eingetroffen, ab jetzt gilt Alkoholkontrolle am Einlass und 1 Euro Eintritt pro Nase gegen das obligatorische Bunker-Kondom, das bei Warenkauf verrechnet wird. Alle Kollegen atmen hörbar auf, in den nächsten 15 Minuten wird sich das Chaos wieder etwas lichten.

Zeit für einen kleinen Gedankenaustausch mit einem untersetzten, Anzug tragenden Herrn, der trotz aller Bedenken tatsächlich interessiert scheint. Er ist höflich und offen und sucht, seine bedeutend unaufgeregtere Frau im Schlepptau, das Gespräch.

„Sagen Sie bitte, vielleicht komme ich einfach zu weit vom Land, aber ich bin tolerant und finde, jeder sollte tun, was er tun möchte. Jedoch ganz ehrlich, – wer braucht solche Dinge, wie Sie sie hier anbieten? Das ist doch… wie soll ich sagen… sehr speziell… wie kommt man darauf, solche Dinge zu mögen? Da muss doch irgendwann mal etwas schief gelaufen zu sein, oder nicht?“

Ich lächle ihn an und lasse mich ein.
„Nun, die Frage ist einfach zu beantworten. Menschen wie Sie und ich.“
„Ja aber… Sie verstehen doch was ich meine?“
„Ja, sicherlich.“
„Aber wieso, warum, wozu? Was bringt das einem?“
„Es ist nichts anderes als gelebte Phantasie und ein Spektrum an Empfindungen. Jeder hat unterschiedlich viel davon. Das ist alles.“
„Sie sind doch eine attraktive, gebildete Frau. Das kann ich sehen. Erklären Sie es mir. Was ist der Reiz an all dem?“
„Ich vermute mal, Sie sind ein Mann, der ein schönes Frauenbein in einem edlen Nylon und einem High Heel äußerst ansprechend und verführerisch findet?“
„Natürlich. Wer nicht?“
„Warum empfinden Sie das so?“
„Na das ist doch normal.“
„Nein. Weder normal noch unnormal. Das ist einfach nur etwas, das Sie irgendwann in Ihrem Leben als angenehm und erotisch erfahren und mit Ihrer Lust verknüpft haben. Nicht mehr und nicht weniger.“

Wir schauen uns an. Lächelnd. Und seine Frau grinst durchaus wissend.

„So einfach ist das?“
„Ich denke, ja. Und die Phantasie ist ein tolles Instrument, auf dem sich die unterschiedlichsten Melodien spielen lassen.“

Jetzt grinst er auch. Und ich zurück.
„Danke. Sie haben mir gerade etwas Interessantes vermittelt, auf das ich nicht gekommen wäre.“
„Gerne. Die Dinge sind einfach, wenn man es zulässt.“
„Und trotzdem braucht man manchmal einen Menschen, der sie einem übersetzt. Sie haben eine spannende Aufgabe hier. Danke.“
„Auch die ist meist einfacher als gedacht. Ich wünsche Ihnen viele, schöne Melodien.“

Wir geben uns die Hand. Ein netter, ruhiger Moment.
Einer, der vieles wettmacht.

Kurz vor Mitternacht kommen die Russen. Sie sind nicht zu übersehen.
Während die Schweizer, unbestritten unsere liebsten Touristen, Geld, ruhige Gelassenheit und den konkreten Blick für besonders feine Artikel mitbringen, weht bei den Russen unvorstellbarer Reichtum und eisiges Kalkül durch die Räume. Acht Geschäftsleute, teuer gekleidet, schnell, klar und wenig diplomatisch in den Ansagen.
Ich stelle mich anpassungsfähig jedem Kundenklientel. Nüchtern oder betrunken, gepflegt oder anzüglich. Meistens mit viel Spaß. Noch nie habe ich sie wirklich benötigt, die männlichen Kollegen, die im gesamten Haus stets ein gespitzes Ohr haben und sofort Gewehr bei Fuß stehen, wenn sich Ärger gegenüber uns Frauen auch nur andeuten könnte.
Doch wenn Nachts Russengruppen kommen, dann räume ich umgehend freiwillig das Feld und lasse das einzige Geschlecht ran, das die Sache souverän und akzeptiert über die Bühne bringen kann.

Schräg wie erwartet. Die Herren fragen nach dem teuersten Artikel des Hauses. Ich informiere, gebe kühl weiter und bleibe anschließend im Hintergrund. Mein Kollege wirft höflich ein paar russische Floskeln in die Runde, tippt 2.300 Euro in die Kasse und packt eine detailgetreue Feminisierungsmaske mit menschlichen Gesichtszügen in einen Edelkarton.
Sie werden diese nie aus echtem Interesse nutzen. Irgendeine mir fremde Menschenseele wird sie sich auf irgendeinem Besäufnis überstülpen und sich zum Affen machen müssen.

2.300 Euro werden bar aus der Geldklammer gezählt und beiläufig auf den Tresen geworfen. Im vielen Licht der Schatten des Abends. Jedes nette Pärchen mit Gleitgeleinkauf für einen Zehner ist mir tausend mal lieber. Die Russen ziehen weiter, nach einigen Minuten herrscht wieder Normaltemperatur im Bunker. Es hat sich glücklicher Weise ausgefröstelt.

Eine blonde Dame im Kostüm, gehobenes Bildungsbürgertum, ist noch immer fasziniert, Zeuge dieses kurzen Auftritts geworden zu sein. „Ich bin überrascht“ sagt sie, „ich dachte, das wäre eher eine Art Erotikmuseum hier. Aber Sie verkaufen ja auch.“
Ja, wir verkaufen. Wir sind ein Fachhandel. Sie werden überrascht sein, wir beraten sogar gut und gerne.“
Ihre Verwunderung ist nicht gestellt und schon fast wieder zum liebhaben. Na, dann würde sie doch unter der Woche gerne nocheinmal wiederkommen. Jetzt sei es doch schon ziemlich spät.

Kurz vor Zwei Uhr nachts.
Der obligatorische Schließmuskel kommt und dreht mit großem, klappernden Schlüsselbund seine Runde durchs Haus. Die Kassen werden in allen Abteilungen noch schnell abgerechnet, der Wochenendumsatz kann sich sehen lassen. Nur wenig später gehen die 10.000 Strahler im Bunker aus, wir fallen am Nebenausgang fast über die Punks, die den ganzen Tag ihr zuhause vor der Tür nicht verlassen haben. ein paar Mal tief einatmen und man bekommt einen Joint to go, direkt in die Lunge, for free.

Einige Kollegen rufen noch einen kurzen Gruß, schwingen sich aufs Fahrrad und verschwinden in der Dunkelheit. Andere ziehen noch ein paar Straßen weiter. Auf einen Absacker in die Pyjama Bar, die im Leben noch nie einen im Schlafanzug gesehen hat, oder auf ein Bier am Kiez-Kiosk. Im Sitzen bitte, die Nacht war lang, die Füße schmerzen.
Ganz und gar unerotisch, übrigens.

Candy Bukowski

Advertisements

Autor: Candy Bukowski

Autorin beim Verlag edel & electric. Lieferbare Titel: "Der beste Suizid ist immer noch sich tot zu leben" (30 Erzählungen) Print 2014 / eBook 2015. "Wir waren keine Helden" (Roman) Print & ebook 2016

14 Kommentare zu “Leben im Sexshop – Teil 2: Nacht

  1. Gerne noch weitere 25 Teile :D
    Freitag Nachtschicht?

    Gefällt 1 Person

  2. Mit Ausnahme der Russen scheint man deine Kunden einfach gern haben zu müssen – jeden zwar auf seine eigene, teils verschrobene, Art und Weise, aber doch …

    Gefällt 1 Person

  3. Eindrucksvoller Einblick. Danke! :)

    Gefällt 2 Personen

  4. Danke für den Text, war genauso interessant wie Teil 1 :) Und ich hätte gern auch noch mehr Geschichten!

    Gefällt 3 Personen

  5. Ich glaube, ich war vor vielen Jahren auch mal in diesem riesigen Sexshop in Hamburg. Schon beeindruckend, was die dort führen.

    Da werden Männerträume geweckt und verlangen ganz langsam nach Umsetzung. Da die Keuschheit der Ehefrau unberührt bleibt, wird diese teuer und die Sexarbeiterinnen klagen über immer größere Anforderungen an das zur Verfügung zu stellende Equipment.

    Gefällt mir

  6. beide Teile sind echte Candy-Texte, Humor mit Tiefgang und feiner Beobachtungsgabe gepaart, kaum Wertunegen und schon gar keine Abwertungen- die Menschen sind, wie sie sind … mir gefällt hier sehr der Dialog mit dem Mann vom Land, einzig die Russen lassen mich ein bisschen gruseln, warum auch immer noch …
    danke für den Einblick

    Gefällt mir

  7. Sehr toll geschrieben!

    Gefällt 1 Person

  8. Ja, irgendwie habe ich kein Problem mir Dich als Teil von Statler&Waldorf zu sehen, die beiden sitzen übrigens bei mir im Schrank :-)
    Weiterhin gerne mal ein Praktikum bei Euch :-)

    Gefällt 1 Person

  9. Pingback: Unsere Netzhighlights - Woche 32/2015 | Apfelmädchen & sadfsh

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s