Candy Bukowski

Autorenblog

Ein Interview zu den Helden

2 Kommentare

Anyah Fredriksson von „Angis Bücherkiste“, die eine ganz wundervolle Rezension zu „Wir waren keine Helden“ verfasste, lud mich zu einem Interview. Es ging ums Schreiben allgemein und den Heldenroman im Speziellen, und es war sogar Platz für die Frage, warum eigentlich nur männliche Autoren literarisch über die Liebe schreiben dürfen, und wo, zum Teufel nochmal, weibliche Romanheldinnen für all die starken, autarken Frauen dort draußen bleiben.

Das Interview kann man drüben auf Angis Bücherkiste lesen, wo es übrigens ganz viele interessante Buchtipps gibt, oder auch direkt hier:

autorenfotoHallo Candy, ich freue mich sehr darüber, Dich heute als meinen Gast begrüßen zu dürfen! Du sagst, Dein Helden-Buch polarisiert, warum denkst Du, ist das so?

Naja, zum einen gibt es ein paar stilistische Grundregeln, wie ein Roman zu sein hat, wie Charaktere und Spannungsbogen aufgebaut werden, welches Tempo und welcher Sprachtenor zum besttragenden Lesefluss führt etc. An diesen Regeln halten die meisten Verlage fest, die Literaturfachleute sowieso, und letztendlich auch viele Leser, die einen Roman durch dieses Stilgerüst als bequem verständlich empfinden und sich darin wie auf einer Sänfte getragen fühlen wollen. Das ist völlig legitim, aber die „Helden“ sind nach diesen Maßstäben eben keine Sänfte, sondern ein röhrender Ford Mustang mit vollem Aschenbecher auf der Mittelkonsole. Ich schreibe in meinem eigenen Stil. Der kann „ficken“ und poetische Sprachbilder gleichermaßen und es ist eben mein Ding, Sprache und Emotion auszureizen und damit ungenormt eine eigene Nische zu belegen. Manche Leser empfinden das als fremd und anstrengend, andere lieben meine Texte genau deswegen. Es existiert kein „nett, unterhaltsam, durchaus lesenswert“ in der Mitte. Und das finde ich eigentlich ganz ok so.

Wie lange hast Du an dem Buch geschrieben?

Es existierte zunächst der 80er Jahre Teil in Fragmenten. Als edel & electric diesen sozusagen „blind“ als Romangrundlage kaufte, wussten wir alle noch nicht, wo die Reise von Sugar genau hingehen würde. Ab diesem Zeitpunkt konnte ich inkl. Überarbeitung nach dem Erst- und Zweit-Lektorat ca. acht Monate schreiben. Und wie es sich für einen Entwicklungsroman gehört, haben sich Zeit, Themen und Stimme der Protagonistin, darin mitverändert.

Seit wann schreibst Du Texte und seit wann weißt Du, dass Schreiben genau das ist, was Du immer tun wolltest?

Ich habe immer schon geschrieben, mir das Erzählen aber sehr lange Zeit selbst nicht zugetraut. Als Frau der kurzen, prägnanten Worte, komme ich aus Lyrik, Chanson-Texten, Bühnenprogramm und dem erotischen Essay. Schreiben war immer meine beste, vielleicht einzige, echte Ausdrucksform. Der Platz, an dem ich die Dinge für mich geordnet bekomme. Ans erzählende Schreiben habe ich mich tatsächlich erst 2013 gewagt. Dann aber, wie immer, exzessiv und schonungslos.

Wie sieht Dein persönlicher Wohlfühl-Schreibplatz aus? Wann schreibst Du?

Ich träume davon, irgendwann entspannt und altersweise, in einem schönen Garten, an einem sonnigen Tisch zu sitzen und großartige Bücher zu schreiben. Bis es aber soweit ist, kritzle ich in der U-Bahn und auf dem Kiez Notizen auf Schmierzettel und tippe sie dann strukturiert ins Laptop, wenn der Alltag gnädig einen Zwischenraum dafür anbietet.

Ich kann fast nur nachts schreiben. Aber eigentlich passt das ganz gut. Nachts wird Stille lauter, Emotion spürbarer und schreiben sich Texte tiefer. Nicht auszudenken, was ich an einem sonnenbestrahlten Gartentischchen verbrechen würde.

Ohne spoilern zu wollen, welches Kapitel aus Deinem Helden-Buch ist Dein persönlicher Favorit?

Mir sind alle Kapitel gleich lieb, weil sie nur zusammen das Ganze ergeben. Es sind eher einzelne Passagen, die ich als meine persönlichen Favoriten ansehe. Die, die bei Lesern vermutlich unter „Lieblingssätze“ fallen, „bei denen man nicht mehr aufhören möchte, zu unterstreichen“. Das sind natürlich genau die Passagen, die auch sehr bewusst exakt so und nicht anders geschrieben wurden.Ich mag den Bruch in der Mitte, wenn Themen und Stimme reifer werden. Müsste ich mich festlegen, wären persönliche, emotionale Favoriten: wenn Pete lacht, Luke tanzt und Rocky rennt.

Kann man sagen, dass „Wir waren keine Helden“ autobiographische Züge beinhaltet? Bist Du die Candy aus dem Buch oder sind einige Passagen durchaus auch fiktiv?

Das ist lustig, dass bei der Vorableserunde, alle LeserInnen „Candy“ als Protagonistin sehen, obwohl es „Sugar“ ist. Das wird nur in einem Dialog in Kapitel 2 und Kapitelüberschriften deutlich, aber genau bei diesem Namenswechsel, beim ersten Mal rundum als Persönlichkeit wahrgenommen werden, die ihr Leben herausfordert, entsteht die Protagonistin dieser Geschichte. Und Sugar ist auch für mich, eine völlig eigenständige Figur.
Es wäre natürlich lächerlich zu behaupten, es wäre kein stark autobiografisch angelegter Roman. Vermutlich überträgt er sich auch deshalb so gut auf LeserInnen, die ihn lieben. Weil dieses „gescheiterte Heldenthema“ nur mit schonungsloser Authentizität transportiert werden kann, ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Im Grundtenor schreibe ich aber auch grundsätzlich nur Nonfiction. Man muss nichts erfinden, nur genau hinschauen und mitschreiben. Das Leben legt alle Stories auf den Präsentierteller. Manchmal mehr, als man ertragen kann.

Vor einigen Wochen hast Du auf Deinem Blog den Text „Warum haben wir uns nicht …?“ veröffentlicht. Nun bei der Lektüre des Helden-Romans habe ich gleich an Pete denken müssen, ging es Dir ähnlich?

Wow. Ich fühle mich geehrt, wie aufmerksam Du meine Texte verfolgst. Das ist ein recht gutes Beispiel. Diese kurze Geschichte ist exakt so geschehen, wie ich sie aufgeschrieben habe. Mir passieren ständig solche Situationen. Vielleicht weil ich ein recht ungenormtes Leben führe, das sie möglich macht.
Pete und ich bleiben für alle Zeit sehr besondere Menschen füreinander. Aber auch wir sind natürlich erwachsen geworden und versöhnt mit unseren unterschiedlichen Lebensmittelpunkten. Auch mit anderen Lieben. Somit drehte sich mein Gefühl in dieser Geschichte um einen anderen Menschen. Und die immer wieder schmerzvolle Antwort auf die Frage „Warum konnten wir uns nicht früher begegnen?“. Weil wir dann nicht dieselben wären. Inklusive dem fehlenden Mut, immer wieder das richtigere Leben zu wählen.

Du lebst in Deiner Wahlheimatstadt Hamburg, was liebst Du besonders an der Stadt?

Bekanntlich komme ich „vom Arsch der Welt“, einer Provinz im Süden Deutschlands. Es gibt eine Handvoll Menschen dort, die ich sehr vermisse. Aber ich gehöre nach Hamburg, ans Wasser, in die Weite, an diesen Ort, an dem die Köpfe der Leute toleranter, das Leben freier und die Möglichkeiten für Menschen wie mich, größer sind. Ich liebe das viele Hamburger Grün und Blau, den dreckigen Kiez, den sehnsuchtsvollen Hafen, die Breite an Kultur. Und dass man hier immer wieder anderen Seeleneremiten begegnet, aus denen sich prächtige, echte Geschichten schreiben lassen.

Gibt es eine Frage, von der Du Dir wünschen würdest, dass sie Dir jemand in einem Interview stellt, dann ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt, sie zu beantworten?!

Oh ja! Ich würde gerne gefragt werden, weshalb „Wir waren keine Helden“ als Hardcover ohne Verlagslabel erscheint und wie es künftig weitergeht. Und ich würde antworten: Weil Printpläne bei edel & electric dieses Frühjahr leider kurzfristig zerschlagen wurden. Und ich deshalb größtes Interesse an einer mutigen, offenen Literaturagentur habe, die in meiner ungewöhnlichen, weiblichen Autoren-Stimme Potential für gegenseitig wertschätzende Zusammenarbeit sieht.

Der nächste Roman spielt auf dem dreckigen Kiez und es geht es um Ängste. Um all diese vielen, fiesen Ängste die unfrei machen und uns im nicht mehr passenden Leben verharren, oder ein unpassendes Leben wählen lassen. Als hätten wir mehr als eines davon zur Verfügung. Es geht ums Lieben, das Leben und all die Lügen, uns selbst und anderen gegenüber. Weil die Wahrheit so oft alles einbrechen lassen würde. Allem voran uns selbst. Also eigentlich ein klassisch männlicher Romanplot, explizit an diesem gewählten Erzähl-Ort.

Und dann würde ich so gerne selbst noch fragen, warum männliche Autoren, die über die Liebe schreiben, meist literarisch angesiedelt werden. Während den Autorinnen der Gegenwartsliteratur nur „Liebesgeschichten“ zugebilligt werden?

Nicht nennenswert anders verhält es sich bei Helden-Themen.
Im Kinder- und Jugendbuch noch gern gesehen, sind die Roman-Heldinnen, die starken, autarken Wölfinnen, die Eremitinnen, die Freidenkerinnen und Durchbeißerinnen, seit Jahrzehnten nicht mehr belegt. Und das in Zeiten einer Flut alleinerziehender Frauen, die im Alltag, in ihrer beruflichen und persönlichen Existenz, auch in ihrer Sexualität völlig neue Wege finden müssen.
Seltsam oder?
Hätte ich einen Verlag, würde mir das Gedanken machen.

(Das Interview führte Anyah Fredriksson)

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Autor: Candy Bukowski

Autorin beim Verlag edel & electric. Lieferbare Titel: "Der beste Suizid ist immer noch sich tot zu leben" (30 Erzählungen) Print 2014 / eBook 2015. "Wir waren keine Helden" (Roman) Print & ebook 2016

2 Kommentare zu “Ein Interview zu den Helden

  1. Ich finde deine Antworten erfrischend unkonventionell – danke und Glückwunsch an das Interviewteam!

    Gefällt 1 Person

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