Leseprobe „Wir waren keine Helden“

Auszug aus Kapitel 2 – „Ein Punk fällt vom Himmel“


„Du machst Musik?“
„Klar. Was sonst. Wie heißt du?“
„Candy. Und du?“
„Pete, aber alle nennen mich Buffy.“
„Wenn dich alle Buffy nennen, nenne ich dich Pete.“
„Okay, Sugar.“

In einem amerikanischen Roadmovie wäre an dieser Stelle ein klappernder GMC-Bus vorgefahren. Die Kamera hätte –Jonny Cash im Hintergrund – von der anderen Seite draufgehalten und nach seiner Abfahrt den Blick auf die gleichen zwei Personen freigegeben, die nun schicksalsträchtig in dieselbe Richtung schauten.

Aber so war es natürlich nicht. So ist es nie.

Keine Kamera weit und breit. Und ich habe den Bus des Tages auch nicht verpasst, sondern ihn brav genommen. Alles andere wäre überspannter Hollywoodkitsch. Aber ab diesem Tag lauerte ich ihm fast täglich schüchtern auf und er nahm es, wie es kam, und lächelte mir entgegen. Als wäre er nur deswegen gekommen.

Das war das Seltsame damals. Ich hätte ihm alles gegeben. Auch das eine. Und er gab mir alles, außer dem einen. Er wäre nicht der Erste gewesen, aber ich eine unter vielen. Zumindest mehreren. Damit ich das begriff, nannte er mich hin und wieder lächelnd seine Schwester und legte mir dabei ganz harmlos den starken Arm um die Schulter. Und ich begriff es, mit bis hoch zum Hals zugeschnürtem Herz, während ich ganz langsam lernte, über die eigene Nasenspitze hinauszuschauen.

Er war mein Lehrer, mein großer Bruder, mein Leuchtturm, mein Mentor. Er lehrte mich Freiheit zu leben, anstatt sie einfach nur einzufordern oder ihr Fehlen wie ein trotziges Kind zu bemaulen.

Pete hatte Zeit.
Das war das Erste, das Offensichtlichste nach seinem verwegenen Aussehen, das zu seiner beständigen, aber schnörkellosen Freundlichkeit so gar nicht passen wollte. Er hatte Zeit, weil er nichts hinterherlief. Keinem Job, keinem Muss, keinem Alltag und somit auch keiner Auszeit davon. Pete war immer in Ist-Zeit, im totalen Jetzt, und nahm mich Schritt für Schritt mit.

Er schmiss sich lässig auf Sommerwiesen, während ich mich verkrampft neben ihn setzte und versuchte dabei gut auszusehen. Bis er geduldig auf den Boden klopfte und etwas von „Entspann dich mal, du musst tiefer runter, da oben kannst du das Große vom Kleinen doch gar nicht sehen“ sagte. Um anschließend seine Wange auf den Boden zu pressen und aus diesem Winkel die unvorstellbare Unendlichkeit der Welt aus Sicht des Marienkäfers zu beobachten, der sich eben an einem Grashalm hochhangelte.

Und ich legte mich endlich dankbar neben ihn, flach atmend, den Jungmädchenbauch eingezogen, und fühlte mich wie Gulliver im Land der kleinen Menschen. Viel zu groß, viel zu unlocker, viel zu viel von allem und eingebunden in ein Korsett aus viel zu vielen Kleinmensch-Seilen.

Bis ich nur noch nachgeben konnte, ganz langsam, neben all seiner Gelassenheit und all dem Selbstverständnis von Durchatmen und Sein. Und dann tatsächlich klein werden konnte, zusammenschrumpfen, bis mir sechs krumme Beine wuchsen, mein frisch gebogener Rücken Punkte trug und sich darunter hauchzarte Flügel herausstreckten.

Und dann war es tatsächlich da, das massenhafte Grün um mich herum, Grün in allen Schattierungen, riesige Grasbäume in Sky-scraper-Grün, die sich wie torkelnde Riesen hin- und herwiegten, mich trunken machten und schwindlig. Und über mir ein Universum an Blau, das lange Zeit nur durch die dicken Halmmonster blitzte und erst als ich nach ganz oben hinaufgekrabbelt war, an der feinsten Spitze, dort wo es wieder tief herunterging, wirkliche Weite wurde. Eine Vorstellung von Unendlichkeit und Größe. Eine Mächtigkeit an hellem, unbegrenztem Blau.

Das war alles nichts Besonderes. Keine großen Taten, kein gewaltiges Abenteuer, kein beeindruckender Atompilz am Ende der Welt, der irgendjemandem aufgefallen wäre. Aber für mich war es spektakulär. Wenn wir in den Himmel schauten und Pete wie eine Möwe flog, ganz beiläufig über die Freiheit sprach, über die Nichtexistenz von Zeit und Raum, weil immer jetzt ist und alles immer da.

Es war spektakulär in meiner Welt, ihn dabei zu beobachten, wie er sich in die Lüfte schwang, sich treiben ließ und tragen. Wie er entspannt Kreise flog, zum Bussard wurde, sich aus lauter Neugier in die Tiefe stürzte, aber immer die Wühlmaus verschonte.

Pete war gut. Hart, aber gut. Nicht das böse Hart, sondern das klare. Das Hart, das dir zeigt, wie viel Rückgrat dir selbst in deinem haltlosen Weichsein noch fehlt. Und dabei ganz und gar unaufgeregt bleibt – es wird schon noch wachsen. Weil doch alles dann kommt, wenn es an der Zeit dafür ist…

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