Nina Hagen in lackweiß und ne Aspirin

Ich habe schlecht geträumt.
Solch einen schrillbunten Horrorstreifen mit schnellen Schnitten und Kreissägensound, den man nie brauchen kann, und der, wenn man nassgeschwitzt aufwacht und nach ein paar Minuten Rückkehr in die Realität, dankbar nochmal kurz die Augen schließt, an selber Stelle weiterläuft.

In meinem, hat Nina Hagen in knapper, weißer Lack-Krankenschwester-Kluft, einem Oberarzt einen Herzkatheter gelegt. Im Stehen. Mitten auf dem Gang. So zwischen Tür und Angel, weil alle sagen, dass das inzwischen ja alles total super easy Standard wäre. Aber der Oberarzt sah trotzdem nicht wirklich entspannt aus, sondern riss die Augen weit auf und fiepste eher uncool, als würde er seinen eigenen Kathetern nicht trauen, während sie sich durch das gesamte Venengeflecht seines Körpers schlängelten. Und Nina Hagen immer gut bei Stimme, in höchsten Tönen und mit beeindruckendem Zungenschlag an seinem linken Ohrläppchen herumleckte.

Was für ein Traum.
Es scheint, ich reagiere gerade etwas über, zwischen all den radioaktiven Flüssigkeiten die im mich hineingespritzt, und den nicht so schönen Befunden, die aus mir herausgeholt werden. Völlig übertrieben natürlich, denn das ist doch alles totaler, super easy Standard und was die Medizin alles kann… faszinierend. Unangenehm natürlich, das wird aller Orten zugegeben, aber wer außer mir hat schon Schiss vor so ein bißchen unangenehm, das nimmt man in grenzwertigen Situationen doch mit Handkuss. Und gibt sich federleicht in die geschulten Hände der Profis.

Aber sicher.
Aktuell werde ich zwischen drei unterschiedlichen, selbstständigen Praxen hin- und hergeschickt. Jede einzelne davon denkt und arbeitet exakt von ihrem Untersuchungsspektrum bis zum weitergeleiteten Befund. Keine einzelne davon, weiß um meinen aktuellen Status Quo. Gibt es bei der einen erst einen weiteren Termin in 2 Monaten, warten alle stoisch auf den Befund in 2 Monaten.

Da ist es schon fast unangenehm, eine selbsttätig denkende Patientin aushalten zu müssen. Die einfach anruft und etwas von einem unschönen Zwischenbefund faselt, sowie eine Einschätzung zur weiteren Vorgehensweise verlangt, wie medikamentöser Einstellung über die Warte- und Urlaubszeit. Und durchaus frech, damit eine neue, nun zuständige Kardiologin der riesigen Praxis, in der vermutlich alle Patienten neu durchalphabetisiert wurden, zu belästigen…

„Ja, dann sprechen wir wieder, wenn der 2.Befund vorliegt. Sie haben ja zum Glück keine linksseitigen Beschwerden.“
„Äh… ich habe seit Wochen dauerhaft Herzschmerzen, deshalb bin ich bei Ihnen.“
„Ok, dann ist es besser, wir stabilisieren sie zusätzlich mit Aspirin 100.“
„Äh.. das ist ein Blutverdünner, wenn mich nicht alles täuscht?!“
„Ja, völlig richtig.“
„Hallo, ich nehme einen anderen seit 2 Monaten nach Embolie bereits hochdosiert… das steht in Ihren Unterlagen!“
„Hach, ja. Tatsächlich. Dann sehen wir uns, sobald ich den weiteren Befund habe. Gute Nerven für Sie.“

Ich habe schlecht geträumt.
Von Nina Hagen, in lackweißer Krankenschwesternkluft, die dem Oberarzt auf dem Flur einen Katheter ins Herz schiebt.
Es scheint, ich bin da gerade etwas dünnhäutig, – auch in der Realität – die Götter in Weiß mögen mir verzeihen.

Nehme ich doch einfach mal, ne Aspirin…

Candy Bukowski

16 Antworten auf “Nina Hagen in lackweiß und ne Aspirin”

  1. Eine Verwandte wurde einmal mit starken Herzbeschwerden von der Thorax-Klinik in die Herz-Klinik verlegt. Der Kardiologe meinte beim ersten Anblick: „Wenn ich nicht wüsste, dass Sie aus der Thorax kommen würde ich spontan sagen, dass Sie eine sehr starke Lungenentzündung haben.“ Guess what? Natürlich hatte sie eine sehr schwere Lungenentzündung und die Halbgötter haben es nicht erkannt.

    Du musst selbst mitdenken. Alternativ gehe in eine Klinik, wo die Ärzte zusammenarbeiten. Ich hatte vor kurzem einen Artikel über die Uni-Klinik Marburg gelesen. Da gibt es einen Lehrstuhl für seltene Krankheiten (hat einen anderen Namen). Der Professor sieht sein Erfolgsrezept in der guten Zusammenarbeit der unterschiedlichen Disziplinen.

    Gute Besserung

    P. S. Wie alt war Nina Hagen? Sie war noch nie mein Typ aber Nina Hagen vor 30 Jahren ist nicht ganz so ein Albtraum wie heute.

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  2. Super gut geschrieben über eine ungute Sache, damit meine ich nicht den Traum. Den Vorschlag von Guinness finde ich gut.
    Ich glaube das es den eigenen A …retten kann, wenn man mitdenkt. Von daher lieber unbequem als scheintot.. Mir hatte die Hausärztin die neuen Betablocker hochdosiert, weil ich sagte ich käme mit dem Medikament nicht klar. Der Kardiologe sagte:komplett absetzen, das geht auch so…
    Gute Besserung und dran bleiben…LIebe Grüße Xeniana

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  3. Danke, Scheiss Gesundheitssystem, dass auch Du nach dem Prinzip der Gewinnmaximierung ausgerichtet wurdest…
    Man munkelt, dass die Heiler früher nur ihren Unterhalt, Kost und Logis erhalten haben, wenn sie dafür gesorgt haben, dass die Menschen in ihrer Umgebung gesund geblieben sind…
    Das wär doch mal was…

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      1. Verständlich, dass das viel Platz braucht!
        Übrigens habe ich dir über FB eine Nachricht geschickt, ist bestimmt in deinem Postfach dort.

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  4. Liebe Frau Bukowski, ich wünsche Ihnen, Sie mögen einen kompetenten Weißkittel finden, der/die sich Ihrer annimmt. Das ist nunmal kein scheißverdammter Schnupfen, den Sie mündig selbst bekämpfen können. Sie sind in dem Fall auf das so im Drecke laufende Gesundheitssystem angewiesen und haben Profihilfe schlichtweg verdient. Alles Gute und behalten Sie Ihren optimistischen Blick, bleibt ja sonst nix. Herzlichst Käthe.

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