Candy Bukowski

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Think about: Egoismus

21 Kommentare

Nein, keine philosophische Abhandlung. Die können große Geister besser und haben es längst getan, auch wenn ich bisher nichts davon gelesen habe. Vielleicht sollte ich das einmal tun, denn Egoismus war tatsächlich ein Begriff, an dem ich mir in jüngster Vergangenheit, trotzig das juckende Fell gerieben habe. Bis runter zur blutenden Haut, immer wieder im Disput mit mir selbst und etlichen anderen.

Dass Egoismus ein notwendiger Pfeiler des Ich sei, und dass er wiedererlangt, wiedergefunden, sich selbst wieder zugestanden gehöre, wenn er abhanden gekommen sei. Was mehr Menschen passiere, als man denke, und genau darin das Problem des Schmerzes liege, wurde konfrontiert.
„Gesund“ wurde dann gerne noch vorangestellt.
„Gesunder“ Egoismus, um abzuschwächen und gerade zu rücken, was ansonsten ja gerne quer im Magen liegt und einfach nicht durchrutschen will, um ordentlich aufgenommen und verdaut zu werden. Verinnerlicht. Das, was im Außen so gewaltig viel Platz einnehmen kann, verträglich nach Innen geholt, begriffen und geschluckt.

Und ich habe getrotzt und rebelliert.
Den Kopf geschüttelt und so lange das „aber“ bemüht, bis ich das „weil und so und nicht anders für mich richtig“ als selbszubereitetes Gericht verspeisen konnte. Bis endlich nichts mehr hochkam und verdorben roch.

Nein.
Den Begriff Egoismus war und bin ich nicht bereit, als Ausdruck richtiger, sozialer und beziehungskompatibler Eigenschaften zu schlucken.
Weil alle, die ihn vertreten, versuchen, ihn mit positivem Gerüst von seinem negativen Panzer zu befreien und dabei so herumstümpern, dass vor lauter Weichspüler die Wäsche gar nicht mehr zu erkennen ist.

Weil es für mich nicht passt, wenn diese Eigenschaft nach Duden und Co. sowohl mit Selbstliebe, wie auch mit Ich-Bezogenheit, sowohl mit Eigenliebe, wie auch Eigennützigkeit gleichgesetzt wird. Weil zwischen diesen Verhaltensweisen Galaxien liegen und ich sie deshalb in meine Welt nicht übernehmen will.
Nicht mehr übernehmen kann, ohne Sodbrennen zu bekommen.
Und das ist so verdammt gut, wie es nur sein kann, wenn man etwas so lange seziert, bis man für sich versteht, was es einem unverdaulich macht.

Mein Glutamat im hach, so gesunden und notwendigen Egoismus, ist:
dass ihn meist nur die Menschen problemlos benennen, deren Geschmacksverstärker auch ansonsten im großen Ich zu finden sind.

Die nicht über den Hauch von Selbstliebe verfügen und deshalb Fremdliebe konsumieren.
Deren Eigennutz so gering ist, dass er durch Eigennützigkeit von Außen aufgepolstert werden muss.

Nun wird der Durchschnittsegoist natürlich umgehend kontern: „Ha! Wie blind bist Du eigentlich, Babe!? Glaubst Du denn, dass auch nur irgendein Teil der Liebe und zwischenmenschlicher Beziehungen ohne Egoismus ist? Bereits der Anspruch auf Zurückgeliebt, – gemocht, – geschätzt werden, ist ein hochgradig egoistischer Akt, von dem sich niemand freimachen kann.“

Und bis zu exakt dieser Aussage müsste und möchte ich ihm zustimmen.
Ich bin nicht Ghandi. Es ist mir absolut nicht egal, was im Zwischenmenschlichen von mir gedacht, und wie mit meinem Einsatz Herz umgegangen wird.

Aber… aber sowas von aber:
der gesunde Egoismus im Zwischenmenschlichen, hat den Auftrag zu dienen.
Er dient dazu, zwei eigenständige Persönlichkeiten zu stärken.
Er dient der Qualität bewussten Miteinanderseins und Aufeinanderachtens.
Er dient jedem für sich und somit in logischer Konsequenz, allen Beteiligten.
Egoismus, der nicht dient, dient immer nur einem.
Und fällt unter reine Eigennützigkeit.

Abgrenzung, ein Begriff den ich immer mehr zu schätzen lerne, wäre im Gegensatz zu Egoismus ein guter, bewusster Einsatz möglicher Mittel, um auf eigene Bedürfnisse zu achten. Mich selbst im einen oder anderen Bereich klar zu positionieren, ohne den anderen damit zu beschneiden, oder in den Vorwurf zu gehen: hohe Kunst. Aber eine erstrebenswerte.

Witzigerweise reagieren Menschen mit einem starken Pro zu Egoismus, mit äußerstem Unverständnis auf Abgrenzung ihres Gegenübers. Es macht Sinn, das mal auszuprobieren, wenn man eher zu einem verständnisvollen, anpassungsfähigen Menschentypus gehört. Einfach mal deutlich abgrenzen, klare Bedürfnisse artikulieren und gespannt schauen was passiert.
Und da passiert einiges, wenn auch nicht das Beste.
Im harmlosesten Falle: langes, überraschtes Schweigen.

Aber, auch hier gilt es, das aber nicht zu schonen: dass die Situation so und nicht anders ist, dafür kann man sich wiederum an der eigenen Nase packen.

Oder auch am Kiesler-Kreis.
In dem wir uns bewegen, durch den wir kommunizieren, über den wir uns transportieren, ob wir wollen oder nicht.

Wenn in manchen meiner Beziehungsgeflechte, ein außergewöhnlich großes Maß an Dominanz und ungesundem, egoistischen Verhalten Platz gefunden hat, dann habe ich diesen Platz eingeräumt. Da gibt es viele, gut gemeinte Gründe dafür, aber letztendlich sind sie eben alle destruktiv und verdammt schlecht gemacht, wenn ich am Egotrip von Gegenüber verzweifle, kaputt gehe, die Flügel strecke, was auch immer.

Sobald Einer von Zweien das ausgeglichene, mittlere Zentrum verlässt, positioniert sich der andere im Feld gegenüber.
Das schöne, alte, unglaublich konsequente Gesetz der Polarität greift auch hier.
Gehe ich ins schwache Aushalten, muss der andere in die feindselige Dominanz.
Je besser und erlaubter er diese empfindet, um so geringer ist die Aussicht, dass er von sich aus versucht, in die ausgleichende Mitte zurückzukehren.

Wir finden, lieben, hassen und verlieren uns auf einer Scheiss-Kinderwippe.
Mittendrin im schönen Spielplatz Leben.

Und weil das so ist, wie es ist, verwehre ich mich dem Egoismus.
Sowohl, mich selbst darin bewusst anzusiedeln, als auch Menschen, die auf die Qualität dieser Eigenschaft pochen, die nur allzu selten dient.

Selbstfürsorge.
Ja. Darin gilt es viel zu tun, zu lernen, zu erreichen. Auch einzufordern.
Das ist ein ungewohntes Wort, das alle Aufmerksamkeit verdient.
Um zu einer wertvollen Eigenschaft werden zu können. Ganz ohne Sodbrennen.

Candy Bukowski

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Autor: Candy Bukowski

Autorin beim Verlag edel & electric. Lieferbare Titel: "Der beste Suizid ist immer noch sich tot zu leben" (30 Erzählungen) Print 2014 / eBook 2015. "Wir waren keine Helden" (Roman) Print & ebook 2016

21 Kommentare zu “Think about: Egoismus

  1. Selbstfürsorge… das Wort gefällt mir! Danke!
    Oliver 2.0

    Gefällt 1 Person

  2. Toll! Frau Bukowski liest Gedanken, oder so.

    Ich mag den Begriff Abgrenzung sehr. Weil er impliziert, dass man seine eigenen Grenzen erkennt, was widerum ein Teil der Selbstpflege ist. Mir allerdings wurde genau dies Verhalten – das der Abgrenzung, in offener Art, ohne das Gegenüber unwissend zurückzulassen – als Egoismus vorgeworfen. So sehe ich mich nicht. Aber mein Gegenüber. Wobei es dann schlussfolgernd ja so sein muss, dass es auf die Position des jeweiligen ankommt. Zwei verschiedene Menschen, zwei verschiedene Meinungen/Empfindungen.

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    • :) oha, Gedankenlesen. Schöner Treffer also. Ja, ich tue mich mit Abgrenzung auch, gerade wegen der Assoziation des eigenen Grenzen kennen, sehr viel leichter.
      Nun kenne ich natürlich Deine Geschichte nicht, aber zurücklassen, ob wissend oder unwissend, klingt zumindest nach Grenze im Sinne von Schlußstrich ziehen. Das könnte jemand schon mal ausgesprochen verletzend und egoistisch finden, klar.
      Ob es das ist, steht in den Sternen. Mir geht und ging es hauptsächlich um den Egoismus innerhalb bestehender Beziehungen und was er, daraus macht. Er lässt die Waage kippen. Das ist meine Wahrnehmung. Meine Position, wenn Du so magst. Und ja, da hast Du wohl völlig recht, es kommt auf die Position an. Und, soweit es meine Erfahrung betrifft, lässt sich eben doch eine Unterscheidung treffen: ob das egoistische Element eben der Beziehung letztendlich dient, oder nicht. Es wird damit durchaus auch messbar.

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  3. Ich liebe den Spruch „Wenn jeder an sich denkt, dann ist an jeden gedacht“. Habe den vor zwei Jahren zum ersten Mal gehört und kann immer wieder schmunzeln.

    Was ist Egoismus? Wieso empfinde ich bestimmte Handlungen als egoistisch und andere nicht? Ist jede Entscheidung die ich nach meinem Willen fälle eine egoistische wenn sie dem Willen des anderen widerspricht?

    Meiner Meinung nach ist man immer in einem Spannungsfeld unterwegs und hat entsprechende Freiräume. Diese erarbeitet man sich im Laufe der Zeit bzw verspielt sie wieder. So kann eine vermeintlich egoistische Entscheidung sich positiv oder negativ auswirken. Es ist aber immer ein Geben und Nehmen. Und wenn der eine immer nimmt und der andere immer gibt, dann kann das nicht auf lange Zeit gut gehen. Entweder hat man eine LMAA-Haltung oder aber man mach etwas anderes. Man sieht das häufig bei selbstherrlichen Menschen, die man so lange gewähren lässt, so lange sie Erfolg haben. Sobald dieser weg ist werden Rechnungen beglichen.

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    • Hi Guiness, ja das ist ein Spruch zum Schmunzeln, aber viel mehr aber doch auch nicht, weil er im sozialen Gefüge dann eben auch hinkt, wenn wir nicht alle auf verschiedenen Sternen leben wollen.
      Das von Dir genannte Spannungsfeld gefällt mir gut, weil es die Dynamik zeigt. Das sich gegenseitig bedingen, die Polarität. Keiner kann ungestraft in Beziehungen etwas tun oder lassen, ohne dass es sich nicht auf andere auswirkt. Fluch oder Segen? Sicherlich beides. Um so katastrophaler der Egoismus, in dem es ausschließlich um die eigenen Bedürfnisse im Mittelpunkt geht. Wenn ich alles an mir messe, nehme ich Menschen und Situationen eben ihr eigenes und bin dennoch mit dem Ergebnis nie zufrieden. Was ich wiederum zu einem der Grundzüge des Egoismus zählen würde. Aber: ja, der Begriff polarisiert. Absolut. Und wird sich allgemein gültig, vermutlich nie festnageln lassen.

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  4. hach, du bist mal wieder haarscharf auf meiner gedankenwelle. danke! und selbstfürsorge ist ein wort, das ich grad sofort adoptiere.
    danke!

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  5. Du verlierst dich, Candy.
    Egoismus gehört zu der Gruppe Dinge, deren Teilung das gleiche Ding erzeugt, wie das zuvor. Es zu teilen oder zu sezieren macht keinen Sinn. Es ist und bleibt, egal wie oft es wird zerteilt.
    Egoismus ist kein Attribut im ethischen Sinn. Egoismus ist wertfrei. Egoismus ist die zweitstärkste Kraft die der Mensch zur Verfügung hat. Egoismus treibt den Menschen an und die ganze Welt, zum Besseren, genauso, wie zum Schlechteren.
    Dein Problem ist nicht der Egoismus. Das diskutierst du nicht. Du diskutierst seine Entfesselung. Egoismus braucht Liebe. Ohne Liebe ist alles nichts. Ohne Liebe wirkt Egoismus fürchterlich.
    Die Liebe aber ist ein sehr egoistisch Ding. Womit wir wieder bei der Unteilbarkeit des Ganzen angekommen sind.

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    • Einspruch, Euer Ehren. Ich verliere mich nicht im Geringsten.Gerade weil ich es nicht teile. Nicht in gut und böse, ich lehne es ab, den Begriff und die Eigenschaft anzunehmen, weil es eben nicht teilbar ist.

      Egoismus ist ebenso wertfrei wie jedes andere Attribut und wird lediglich durch die eigene Position dazu bestimmt. Egoismus treibt die Welt ebenso an, wie Neugier, Leidenschaft, Liebe, Hass etc. zum Besseren, wie zum Schlechteren. Da stimme ich Dir zu, aber ich brauche nicht den Schleier der Verzauberung dazu. Egoismus ist nichts Besonderes, nichts Geniales, kein herausragendes Attribut besonders großer Geister. Egoismus ist sich einfach selbst der Nächste. Menschlich. Nicht Vergötterungswürdig.

      Danke, für die Feststellung, dass Egoismus nicht mein Problem ist ;)
      Egoismus braucht Liebe. ok. Ja. Alles braucht Liebe, um nahe am Guten zu sein.
      Ohne Liebe wirkt Egoismus fürchterlich. Ja, dann wirkt er vernichtend und manipulierend.

      Die Liebe ist ein egoistisch Ding? Oder der Eros? Bisher war die korrekte Bedeutung von Egoismus noch nicht einmal zu klären, weshalb mir das alles ein wenig glorifiziert erscheint.
      Mir. Um Allgemeingültigkeit kann es wie immer, bei allem, das Emotion beinhaltet, nicht gehen. Um die eigene Positionierung dazu, allerdings schon.

      Positionierung finde ich eigentlich immer gut und winke somit zu der Deinen, einfach mal nett hinüber :)

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      • Aha. Ich weiß nicht wo das Problem sein soll Egoismus zu definieren. Mir erscheint sie gläsern. Sie ist der Antrieb zu tun was der Seele dienlich scheint. Sie ist die direkte Ableitung der allerstärksten Kraft im Menschen, dem Wunsch nach Stabilität.
        Egoismus ist ein genialer Trick bei Bewusstsein gerichtet zu sein. Es verleit die Flügel die man braucht um koordiniert voran zu treiben was auch immer.
        Vergötterungswürdig – weiß ich nicht, braucht man nicht zu tun. Aber ohne ihn kämen wir keinen Meter weit. Von daher ist es schon genial, schon, doch ja.
        Natürlich ist Liebe egoistisch. Sie ist des Egoismus Kind.
        Nana, Egoismus nicht dein Problem – das meinte ich anders. Du siehst nach meiner Interpretation den Egoismus an sich als Problem und nicht seine Auswüchse. Du diskutierst wie schwierig sein für und wieder sein, na wenn das dann mal nicht Problem ist.
        Ich glaube wenn man Egoismus nicht annimmt, nicht akzeptiert dass man ihn hat, dann würgt und windet man sich und sucht eine Philosophie die Begründet was man denn so macht.

        Gut Nacht.

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      • Natürlich meintest Du das anders. Dass Du mir ein „Problem“ ferndiagostiziertest, war so gläsern, wie Deine Vorstellung von Egoismus. Ich nenne es Auseinandersetzung. AUseinandersetzung hat Gründe ja. Im Außen wie Innen. Und sie ist im Gegensatz zum Problem, etwas aktives.
        Um bei Deinem Bild zu bleiben: ich stelle in Frage, dass Egoismus der Antrieb ist zu tun, was der Seele dienlich scheint. Wenn, dann ist er der Antrieb das zu tun, was dem Ego dienlich scheint. Ego ist Verstand, Ratio. Nicht Seele. Der Anteil Seele wäre wohl die übermenschliche Kunst des bedingungslosen Liebens bspw.
        Ohne den Egoismus in Deinem Sinne, kämen wir vermutlich in soweit kein Stück weit, weil er dem Überleben dient. Bin ich dabei. Ohne Frage. Nur geht es im Zwischenmenschlichen unserer Breiten, recht selten ums Überleben.
        Aber vielleicht gefällt es Dir besser, wenn ich die Aussage aufstellen würde: „Ich bin so egoistisch, mich vom spezifischen Egoismus anderer, klar zu distanzieren.“
        Nein, das gefällt Dir vermutlich nicht besser. Weil Egoismus für Dich einen Wert darstellt. Einen, der nicht in Frage zu stellen ist. Der Allgemeingültigkeit besitzt.
        Und genau das tue ich. Ich stelle ihn mit seiner glasklaren Allgemeingültigkeit als Wert in Frage. Weil er für mich keiner ist, für Dich aber gerne einer sein darf. Vielleicht haken wir nur am Begriff, ich vermute aber eher, an der Einstellung. Macht ja nichts.
        Gute Nacht.

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      • Nicht böse sein, ich meine das hier ganz lieb.
        Ego ist Verstand. Upps, so sehe ich das nicht.
        Natürlich geht es bei uns ums überleben, ständig, jeden Tag. Ich fürchte wir sind schlimmer dran als vor zehntausend Jahren. Viel schlimmer. Der Masstab für die Seele ist nämlich nicht das physische Überleben, sondern das psychische. Und wenn du im Wolkenkratzer sitzt und im dritten Meeting um Argumente kämpfst in einer Sache die Du nciht verstehst, dann fühlt deine Psyche einen Überlebenskampf.

        Ein Wert ist ein Werkzeug. Es ist ein theoretisches Konstrukt, mit Moral verflochten. In diesem Sinne ist Egoismus kein Wert für mich. Die Idee des „gesunden Egoismus“ den manche predigen ist wie bei fast jeder Wertediskussion Manipulation.
        Aber Egoismus ist wertvoll, ohne ihn kann der Mensch nicht. Aber man brauch sich um ihn keine Sorgen machen, er ist nicht bedroht, die Welt ist voll davon.

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      • Ich bin nicht böse und ich meine das auch alles ganz lieb. Deinem letzten – großen – Absatz würde ich sogar voll und ganz zustimmen.
        Weiter oben bleiben wir uneinig.
        Wenn ich Dich richtig verstehe, setzt Du Seele mit Psyche gleich. Das tue ich nicht, für mich steht Mensch auf 3 Ebenen, Seele ist eine eigenständige davon. Weshalb sie auch nicht zur Selbstverteidigung manipuliert, sondern davon völlig frei ist. Begrifflichkeitsfrage.
        Vor diesem Unterschied verstehe ich aber Deine Sicht besser, dass Du Egoismus der Seele und nicht der Ratio zuschreibst.

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  6. Boar, Candy. Mit dem letzten Beitrag haste schon den silbernen Nagel in meinem Fleische auf den Kopf getroffen, dieser hier ist schon wieder zur richtigen Zeit am richtigen Thema. Grandios, und vielen Dank!

    Was mir dazu einfällt:
    Wie du es schriebst, wird Egoismus negativ assoziiert. Als der Dalai Lama seinen Vortrag über sekuläre Ethik in Hamburg gehalten hat, sprach er über negativ assoziierte Wesenszüge des Menschen, in seinem Beispiel sprach er hingegen von Wut und Haß. Vollkommen anderes Thema, aber da gibt eine kleine Parallele. Ihm ging es darum, klarzumachen, daß diese Wesenszüge oder Emotionen garnicht negativ sein könnten, weil damit der Mensch als ganzheitliches Wesen in Frage gestellt werden müsste. Sein Ansatz war brilliant: diese gehören zum Menschen dazu, sie sind Ausdruck für etwas, das sich verständigen will, aber keinen anderen Weg findet. Es ist die Stimme destruktiver Verzweiflung. Es gibt aber andere Wege des Ausdrucks, wenn man sich aus der Ohnmacht des entsprechenden Themas löst und den Zustand hinterfragt, nach den Gründen forscht, aber in einem selbst. Liegt ja nahe, weil wir uns selbst nahe liegen. Sollte zumindest so sein. Haß und Wut verlieren an Kraft, wenn man herausfindet, aus welcher Quelle in einem selbst diese Emotionen entspringen (in anderen zu suchen ist sinnlos, wir können nie die Quelle bis zum Ursprung zurückverfolgen, ohne in des Anderen Haut zu stecken), und sich diese Quelle genauer anschaut.
    In dieses Thema Reihe ich für mich auch Egoismus ein. Nicht den selbstbereichernden Egoismus, der ist vorsetzlich. Meistens ist es ja etwas, das man vorgehalten bekommt, selten handelt man wissendlich egoistisch (und wenn dem so sein sollte, muss man sich fragen, ob die Definition dazu von einem sebst kommt, oder eher von außen impliziert wurde). Es ist schwierig, Egoismus zu vermeiden, da das Vermeiden ein sich in einer anderen Situation exakt wiederholendes Muster von Aktion und Reaktion vorraussetzt, was nicht immer bis selten der Fall ist. Der Vorwurf dazu hat seinen Ursprung in den Bedürfnissen, Erwartungen und Grenzen des Anderen. Es ist die eigene Tat, die vom Gegenüber anhand SEINER Bewertung und der Erwartung (zu Empathie vielleicht) als egoistisch betitelt wird. Da wir kategorisch erstmal an uns selbst gedacht haben, sind wir egoistisch. Doch warum haben wir das? Haben wir unsere Bedürfnisse nicht vorher formuliert? Hatten wir nicht den Mut dazu, oder nicht das Vertrauen, dass sie angenommen werden könnten? Waren wir uns unserer Bedürfnisse vielleicht selbst garnicht bewusst? Warum nicht? Haben wir den Fokus in der Vergangenheit zu sehr auf Bedürfnisse Anderer ausgerichtet als auf uns selbst? Huch, Polarität!
    Mit den Antworten könnte man der Ursache um vieles näher kommen. Was dann noch an Egoismus angedichtet wird, ist vielleicht basiert auf mangelndes Vertrauen des Anderen, unterstellte Bereicherung zum Beispiel.

    Zu erwarten, dass andere die negativen Zustände hinnehmen, statt über Beweggründe des Tun und Handelns zu reden, finde ich egoistisch. Weil vorsetzlich erwartet.

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    • Hui, ganz Vortreffliches fällt Dir dazu ein, lieber Mo! Ich bin begeistert, das macht es sehr, sehr rund.
      Ja, Polarität. Absolut.
      Ich habe sie nur im Kleinen erwähnt, aber natürlich beginnt sie viel weiter vorne, nimmt nirgendwo ein Ende und ist Kreisrund.
      Ich stimme Dir in allem zu, was Du da so wirklich fein auseinandernimmst.
      „Sein Ansatz war brilliant: diese gehören zum Menschen dazu, sie sind Ausdruck für etwas, das sich verständigen will, aber keinen anderen Weg findet. Es ist die Stimme destruktiver Verzweiflung.“

      Auch und gerade das.
      Im Eigenen, wie im Fremden.
      Und dennoch gibt es Lebensphasen, in denen Du nichts Besseres für Dich tun kannst, als Innen wie Außen schonungslos zu hinterfragen und dann Dein Verhalten zu ändern. Dich abzugrenzen, von dem, was das Potential hat, Dich umzubringen. Warum es auch immer, so ist, wie es ist. Nein. Weil es so ist, wie es ist, und Du begreifen musst, dass Du es anziehst. Wenn Du diesen Magneten in Dir, nicht stoppst.
      Jeder hat einen Magneten. Jeder in eine andere Richtung. Da sind wir wieder bei der Polarität.
      Den zu erkennen und dementsprechend anders zu handhaben, was möglicherweise auch mit Veränderung von Begriffen zu tun hat, damit es Dir möglich ist, Dich selbst „umzupolen“, halte ich ehrlich gesagt für elementar.
      Und das Lösungselement zu Selbstaufgabe lautet eben nicht Verständnis ins Gegenüber, sondern Selbstfürsorge und Abgrenzung.

      Was überhaupt nicht „gegen Dich angeschrieben“ klingen soll. Überhaupt nicht. Dazu bin ich viel zu sehr dàccord damit. Danke dafür!

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      • Musste einfach meine Gedanken dazu hier breittreten. Danke für die Verlockung, wieder mal.
        Ich verstehe das garnicht als gegen mich angeschrieben, ganz im Gegenteil. Du bringst hier nochmal wunderbar die andere Seite mit rein, auf die ich garnicht eingegangen bin. Den anderen Pol. Genau deswegen berührt mich dein Text auch, denn es passt mal wieder… Wenn auch nicht mit der Terminologie hier…Die Polarität, die sich zurecht störend anfühlt. Jeder (extremisierte) Pol zieht sein Gegenteil an, was man oft nicht will, da es Einen ja indirekt auf das Defizit in sich selbst aufmerksam macht. Und widersprüchlicherweise nimmt man manchmal trotzdem das andere Extrem hin, weil es genau die Arbeit erspart, bei sich selbst nachzusehen. Wie du es schon sagst, wäre die bereitwillige Selbstaufgabe logisch betrachtet die angemessene Reaktion auf Egoismus.
        „Nimm mir, was ich dir nicht geben kann, alles und noch mehr. Weil ich messe mich an deiner Sättigung, wenn mein ‚Zuviel‘ dir genug ist. Dadurch muss ich nicht an mich denken, wenn mein ‚ich‘ dich stillt, finde ich mich darin.“
        Ein selbstzerstörerischer Gedanke, der wirklich nur durch Abgrenzung und Selbstfürsorge im richtigen Maß neutralisiert werden kann. Man ist immer selbst das Zentrum seines eigenen Universums, die Herrschaft darüber setzt die Vereinigung jeweils zweier Pole in einem selbst – und damit einhergehend die Aufhebung der Spannungen – vorraus.

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  7. Die Kinderwippe, der Kiesler-Kreis und es geht um gesunde Balance.
    Dein Text liest sich sehr klug und befasst sich rundumspiegelnd mit den gängigen Meinungen über Egoismus.

    Nur, wer selbst gut für sich sorgt, kann das auch für andere – so sie die Fürsorge zulassen wollen, so sie nicht zu andersartig sind, zu unterschiedlich, ich bringe hier den Vergleich einer gleichen Frequenz.
    Menschen ticken alle so unterschiedlich…
    so sich der Mensch verändert, kommt der andere noch mit?
    Wie viel Einsatz ist gesund zu zeigen?
    Ich meine, Egoismus wird zu sehr bewertet…
    Egoistisch empfindet der andere das Verhalten, das ihn nicht mehr einbezieht, selbstgerichtet ist.
    Und das selbst gerichtete Handeln will Körper und Geist gesund erhalten – für sich selbst und andere.
    Ist es zulässig, das Leid des anderen in Kauf zu nehmen, darum zu wissen und doch zu handeln, gegen das Interesse des anderen?
    Wann beginnt die Gefahr der unbewussten Manipulationen oder Selbstaufgabe?
    Wie gut ist das Wissen über die eigenen Bedürfnisse, wie gut finden sie Beachtung?
    Und wie menschlich darf ich mir zugestehen zu sein im Augenspiegel des anderen?

    Ein Text, liebe Candy, der zum Nachdenken anregt, nach Innenschau fragt und nach perspektivischem Rundumblick.

    …always change a running system…

    Herzliche Grüße
    von der Karfunkelfee

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