In diesem Leben

„Ich bekomme das in diesem Leben nicht mehr hin, Candy“, schreibst Du mir und ich möchte mir als guter Freund spontan eine Kanüle stechen. Um Frischblut zu spenden, um irgendetwas lebendig Pochendes in Deinen Körper zu bringen, einen ganzen Schwung rote Blättchen, auf denen etwas Positives steht, etwas, was Du aufnehmen kannst und sich in Dir zu einer Hoffnung auswächst, zum Glauben an Dich selbst, oder an die Dinge.

Jedes einzelne wünsche ich mir beschriftet und gestempelt mit schönen Glückskekssätzen und Konfuzes Wahrheiten, die Dein Körper einfach absorbieren könnte, ohne daran glauben zu müssen, aber sie würden ihr Werk dann schon tun und ein wenig Schmerzmittel wäre auch dabei, damit die Zeit bis zur Wirkung, die wenigen Stunden, ausreichend Wattegefühl bereit hielte, um nur jeden zweiten Dolchstoß spüren zu müssen und den in abgeschwächter Form.

All das möchte ich gerne, aber es kommen nur gut gemeinte Wortblasen und ein wenig Kümmern, ich halte Dir ein Stöckchen hin, festkrallen musst Du Dich selbst. Und ganz ehrlich, ich weiß gar nicht so genau wieviel Kraft meine Arme haben, weil dieser Satz so markerschütternd grausam ist, dass sich mir sein Schmerz bis zu den Schultern zieht und den Nacken hoch und dann einmal quer durchs Hirn, das umgehend Error ans Herz meldet.

Und sich die Frage nach der Wahrheit einmal durch den Magen schlängelt, weil er mir so verdammt bekannt vorkommt, so entsetzlich vertraut, meist unausgesprochen, nur an Wände geflüstert, aber verstehen, ja verstehen kann ich ihn. Vom Weiß zurückgeworfen und von Dir tatsächlich ausgesprochen. Das, womit wir so oft Gericht über uns sitzen, weil die Erfahrung ein Verbrechen plant und wir uns selbst lebenslänglich darauf verklagen, unser eigenes Urteil anzunehmen.

Nicht mehr in diesem Leben. Etwas schaffen zu können, was das Wichtigste wäre. Das eine oder das andere, jedem seines und letzendlich allen das selbe. Der Glaube an Glück und Ankommen, Bewältigen und so auf die Füße fallen, dass gut weiterzugehen ist. Weiter, immer weiter, denn aufgegeben wird erst zum Schluß und Schluß ist verdammt nochmal erst dann, wenn nichts mehr atmet und nichts mehr denkt. Nichts mehr fühlt und schon gar nicht Gericht hält, sondern friedvoll gehen darf. Für dieses Leben.

Ja, ich verstehe ihn. Deinen grausamen Satz, der nicht selten auch heimlich meiner ist. Weshalb die Idee mit der Frischblutspende eine gewaltige Unsinnigkeit ist, ich fürchte zu viele schlecht bedruckte Plättchen, die nichts besser machen könnten und dann müsstest Du Dich noch mit den Abstossreaktionen belasten, was sicherlich nicht heilungsfördernd wäre.

Also lass uns das tun, was Menschen so tun. Ein paar gutgemeinte Wortblasen tauschen und ein wenig kümmern, mit einer Brause am Hafen sitzen und verständig schweigen. Ein paar alte Geschichten könnten wir hochholen und dabei übers Wasser schauen. Das uns stoisch zeigt, dass nichts bleibt wie es ist. Das Gute nicht. Aber auch nicht das Schlechte. Und dann lüge ich Dir ein wenig lächelnd ins Gesicht, dass noch alles drin ist in diesem Leben und Du verziehst Deinen Mund zu einem schiefen Lächeln und sagst „Sowieso!“.

Was nicht das Schlechteste wäre, mein Freund.
Vielleicht sogar das Beste.
Weil von jedem Glauben etwas bleibt.
Immer und immer wieder, in diesem Leben.

Candy Bukowski

12 Antworten auf “In diesem Leben”

  1. Der Bluttransfusionsjob kann ein gemeiner sein, ja. Und doch ist es auch ein schöner. Allein für das Gefühl, noch genug rote adrenalingeschwängerte Prickelbrause genug in sich drin zu spüren, dass man was davon abgeben kann für wen, der sich gerade völlig vom Leben entleert und ausgezutscht fühlt.
    With a little help of my friends, schmetterten die Beatles in ihren besten Zeiten und besangen die Wichtigkeit von Freunden. Welche zu haben, die nach einem fragen: Hey, was geht?
    Es gibt ab einem gewissen Alter ein paar Dinge, die nicht mehr gehen.
    Ich werde zum Beispiel nie meine Goldene Hochzeit feiern. Es sei denn, ich heirate jetzt schnellstens noch mal eben und bin mit knapp hundert dann noch fit genug für den Jubilarwalzer.
    Gut. Muss nicht sein. Ein paar andere Dinge hingegen schon, das wünsch ich mir noch von diesem Leben.
    Zwischendurch sehnsüchtele ich abgeschmackten Illusionen hinterher und gestatte mir zeitweise blutleer zu sein, weil der Vampir Leben mich mal wieder ausgesaugt zurückließ.
    Positive Thinking: Untot in die Ewigkeit und andere anfallen? Och, nö.’aber einen Freund haben, der mich ansteckt mit etwas Leichtigkeit, ein Freund sein, für den ich mir mal eine Ader öffne, damit er Leben trinken kann – ja! Jederzeit.
    Denn der eine partizipiert vom andern, ganz ohne Helfersyndrome zu bemühen.
    Eine sehr schöne Freundschaft kann so etwas sein.
    Eine wertige, die Dracula getrost unterm Sargdeckel verrotten lässt.
    Denn für Untotes ist eine solche Freundschaft viel zu lebendig…

    Ein klasse Text!
    Sehr gern gelesen.
    Ein bisschen über Blutsbrüderschaft nachgedacht.

    So long ✨

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  2. Du sprichst mir aus Herz und Seele.
    Dennoch merke ich an: Zu akzeptieren, dass es gewisse Dinge gibt in diesem Leben, die ich nicht mehr schaffen werde, ist so falsch nicht. Kinderkriegen zum Beispiel oder Modell werden, und so. Dinge, von denen ich womöglich als Kind geträumt habe.
    Bei anderen Dingen wie Buch verlegen etc. möchte ich solche Gedanken weder denken noch fühlen.
    Dein Text macht Mut, sich mit seinen Lebenslügen und -hoffnungen zusammen an einen Tisch zu setzen. Danke!

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    1. Danke für Deinen schönen Kommentar. Ja, ich stimme Dir absolut zu. Aber… und das sind die schmerzlichsten… manchmal geht es um die Überzeugung, Elementarstes und wirklich persönlich Notwendiges nicht mehr erreichen zu können. Nicht die Lebenslügen, das Lebensversagen oder was wir dafür halten.

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  3. Ich danke dir! Brause am Hafen und gemeisam schweigen, das ist ein großherziges Angebot. Das Beste, was jetzt geht. Wir werden das tun. Und dein Text: wer hat schon Freunde, die solch ein wertvolles Geschenk machen. Ich bin reich!

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  4. Hat dies auf timm's corner rebloggt und kommentierte:
    Vor ein paar Tagen hat sich meine Welt wieder einmal geändert. Knirschend, wie das denn bei mir meistens so ist. Eine lang besprochene, fest geplante und so sehr gewünschte Zukunft mutierte plötzlich wieder zu einer ungewissen und fernen Hoffnung, einem Wunsch, vielleicht sogar einem Traum.

    Einsamkeit machte sich breit, im Leben und im Kopf. Eine gute Freundin wusste um diese Dinge. Sie schreibt wunderbare Geschichten, nachzulesen in ihrem Blog und ihrem Buch. Und diesmal hat sie eine Geschichte ganz alleine für mich geschrieben, als Geschenk, als Stütze, weil die Dinge nun einmal so sind, wie sie gerade sind. Wenn man solche Freunde hat, ist man reich!

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