Eine Million gute Gründe

Hach, Hamburg ist schön! Man weiß es. Das viele Wasser, das viele Grün, so schön! Und all die Kultur, und all die Viertel. Von Blankenese bis Eimsbüttel. Sogar St.Pauli, diese kleine Nuttenschwester vom l(i)ebenswerten Altona, oder das fixerstrichige St.Georg. Das haben wir top-gentrifiziert. Das ist richtig schön jetzt hier.
Harvestehude.
Himmel! Harvestehude ist besonders schön.
Die Alster um die Ecke. Bestsanierte Altbauten. Eines der feinsten Schnittchen Hamburgs, für die feinsten Hamburger Schnitten.

42.000 Millionären gehört diese schöne Stadt. Man mag es kaum glauben, 42 Tausend. Und etliche davon, residieren in Harvestehude. Rund um das Sophienpalais, – Karl Lagerfeld hat hier seine zarten Fingerchen in der luxuriösen Austattung zu verantworten. Alles wunderschön. Sahneschnitte!

Schräg gegenüber: das leerstehende Kreiswehrersatzamt.
Nicht ganz so schön. Eher hässlich. Amtsleerstand. Nichts fürs verwöhnte Auge.
Darüber hat man bisher lange Zeit hinweggesehen.
Aber es bietet Platz. Mit Platz ist es ja eher schwierig in Hamburg.
Viel zu viele Menschen hier. Auch typmäßig. Die wären in den Randbezirken viel besser aufgehoben. In Wilhelmsburg draußen, Rothenburgsort, in Mümmelmannsberg, ab auf die Veddel mit den Leuten, das wäre viel harmonischer, für alle, nicht wahr?

Zumindest ist eines klar: das leerstehende Kreiswehrersatzamt, darf kein Platz für Asylsuchende werden. Das geht gar nicht! Da kommt man sich miteinander ins Gehege. Die Millionäre in Harvestehude zumindest, werden in den letzten Wochen so aktiv in Städtefragen, wie lange nicht mehr. Ganz huschig und aufgeregt organisiert, vor der zu erwartenden Armut vor der Tür. Vermutlich auch vor den vielen, bunten Hautfarben. Man weiß ja nie…

***

Anders bei einem zu erwartenden Hospiz.
Da weiß man genau, womit man zu rechnen hat. Da läuft Gevatter Tod jeden Tag mit der Sense am Gartentürchen vorbei.
Anwohner in HH Langenbek zumindest, sind sich dessen sehr sicher, und unterscheiden sich damit kaum von anderen Hospizverweigerern in anderen Städten.

„Der Bau nehme keine Rücksicht auf das Wohnumfeld“, formulierten sie. Und bemängelten insbesondere die „kurze Verweildauer der Kranken“, was man sich schon einmal auf der Zunge zergehen lassen darf. Oder auch das Zitat eines Anwohners, der beeindruckend deutlich auf den Punkt bringt: „Wenn ich morgens beim Frühstücken aus dem Fenster schaue, möchte ich nicht, dass mir die Wurst im Hals stecken bleibt“.

Hat er gesagt.
Der arme Mensch von nebenan.
Mit dem Tod auf dem Brötchen.
Der vielen Angst im Bauch.
Und der Sorge um den Wertverlust seines Hauses im Blick.

Wertverlust.
Investieren wir ein E. Dann wird ein Schuh draus.

Candy Bukowski

Für Interessierte: der Spiegel TV Beitrag zum Asylantenheim in Harvestehude

10 Antworten auf “Eine Million gute Gründe”

  1. Bitte auch keine Kitas, Kindergärten, Schulen, Straßen, etc. Niemand will eine Veränderung in der Nachbarschaft

    Wir wohnen relativ nahe an einer Schule (meine Kinder gehen dort hin), nur durch ein Laub Wäldchen getrennt. Vor einigen Jahren gab es eine Erweiterung. Da hätte man beinahe das Wäldchen abgeholzt, damit die LKWs wenden konnten. Wir haben nichts dagegen gemacht, da meine Kinder von der Erweiterung profitieren; gestört hat es mich trotzdem. Zum Glück waren die Bäume zu alt, so dass man davon Abstand genommen hat. So haben wir den Blick (den hatten wir auch vorher, aber weiter entfernt) und die Nähe nur von Oktober bis April.

    So geht es leider sehr vielen Menschen. Jeder hofft auf das St. Florians Prinzip. Wenn etwas völlig neues entsteht habe ich noch ein gewisses Verständnis. Wenn allerdings bestehende Dinge ausgebaut werden, z. B. die Schule, dann soll man nicht rumheulen, denn man wusste auf was man sich einlässt als man hingezogen ist.

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    1. Ich verstehe Dich schon, Guinnes. Ist ja auch viel Nachvollziehbares dran. Und trotzdem glaube ich, dass es einfach so ist, dass Menschen leben und sterben, Kinder Krach machen und Alte manchmal penetrante Besserwisser, oder hilfsbedürftig sind, dass wir den einen mögen und den anderen nicht, im Haus nebenan manchmal die Musik laut, und Fremde(s) ungewohnt ist. Aber dass das dazugehört, zu einer Gesellschaft, der man angehört.
      Aber vielleicht hat sich das auch längst überholt, in einer Welt, in der Wasser privatisiert wird und Bildung. Und wir nicht mehr wissen dürfen, was in Nahrungsmitteln steckt, weil Monsanto das Recht hat, die Welt mit Chemie krank zu füttern. Es ist doch wirklich alles…

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  2. Am besten, mal wieder große Zäune bauen, hohe Mauern ziehen. Kann man ja so ein eh schon verschlamptes Viertel für nehmen, wo Untervolk sich tummelt, die Wände mit Schmierereien verziert und auf der Straße Feste feiert. Alle ungewollten rein, Tore versperren und jut is. Raus nur mit Passierschein und eh nur zur Fron…Moment, ich glaube, das hatten wir schon. Kotzen, man möchte kotzen. Der Wurstbrotfrühstücker dürfte nicht mein Nachbar sein. Ich hätte sicher ein paar gute Ideen, ihm was in den Hals zu stecken.

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  3. Oh Mann. Da fällt einem ja echt nix mehr zu ein. Da bleib ich lieber im schönen Hamm. Direkt gegenüber ist ne Schule und neben dem Haus ein Fußballplatz. Da bolzen immer bei fast jedem Wetter Jugendliche, deren Familien vermutlich aus verschiedensten Ländern stammen, miteinander. Das macht mich dann immer ein bisschen glücklich.
    Außerdem wohnen da ganze Populationen von Kaninchen. Wären in Harvestehude bestimmt auch schon längst entfernt worden…

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