Candy Bukowski

Autorenblog

Die Würde des Menschen

31 Kommentare

Vorne im Eingangsbereich stehen wie immer die Rollstühle und Ersatz-Rollatoren, die schnell einsatzbereiten, um vom Parkplatz ins Haupthaus zu kommen. Alles wie immer. Zumindest beinahe. Ich stutze kurz an der 100 kg Piratin am Empfang, hinter Glas. Ok, es ist Rosenmontag in Bayerisch Schwaben, aber das hätte doch nicht unbedingt Not getan. Wer braucht ein Vollweib mit Augenklappe und Handhaken in einem Seniorenheim? Keiner. Auch nicht am Rosenmontag, aber bitte, wenn es der allgemeinen Heiterkeit zuträglich ist, braucht eine Rezeptionspiratin ja nicht zu stören.

Als ich durch die elektronische Schiebetür die große Eingangshalle betrete, überrascht mich ein Vakuum. Ein wolkenwatteweiches Vakuum, das mich in sich hineinsaugen möchte. In eine Parallelwelt. Eine bisher unvorstellbare, eine die mich eiskalt erwischt, paralysiert. Mit dem Rücken flach an die Wand drückt und alles Wegsehen verbietet.

Ich heiße Alice und bin in einen Kaninchenbau gestolpert.
So muss es wohl sein. So erklärt sich das alles.
Nur so kann das alles hier einen Sinn ergeben.

Die vielen Biertischgarnituren, an denen unzählige alte Menschen sitzen.
Sie tragen wippende Marienkäferfühler auf den Köpfen, rote Clownsnasen, bunte Halskrausen. Einigen Damen wurden Mäusenäschen und Schnurrhaar auf die faltigen Gesichter gemalt. Ihre Augen starren unbeteiligt aufs Fastnachtgebäck. Keine Stimmung, nichts was ihre groteske Verkleidung rechtfertigen würde.

Vielleicht 120 matte Augenpaare, die wenigsten am Geschehen Anteil nehmend, großteilig in der Parallelwelt hinter der Parallelwelt verschwunden. Heute jedoch unter Piratentuch, Indianerstirnband, plüschweißen Hasenohren.

Das Pflegepersonal hat umso fröhlicher die weiße Einheitskluft abgelegt.
Eine Stewardess in dunkelblauer Lufthansa Uniform, sonnigem Halstuch und Pumps, schenkt Apfelsaft in Pappbechern aus. Finde den Fehler, keiner fragt nach Tomate.
Selbstgebastelte Montessori-Kostüme überzeugen mit unglaublicher Kreativität. Hier ein gefilzter Faun, dort ein tippelnder Chinese mit Wollbärtchen, an der Kuchenausgabe eine lächelnde Haremsdame. Und alle so unheimlich gut drauf, dass es eine wahre Freude ist.

Wahre Freude für wen?
Ausschließlich für sich selbst.
Oder für den gut gemeinten Ansatz, ein Jahreszeiten-Event umzusetzen.
Über Altersentsprechend ließe sich streiten.
Über gewünscht auch.
Gut gemeint ist selten gut gemacht.

Der Leiter des Hauses begibt sich strahlend, mit langen Ringelsocken, Frack, Zylinder und riesiger Plastikblume im Knopfloch, auf die Pirsch. Ich überlege kurz, ob meine Phantasie allzu böse Überschläge wagt, da hat er sein erstes Opfer aus der Riege der Rüstigen bereits gefunden.

Hinter mir greift ein bärtiger Alleinunterhalter mit sonorer Stimme und gewaltigem Einsatz in die Tasten. „Ein Stern, der Deinen Namen trägt“, eröffnet den unausweichlichen Beginn des grotesken Nachmittagshorrors. Clown Plastikblume schiebt mit fröhlich gebleckten Zähnen eine widerspenstige Mittachtzigerin übers Parkett. Die weibliche Pflegedienstleitung im Entenkostüm schließt sich an und beglückt eine weitere Heiminsassin am Stock. Keine davon sieht besonders glücklich aus.

Meine Fluchtneuronen funktionieren wieder. Ich kann mich von der Wand lösen.
Nehme den Fahrstuhl nach oben und finde Oma in ihrem Zimmer.
Sie ist schlecht gelaunt, ob des Theaters. Und trotzig auf Abwehr, das zittrige Tanzbein schwingen zu müssen. Trägt kein aufgemaltes Mäusenäschen im Gesicht, motzt aber ein wenig herum.
Jedoch, sie freut sich aufs Abendessen. Es soll heißen Leberkäse mit selbstgemachtem Kartoffelsalat und frischen Brezen geben. Helau und Alaaf! Ein Festmahl im 3000 Euro Seniorenknast!

Als ich gehe, ist unten mit einem Mords Humbatäterä die Prinzengarde eingetroffen.
20 lustige Funkenmariechen Anfang Zwanzig, werfen die Beine in die Luft und präsentieren ihren perfekten Körper in perfekter Freude eines perfekten Lebensabschnitts. 120 Augenpaare schauen müde auf die Vergänglichkeit ihres Seins und verziehen kaum eine Miene.

Vorne, neben dem Ausgang, sitzt ein alter Mann ohne Beine und Unterleib in seinem Rollstuhl und starrt ins Geschehen.
Ihm haben sie einen Cowboyhut aufgesetzt.

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Candy Bukowski
– wider den Einwegcontent –

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Autor: Candy Bukowski

Autorin beim Verlag edel & electric. Lieferbare Titel: "Der beste Suizid ist immer noch sich tot zu leben" (30 Erzählungen) Print 2014 / eBook 2015. "Wir waren keine Helden" (Roman) Print & ebook 2016

31 Kommentare zu “Die Würde des Menschen

  1. Das stimmt mich sehr nachdenklich…ich erinnere mich an Jugendreisen, bei denen von förmlich von Animateuren gejagt wurde. Damals konnte man noch wegrennen, aber ich fragte mich dennoch, was das eigentlich sollte und wer daran Spaß finden würde, denn wir waren jung und hatten genug mit uns selbst zu tun. Sie waren vermutlich als bunte Aufpasser gedacht, damit wir abseits der Heimat keinen Unsinn anstellen würden.
    Der Fall hier ist natürlich noch eine ganze Ecke skurriler, weil die Beteiligten nicht weglaufen können und dazu zu einer Verkleidung gezwungen werden. Man mag sich wohl gedacht haben, dass sich die Senioren über jede Form der Ablenkung freuen würden…aber diese Bevormundung…das kommt wohl einfach mit der ganzen Idee, die Menschen wegzusperren.

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  2. Mich auch. Aber ich vermute wir werden nicht mehr zwangsbespaßt. Ein Großteil von uns wird in Mehrbettzimmern liegen und erhält nur die notwendigste Versorgung. Ergebnis einer komplett überalterten Gesellschaft.Grusel.

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  3. Beeindruckend, wie du wieder schreibst, beschreibst und anrührst. Die letzten beiden Sätze wirken ganz tief!

    Da ich nicht weiß, ob du es schon entdeckt hast, ich habe deinen Blog nominiert, schau doch mal unter
    http://mbeyersreuber.wordpress.com/2014/03/10/award/
    Vielleicht hast du Lust mitzumachen.

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  4. Nein! Nie lasse ich das mit mir machen. Niemals nicht. Neinneinnein. Ich weiß, was ich vorher zu tun habe. Vielleicht der einzige Nutzen, wenn man aus einer Suiziddynastie stammt. Klingt jetzt makaber, ich weiß, ist aber so. Punkt.

    Abgesehen davon, haben Sie den Horror gänsehautmachend beschrieben. Und Ihre Motzoma, die ist famos. Lieber eigensinnig grantelig, als fremdgesteuert bekloppt.

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    • Ja, der hat sich nach ausreichend „setzen lassen“ selbst geschrieben, herzlichen Dank, werte Frau Knobloch. Suiziddynastie klingt nach mehr. Da dürfte die olle Pilcher ein Waisenmädchen sein, was? Egal, so etwas lässt man nicht mit sich machen. Ich auch nicht. „Freiheit oder Pflicht“, – das neue Spiel unserer Generation, wer weiß? Beste Grüße!

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      • In meiner Familie wäre ein Chronist angebracht gewesen. Die Großbauernsippschaft (also eine Fastdynastie) hatte in jeder Generation einen oder gar mehrere Selbsttöter oder -mörder. Es obliegt meinen Geschwistern und mir, diesen Bann zu brechen. Oder eben nicht. Freiheit oder Pflicht als zu erzwingendes Ende, ich sehe keine andere Möglichkeit, wenn der Horror so weitergeht. Den Mist, wie von Ihnen so bewegend geschildert, den lasse ich nicht mit mir machen.

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      • Zeig mir eine:n, der in Pflegeheimen ein und aus geht und den „Freiheit oder Pflicht“-Gedanken nicht schon lange kennt!

        Ein wahrhaft wichtiger Schauer, den du uns da über den Rücken jagst. Ein wichtiger!

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  5. Absolut überzeugend. Die Problematik im Heim ist, glaube ich, nicht nur, dass die wenigsten noch ausdrücken können, was sie wollen. Sondern die Heime werden ja auch vom MDK (Medizinischer Dienst der Krankenkassen, das sind die mit den „Schulnoten“ für Heime) danach bewertet, wie die Freizeitangebote sind… Und was ist einfacher, als ein Fest zu veranstalten, vor dem keiner wegrennen kann, wie es oben so schön heißt. Da kann man bei allen Teilnehmern wieder eine Aktivität abhaken. Wie diejenigen das fanden, wird dabei nicht gefragt. Hauptsache Spaß.

    Was Spaß macht, ist aber von Mensch zu Mensch unterschiedlich, und würde schon beim Erfragen viel mehr Zeit kosten, ganz zu schweigen davon, dass man dann vielleicht nicht eine, sondern drei, vier, fünf Veranstaltungen auf die Beine stellen, sowie den Rest individuell bespaßen müsste.

    Ausnahmen bestätigen sicher die Regel.
    Gruß – Snoopy

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  6. Du wirst immer böser. Spitzfindiger. Mitfühlender. BESSER.

    Weiter so.

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  7. Unantastbar, ja, dabei täte ein wenig Berührung gut. Sag Einfühlung dazu, der Würde weit angemessener.
    Danke für die Wiederaufnahme
    Hund….

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    • Ja, nicht wahr? Irgendwie geht uns die Berührung allen immer mal wieder ab. Ab einem gewissen Alter und Umfeld, durchaus unerträglich abgelaufen. Sag mal, lieber Hund, dürfen wir in Kürze mit Fellmütze in Hamburg rechnen? :) Herzlichst, Candy

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      • Das mit Hamburg läuft so langsam auf eine kleine Traurigkeit und Enttäuschung hinaus. Biographische Details.
        Herzlichst, drum Traurigstzerknirrscht
        Hund

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  8. Da hast du eine traurige Tatsache mit klaren und wahren Worten zusammengefasst. Und nicht zuletzt nach diesem Text plädiere ich, als Anfang zwanzigjährige, für “mehr” Mehrgenerationshäuser. Das ist vielleicht nicht immer einfach, aber für jedweden älteren Menschen ein Haus voller Liebe und Lebendigkeit, und keine planmäßige “Belustigung” oder Versorgung, die am Ende vielleicht fachlich gut, aber menschlich unter aller Sau ist! Die Würde des Menschen…

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  9. Mich erfasst kaltes Grausen. EIn schlimmer Gedanke, dass einem so etwas blüht, nachdem man fast lebenslang versucht hat, gerade solcher Art von Bespaßung zu entfliehen. Ich will und werde, so ich dies Alter und Stadium erreiche, mich frühzeitig im Motzen üben.

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  10. Frau Contraire hat den falschen Antwortbutton gedrückt … ich sollte langsam mit den Motzübungen beginnen.

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  11. Mir ist schlecht geworden beim Lesen …

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  12. Die Würde des Menschen ist so unantastbar wie die Gesellschaft es den Wehrlosen und Hilflosen zugesteht.
    Und das Schlimmste daran ist dieser unglaublich gute Wille bei dieser Form der Zwangsbespaßung…
    Eine Geschichte, die mir nah ging, ganz toll geschrieben.
    Morgengrüße von der Karfunkelfee

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  13. wow, klasse dicht geschrieben!

    (mehrwegcontent ist toll, da ich ja noch nicht soo lange hier mitlese!!!)

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  14. Mir wurde schon beim Lesen fast übel – eine andere Form der Vergewaltigung. – Das Personal hätte mal unter sich mit Pappnasen und Ringelsocken feiern sollen und die Bewohner in Ruhe lassen sollen.
    Doch dann erinnere ich mich an Zeiten im Heim meiner Mutter. Jedes Jahr wurde Herbstfest gefeiert mit vielen schönen Sachen, auch für die gekommenen Enkel- oder Urenkelkinder. Da brachte eine Gruppe Frauen eine Darbietung, die ich als fast peinlich empfand. Meine Mutter war dabei und schwärmte ganz glücklich von den Proben und der Darbietung. – Vielleicht empfinden wir, die wir nicht in so einem Heim sind – manches doch anders als die Bewohner, für die ja nicht mehr sehr viel passiert. – Ich bin mir einfach unschlüssig.

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  15. Oh wie verdammt zwanghaft
    Oh wie verdammt daneben

    Alles in mir schreit nach Rebellion.

    An solchen Ereignissen / Zuständen zeigt sich der Mensch wie man ihn sich weder denken noch wünschen kann.

    Hätten die Patientien eine
    Rebellionsschreifeuerspeihinweg-Bombe die mit dem Herzen zündbar wäre
    Dieser Knast würde lodern.

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  16. Manchmal wäre die Gewissheit
    sie mögen aus mir Hundefutterdrops machen erleichternder.

    Gefällt 1 Person

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