Ein Kreidestrich ist ein Kreidestrich, ist …

Seit einiger Zeit ist unser Viertel beschriftet.
Irgendwann trat man morgens aus der Tür und fiel nach wenigen Schritten über eine Nachricht. Eine Aufforderung. Eine Frage. Ein Statement.
Man stutzte kurz, schüttelte verwundert den Kopf oder grinste sich eins.
Und ging weiter. Um festzustellen, dass einen diese Nachricht an der nächsten Ecke wieder einholt. Und an vielen anderen. Dass man ihr nicht so einfach auskommt und dass sie , selbst wenn man sie ignorieren möchte, etwas mit einem anstellt.

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„FREI SEIN“ steht in bunten Kreidebuchstaben auf den Beton geschrieben. Völlig unspektakulär, eher nett und harmlos. Eine kleine Spielerei vielleicht. Es hat viele Male geregnet seitdem. Und immer wieder sind sie neu aufgemalt, die netten Buchstaben, denen man einfach nicht auskommt.

Auch nicht, wenn man sie bereits kennt.
In diesem Fall liegen sie auf der Straße herum und erinnern einen. Klopfen an irgendeine Synapse und stellen dir erneut ihre Frage. Bist du frei? Fühlst du dich so? Ist sie erstebenswert für dich? Vermisst du sie? Wie lebst du so? Und fühlt es sich richtig an, wie du lebst? Bist du authentisch?

Hast du die Freiheit, immer wieder ja zu allem zu sagen? Bist du frei in deinen Entscheidungen? Ist dein Herz weit oder eng? Lächelst du? Oder hast du eine steile Stirnfalte? Von allem genug, viel zu verlieren oder gar am Ende zu wenig?

Maren Steen, eine St.Georgianerin, hat diese Aktion leise wortlos gestartet, in den Medien wurde bereits über sie berichtet, inzwischen folgen die Kids ihrem Vorbild und zittern mit ungeübter Schreibhand, die Frage nach der Freiheit auf die Straße.

Seitdem ist unser Viertel beschriftet und ganz nach Tagesform und Laune, machen die bunten Kreidebuchstaben etwas mit einem. Das ist klein, das ist fast schon lächerlich, vor allem aber, ist es schön.

Wen man mag, kann man sich überlegen, von wieviel Nachrichten wir ununterbrochen umgeben sind und was sie wohl so mit uns anstellen. All die negativen, destruktiven, menschenverachtenden, sexistischen. Oder auch das ganz normale, all das was wir jeden Tag sehen. Auch ungeschrieben ist eine Nachricht, eine Wahnehmung, eine Realität, ein existentes Statement. Oder nicht? Und wenn man das nicht möchte, ist man dennoch nicht frei davon, dass es das eigene Denken und Fühlen beeinflusst.

Wenn diese kleine Lächerlichkeit „FREI SEIN“ den Einzelnen aus dem kleinen Mikrokosmos eines Großstadtviertels berührt und beeinflusst, was wäre denn dann, wenn wir weltweit schöne Kreidesätze schreiben würden? Solche die uns lächeln lassen. Oder die Sinne für Gutes schärfen.

„Du bist toll!“
„Das Leben ist schön!“
„Heute schon geliebt?“
„Lächeln!“
„Glaub an Dich!“
„Du bist es wert. Was? Alles!“
„Sonne kommt wieder!“
„Anständig bleiben und Spaß haben!“
„Heute Glück für alle!“

Was dann wohl passieren würde, in einer Welt – auch gut und sichtbar gefüllt – mit Küchenkalendersätzen. Die oft verhöhnten und als lächerlich abgetanen. Ich wage es mir kaum vorzustellen.

„Wage es!“
Oh. Doch. Schon besser!

Candy Bukowski

10 Antworten auf “Ein Kreidestrich ist ein Kreidestrich, ist …”

  1. Eine tolle Idee.
    Ein wunderbarer Text von Dir dazu.
    Unten im Keller auf dem obersten Regalbrett: bunte Straßenkreide, gehört meiner Tochter.
    Damit Male ich gleich was, unten vor den hässlichen grauen Block, in dem unser Zuhause ist. Mit ihr, wenn sie mag.

    Sei frei – Du bist wertvoll.

    Danke Dir für die schöne Anregung.
    Hier braucht es definitiv mehr Bunt auf den alten grauen Platten.

    Viele liebe Grüße✨

    Gefällt 1 Person

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