Mitten ins Herz und voll auf die Fresse

Wenn Georgette Dee ruft, dann lohnt es hinzuhören. Man kennt sie hauptsächlich als hervorragende Chansonette begleitet vom Pianisten Terry Truck, als ebenso intelligente wie emotionale Diva, als raumeinnehmende Bühnenpersönlichkeit, als eine die angetrunken noch besser ist, als etliche ihrer Kollegen nüchtern. Sie kämpft immer bis zum Exzess mit den großen Ungeheuern Liebe, Sehnsucht und Verlust. Und sie lässt niemanden dabei kalt, der bereit ist sich mit in die Wellen zu werfen und nötigenfalls dabei auch zu ersaufen.

Aktuell ruft Georgette Dee nicht als Chansonette, sondern als Bühnenschauspielerin im Solostück „Helena von Troja – Plädoyer für eine Schlampe“. Leider viel zu leise, ich hätte den Ruf fast überhört, hätte ich nicht zufälliger Weise in einem Schwulenmagazin einen kurzen Artikel über die Premiere im Renaissance Theater Mitte Oktober in Berlin gelesen.

Dass der Ruf bei vielen (noch) nicht ankam, zeigte sich daran, dass die Vorstellungen vom 24.-26.11. im St.Pauli Theater Hamburg erschreckend schlecht besucht waren. Und das ist schändlich, denn wie zu erwarten fackelt Dee in diesem Soloprogramm ein grandioses Feuerwerk an Präsenz, Können und stimmgewaltigem Verschmelzen mit einer Rolle ab, die ihr auf den Leib geschrieben ist.

Helena von Troja, die schönste aller Frauen und eine der missbrauchtesten und narzisstischsten weiblichen Figuren der griechischen Mythologie, steht im Mittelpunkt und bekommt eine eigene Stimme. Gegeben wurde sie ihr von Miguel del Arco, dessen Bühnenstücktext einfach fantastisch ist.
Und Georgette Dee füllt und überträgt ihn grandios, schmerzhaft authentisch als selbst gealterte Diva, die gegen die Zeit und die Götter wettert, gegen das Vergehen der Schönheit, der Jugend und der Lieben. Wort für Wort ein sarkastischer, schutzloser, wahrhaftiger Kampf mit der (Un)sterblichkeit.

„Alles nur Sterbliche? Oder ist hier irgendwer, der gefeit ist, gegen die Zerstörungswut der Zeit? Irgendeine gegen den Schiffbruch der Schönheit gefeite Gottheit? Ist irgendeiner der Unsterblichen gekommen, mich zu sehen?“ so beginnt Helena, verliert sich in schmerzhaftem Lachen und führt uns anschließend durch ihre Geschichte, durch die Macht der Männer, durch sinnlose Kriege und die ewige Suche nach Glück und Beständigkeit. Und wie es immer so ist: auch durch unsere eigene…

Das alles trifft mitten ins Herz und voll auf die Fresse. Ist klug und wortgewaltig, geflüstert und gebrüllt, ebenso berührend wie eine beeindruckende Bühnenleistung, der viel, viel mehr Zuschauer zu wünschen sind. Georgette Dee überzeugt auf ganzer Linie und erntete dafür in Hamburg lang anhaltenden Applaus.

Wer sich einlassen möchte: am 13. Und 15.Januar sind die nächsten Vorstellungen, wieder im Renaissance Theater Berlin. Es lohnt sich!

GEORGETTE DEE in „HELENA. PLÄDOYER FÜR EINE SCHLAMPE“
Monolog von Miguel del Arco
Übersetzung von Miriam Smolka
Regie: Ellias Perrig
https://www.facebook.com/georgettedeehelena.de/

2 Antworten auf “Mitten ins Herz und voll auf die Fresse”

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