Von Formen, Würfeln und Torten

Läuft gerade alles nicht so.
Das kommt vor. Manchmal sperren sie sich plötzlich.
Die Dinge von denen man glaubte, dass sie zwischenzeitlich doch längs durch die Sehnsuchtschlitze passen. Wie Klötze in die Kleinkinderwürfel mit den ausgestanzten Formlöchern. Kreise, Würfel, Sterne, Monde – wenn Du ihre Besonderheiten erkannt hast, ihre Ecken und Kanten, ihre einzig existente Form – dann passen sie in die richtigen Schlitze. Dann macht alles einen Sinn. Und Sinn Ordnung. Und Ordnung macht aufgeräumt.

Manchmal sperren sie sich. Vielleicht, weil ich versuche das Eckige ins Runde zu bekommen. Oder weil jemand Weichmacher draufgeschüttet hat und die Dinge ihre Form verändern. Oder was weiß ich. Manchmal läuft es vielleicht gerade einfach nicht so. Mit den Sehnsuchtsschlitzen und den Traumwürfeln.

Ich merke das. Mit der Zeit wird das Nervenkostüm dünner.
Da wirft man nicht wie ein Kind den ganzen Würfel in die Ecke. Aber verlockend wäre das schon. Fahrig wird man da. Ich werde fahrig, mit dem Würfel in der Hand und allen Formen vor den Füßen und das ist ziemlich mies, weil dann alles noch viel anstrengender wird, aber muss ja trotzdem. Das ganz Banale. So viel Banales das unbedingt aberledigt werden möchte. Und das eigentlich auch mit Herz und Verstand und Ruhe und Liebe, weil wertvoll, wertvoll ist das ja auch. Das was eigentlich der Würfel ist. Auch wenn keine Form hineinpassen möchte. Der Würfel bleibt. Also hab halt Deinen Würfel lieb und zeige Dich entspannt. Auch über Tage. Wochen. Monate. Mein Würfel ist nicht erst seit gestern sperrig.

Im Briefkasten liegt eine Karte.
Auf der steht, was jedermann weiß, dass DHL Fahrer sich nicht die Mühe machen, jedes Paket auszuladen und an Haustüren zu schleppen. Sondern dass meiner es mal eben schnell, serviceorientiert an einen DHL Shop im Niemandsland X Kilometer weiter zugestellt hat. Ich kann es dort abholen. Ein 1,60 m langes und dickbäuchig großes Paket, das genau aus diesem Grunde nicht von mir durch die Gegend geschleppt werden mochte. Das konnte der DHL Fahrer sicher nicht wissen. Auch nicht, dass es zum Geburtstag des Wilden Wesens bestellt wurde und somit dringlich ist. Hätte er das gewusst, dann hätte er doch auch sicherlich… ich rassle etwas angeschlagen mit dem Würfel.

Atme aber tief durch. Backe mit dem Wilden Wesen Torte. Obwohl die Küchenwaage plötzlich defekt ist. Und alle Nachbarn gleichzeitig ausgeflogen. Und die youtube Videos mit den Umrechnungen von Gramm in Milliliterangaben ein Physikstudium voraussetzen würden. Nach zwei Stunden aufwändiger Recherche und ganz viel tief durchatmen, schieben wir die Tortenform mit etwas sperrigem Teig in den Ofen. Zäh in rund. Scheint auch nicht so ganz optimal zu passen.

Zeit für mich, den Job des DHL Fahrers zu erledigen und das klitzekleine Paket aus dem Niemandsland-Shop abzuholen. Irgendwo im Gewerbegebiet. Dazu leihe ich mir ein Car2go. Die einzige Möglichkeit, um hin und wieder weg zu kommen und dieses Geschenk pünktlich neben den Geburtstagskuchen zu legen und auch ansonsten, möglichst fluffig alles geregelt… bereits bei der Hinfahrt bemerke ich ein Gefühl im Magen, das wenig mit ausgeglichenem ZEN und entspannter Annahme zu tun hat. Mein Magen findet es nicht richtig, den Job des DHL Fahrers zu erledigen.

Eine geschlagene Stunde später bin ich auf dem Rückweg.
Mit künftigem Hausverbot im DHL Shop. Mit zerrissenem Riesenpaket-Karton und einem defekten Sitzsack, dem unaufhörlich winzige Füllkügelchen aus dem angeschnittenen Inlet rieseln, im Smart-Kofferraum. Wir sind uns nicht so ganz einig geworden, die vier DHL Shop Mitarbeiter und ihr Chef, der davon sprach nur Dienstleister zu sein und irgendjemand anders verantwortlich wäre. Und ich. Der mal ganz nebenbei das Verständnis gerissen ist, für ein Monsterpaket aus dem Füllkügelchen rieseln, das aber schon als zugestellt gebucht wurde. Und wenn etwas bereits zugestellt ist, dann ist kein Schwein mehr dafür verantwortlich. Außer ich selbst. Und da mag es vielleicht auch sein, dass ich tatsächlich meinen sperrigen Würfel ein wenig durch den verfickten Laden geworfen habe. Wer weiß. Vielleicht war es auch der Shop-Chef, der Rücknahmen dieser Art über die Mülltonne entsorgt, oder aufgebrachten Kunden mit der Polizei droht und Hausverbote ausspricht. Was sich fast schon ein ganz klein wenig nah an Irrsinn bewegt. Vielleicht läuft es auch einfach nur nicht so gut, in letzter Zeit.

Das passt zum Hamburger Stadtmitte Verkehr zur Rushhour.
Der steht. Komplett. Und ich mittendrin. Mit Rieselsitzsack, der sich als Geburtstagsgeschenk erledigt hat und mit einem ganz, ganz schlechten Magen. Und zugegebenermaßen alle Formen heulend, die gerade so gar nicht passen wollen. Aus tiefstem Seelengrund durchgeschüttelt heulend. Und Lebenswürfel schwenkend. Verfluchend. All das alleine und zuständig und eigentlich doch ganz anders wollend. Aber all die Formen einfach nicht ins richtige Loch bringend. Damit sie ihn endlich ausfüllen und richtig machen könnten. Den Würfel.

Mit dem ich deshalb zetere und kämpfe und dabei fast zwei Leute umfahre, als endlich mal eine halbe Lücke auftaucht, um noch in diesem Leben einen rieselnden Sitzsack irgendwo hinzubringen, wo ich mich irgendwann um seinen künftigen Verbleib kümmern könnte. Bevor ich mich einfach für geraume Zeit in irgendein Kellerloch verkriechen werde und einfach nicht mehr herauskomme. Weil draußen einfach nicht schön ist und innendrin alles angerissen und zerfleddert und Ruhe suchend. Die totale Auszeit, Break, Pause, raus, Ersatzbank. Irgendwas zum einfach nur sitzen und einfach nur schauen und wenn es sein muss, einfach auch für ein paar Tage oder Wochen, oder.. vergiss es, Babe.

Zuhause tröstet das Wilde Wesen. Das so gar nicht mehr klein ist und dem sich so gar nichts mehr vorspielen lässt. Das, mit ab morgen Zwölf, inzwischen ganz genau weiß wann geheult und wann geliebt wurde. Und das viel bessere Worte findet, als ich Schlitze für meine Formen. Dass alles gut ist und was vielleicht noch nicht, auf jeden Fall wieder. Und dass Geschenke nicht so wichtig sind im sein, sondern nur im wollen. Und überhaupt ist sie eindeutig die beste Form in meinem Würfel. Das wird mir genau da mal wieder herzwarm klar.

Aber da ist ja noch der Tortenversuch frisch aus dem Ofen.
Und bei allem Wünschen und Wollen haben wir wohl falsch umgerechnet. Von Gramm in Milliliter und das Ganze als erledigt. Denn das wird keine Torte, sondern ein glattes Betonmonster. Und diesmal ist das Wilde Wesen diejenige, die einknickt und der alles Unglück aus dem Herz rinnt. Weil es in letzter Zeit eben nicht so gut läuft und die Berge höher wurden und der Atem kürzer, so über die Zeit und die Herausforderungen. Vielleicht hat sie auch nur ein zu schwaches Vorbild, beim Formen erkennen und den Würfel richtig zu füllen wissen.

Aber dem wird in diesem Moment zumindest klar, dass genau jetzt der Zeitpunkt ist zum zurückgeben und „wir schaffen das“. Weil Aufgeben nicht gilt und zumindest diese Torte gerettet werden muss und jetzt in diesem Augenblick nichts wichtiger ist und auch nicht möglicher. Also setzen wir uns Sonnenbrillen auf und klatschen Five ab, motivieren uns mit „und wenn es das letzte ist, was wir tun“ und kaufen und rechnen und backen neu. Für die morgigen Gäste . Und für uns. Für alle passenden und unpassenden Formen, für ihren Würfel und meinen und das ganze Leben, das manchmal so eckig und kantig ist und einfach nicht ins Runde will.

Aber diesmal wird es was. Mit doppelter Kraft. Mit mehr als eigentlich vorhanden.
Manchmal ist es nur eine Torte. Und die Gewissheit, dass der Mut aus Zweien, alles möglich macht. Und dann passt tatsächlich, nach langer Zeit, auch wieder vieles zusammen.

8 Antworten auf “Von Formen, Würfeln und Torten”

  1. Sehr schön!

    Aber gibt es das wirklich, Hausverbot in einer Postfiliale? Wie soll das denn dann funktionieren, wenn DHL nicht ordentlich zustellt und dann alles dorthin umgeleitet wird. Ich ahne einen Interessenkonflikt zwischen Fahrer und Filialleiter.

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  2. „Gemeinsam sind wir unausstehlich …“ :-) Das fiel mir zu euch Zweien ein. Aus Kindern werden Leute, mehr und mehr, die Denken, Fühlen und Veranwortung übernehmen. Das zu akzeptieren ist nicht immer ganz einfach, aber da wächst halt eine Kraft neben uns heran, die Stück für Stück auch das Ruder übernimmt, um die Welt der Würfel und ihrer Schwierigkeiten weiß. So bei mir, so bei euch. Und, soll ich dir mal was sagen? Es ist eingutes Gefühl, sie stark werden zu sehen … ;-)

    PS: Und Betonkuchen ist gut für die Muskulatur! Nicht wegwerfen, ich werde ihn testen! :-D

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  3. …meinen sperrigen Würfel ein wenig durch den verfickten Laden geworfen…ich sage laut ja und keine sekunde wäre ich anderer meinung…auch ich hätte hausverbot und irgendwer hätte die bullen gerufen…und ich hätte wiederholt alle verflucht und als luschen bezeichnet… / ja / an manchen tagen sind alle handlungen und abläufe wie gegen den sturm gedreht / wie auf sylt gegen den wind rennen / wie salz in der torte und so wie du es wundervoll und lebendig herrlich beschreibst / bleibe so und forme das kantige in diese deine art zu schreiben / so nimmt dieser gegenlebenssturm einfach eine neue form an / durch schreiben und übermorgen lachst du darüber oder wirfst das sitzkissen dem dhl boten auf den beifahrersitz / krone gerade rücken / eigen weiter willig selten / dafür lese ich wohl deine worte. lz

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  4. Ohne mich an dem Leid anderer zu erfreuen, so muss ich doch gestehen, dass ich laut und voller Freude lachen musste. Schön muss die Szene im Paketshop gewesen sein – sicherlich filmreif. Aber auch die Kügelchen im Smart des Car2go waren bestimmt bildlich nicht zu verachten. Jedenfalls: wunderbar geschrieben!

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  5. Guten Morgen liebe Candy, hier mal etwas hilfreiches. Wenn du die Annahme nicht direkt unterschrieben hast (weil der DHL Mann weder geklingelt noch abgeliefert hat) ist es Sache vom Versender sich mit DHL zu einigen und dir Ersatz zu schicken – kostenlos! Ich würde mir mal zeigen lassen wer die Annahme schriftlich bestätigt hat, denn es könnte der Fahrer selber gewesen sein und das wäre illegal. Auf gar KEINEN Fall musst du für Transportschäden anderer haften! Ich wünsche dir einen passenden Sonntag ;-)

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  6. Ich schäme mich meines aufglucksenden Lachens, aber Deine Schreibe ist wie lange vermisstes Strandgut hier angelandet, liebe Candy. Großartig und der Schluß ein einziges großes „Ja!“ zu diesem manchmal sehr verqueren Leben, das uns Stürme und Untiefen angedeihen läßt. Hißt die Flagge, Du und Dein Wildes Wesen, ihr kentert nicht! Nicht gemeinsam! Ahoi!

    Alles Gute aus dem ankerplatzigen Floratelier, besonders für die junge Wilde, Deine Käthe.
    PS: Ich schließe mich Herrn von Rosen an. Keine Unterschrift, keine Annahmebestätigung.

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  7. Besser kann man dieses „verfickte“ Ohmachtsgefühl, dass einen manchmal so überkommt, gar nicht beschreiben. Jedes Wort ein Treffer. Vielleicht, weil ich Tage wie diesen als Allein-Mama bestens kenne. Aber wir schmeißen nie die Brocken hin. Und wenn es das letzte wäre, was wir tun. Da ist eine Kraft in uns, die uns immer wieder zu erstaunlichen Ergebnissen bringt. Und sei es, dass wir es tatsächlich bewerkstelligen, den Würfel durchs Dreieck zu quetschen.

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