1473

Sie rennt wie ein gehetztes Reh über weichen Waldboden. Über Erde, Moos, Tannennadeln. Stolpert, strauchelt, reisst sich wieder hoch. Hetzt weiter.

Kleine, schmutzverkrustete Füße an nackten, braunen Beinen, die unter ihrem einfachen Kleid herausschauen. Leinen vermutlich. Es könnte auch ein anderes, derbes Material sein. Unter ihren winzigen Füßen nun Reisig. – Sie ist doch noch nie barfuß über Reisig gelaufen, jetzt spürt sie es. –  Reisig ist schmerzhaft, spitz, es knackt, wenn es unter den Füßen bricht und stellt sich anschließend wieder ein Stück weit auf. Reisig ist wertvoll, es gehört gesammelt, jetzt hetzt sie darüber hinweg. Rennt um ihr unscheinbares, kleines Herz und etwas wertloses Leben.

Sie war hier, um etwas heraus zu finden. Ob es möglich wäre.
Ob es etwas zu sehen, etwas zu fühlen geben könnte. Einen Beweis für Sinn, über den einen, so banalen hinaus. Etwas Glaub-„würdiges“.

Hinter ihr donnern Hufe. Kraftvoll in einem nicht enden wollenden, gleichförmigen Takt aus Stärke und Macht. Sie werden sie einholen.
12 Hufe sind 3 Pferde, sind 3 Reiter.
Drei Männer. Wuchtige, riesige Männer in Lederharnessen und schweren Stiefeln. Bärtig, mächtig, lauthals gröhlend.
Sie hatten sich einen Spaß daraus gemacht, dem kleinen Mädchen einen Vorsprung zu geben.
„Lauf!“ hatten sie lachend gerufen. „Lauf, lauf, lauf!“.
Da war sie gelaufen. Und die Männer hatten sie weit vorauseilen lassen.
Damit das Jagen mehr Spaß brachte.

Die donnernden Hufe kommen näher. Sie durfte jetzt nicht mehr den Kopf drehen, sie musste schneller um die Bäume Haken schlagen, um zumindest zu versuchen, zu entkommen. In Sicherheit. Unten in das nahe Tal, in das kleine, vertraute Gehöft. Wer immer da lebte, besaß ihr Vertrauen. – Es fühlt sich nach Familie an. Nach zu vielen Mäulern an einem Tisch, aber gut und sicher. –  Soweit überhaupt irgendetwas sicher war.

„In welcher Zeit sind wir?“
Nur eine Sekunde Zögern, dann völlig klar: „1473.“

In ihre linke, kleine Hand fließt ununterbrochen Kraft und Wärme. Sie wird gehalten von einer größeren. Diese zieht sie immer wieder hoch, wenn sie ins Straucheln kommt. Die beiden laufen zusammen. Gehetzt. Gejagt.

Die große Hand gehört einer Frau mit langem, weißen Haar. Sie hat es zum Zopf geflochten. Ihr Gesicht ist jung mit tiefen Falten. Oder alt mit einem tiefen, inneren Frieden. Sie trägt ein langes Kleid aus dünnem, flaschengrünen Samt. An der Brust geschnürt, und um die Taille gebunden, eine Art kleine braune Ledertasche. In der leicht nebulösen Szenerie ist die weise Frau transparenter als das Mädchen und seine Häscher. Sie ist nicht real, dennoch ist sie da.

Die Hufe. Immer näher. Immer lauter.
Das kleine Gehöft der Lichtung auf Sichtweite, aber noch viel zu weit entfernt.
Sie sieht einen schmalen Strich Rauch aus dem Kamin fast gerade in den Himmel steigen. Und in ihrer Erinnerung die Schlafnischen mit Strohsäcken. Den gekalkten, vergrauten Brotofen, den verschmutzen Lehmboden, an manchen Stellen abgesetzt mit grobem Stein. Hört die Geräusche der Tiere im Haus.

Im Nacken Hitze und nahes, brennendes Unheil.
Einer der Männer gallopiert nun direkt neben ihr, greift nach unten in ihren Rücken und packt sie mit großem Gejohle einfach vor sich in den Sattel. Wie einen kleinen, armseeligen, lebendigen Sack als geschenkte Trophäe. Wertlos.

Dann wird sie auf den Waldboden zurück geworfen.
Die Reiter parieren durch, die Pferde stehen still, werfen die Köpfe hoch, schnauben.
Ansonsten Stille.
In ihr selbst nur Herzschlag bis zum Hals.
Sie robbt rückwärts auf allen Vieren. Starrt die Männer furchtvoll an, Angst und Galle kotzend.

– Warum kann sie ihre Gesichter nicht sehen? Wo sind die Gesichter der Männer?

Beine in schweren Stiefeln kommen auf sie zu.
Sammelsurium aus Tritten, Hohn, geöffneten Hosenställen, groben Griffen.
Sie verschluckt sich am Erbrochenen und kämpft mit dem Atmen.
Tiefer Schmerz, tiefe Schuld. Tiefe Scham.
Gottverlassen.

Am Ende ruht ihr kleiner Kopf mit dem langen, dunklen Haar im durchscheinenden Schoß der weisen, alten Frau. Deren Hand streichelt sanft über ihre Schläfe, nimmt dem Dolch die furchtbare Schärfe, umhüllt mit gnadenvoller Taubheit alle Sinne.
Dann Rot. Sehr viel fließendes Rot auf Flaschengrün und dunklem Waldboden.
Endlich Stille, erlöst vom aufgegebenen Atmen.
Frieden.

„Gut. Keine Angst im Jetzt, das war heftig. Gibt es noch etwas zu tun, oder gehen wir zurück?“
„Ich habe keine Angst. Einer der Männer. Er spricht zu der Kleinen und mir.“
„Was sagt er?“
„Dass ich ihm in keiner Zeit entkommen werde. Dass es immer um mein Blut und mein Nachgeben gehen wird, bis ich es begriffen habe. Dass ich sein Gesicht nicht sehen konnte, weil es immer wieder andere Züge haben wird. Er ist voller Spott.“
„Ok. Trenne Dich ab. Einen klaren Schnitt. Ich zähle Dich langsam zurück.“

Auf dem Nachhauseweg hält sie an einem Straßencafe an, um Zeit zu schinden.
Zeit für sich selbst. Nur noch ein paar Minuten Stille für die Gedankenflut, bevor der Alltag wieder einziehen wird. Ganz normale Dinge verlangt. Normal. Was ist normal?

Ob es etwas zu sehen geben könne. Einen Beweis für Sinn, über den einen, so banalen hinaus. Etwas Glaub-„würdiges“, hatte sie sich gefragt und war auf die Suche gegangen.
Und hatte schließlich gesehen.
Über allem nun ein tiefes Gefühl von Sinn und Akzeptanz.
Keine Kämpfe mehr. Keine inneren Kriege. Keine im Außen.
Die Dinge annehmen lernen, aus dem Widerstand gehen.
Nie mehr ganz die selbe sein, wie vor wenigen Stunden.

Sie rührt gedankenverloren in ihrem Kaffee und starrt auf die gegenüberliegende Straßenseite.
Dort steht eine zarte Frau in einem modernen, flaschengrünen Kleid. Sie hat das lange, weißblonde Haar zu einem Zopf geflochten, und trägt um die Taille eine Art kleine braune Ledertasche. Sie sehen sich für einen Moment direkt in die Augen. Dann hebt sie langsam die Hand, wie zum Gruß, und verschwindet zurück im Nichts, aus dem sie gekommen war.

Candy Bukowski

4 Antworten auf “1473”

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