Treuepunkte am Strassenstrich

Es gibt Plätze, die kennt kaum eine Sau. Nur diejenigen, die mittendrin leben. Aus Gründen. Und diejenigen, die bewusst nicht dort leben. Auch aus Gründen. Zwischen den Gründen liegen Welten.

Das Hamburger Bahnhofsviertel ist genau so ein Ort. Der Hansaplatz hat dort seine Geschichte. Und die ist alt und schlecht geschminkt, trägt einen viel zu kurzen Rock und hat manchmal ein blaues Auge oder auch eine Nadel in der Vene. Wobei es seit Jahren aufgehübscht wird, dieses billige Ding, in das die Reichen erfolgreich investieren, und das dennoch weiterhin anschaffen und spielen geht und alles verjubelt, was es nicht hat. Aber braucht. Und Mensch braucht viel, in einem ganzen Leben. Billig oder nicht, das spielt keine Violine.

An den Straßenecken stehen Menschen, Sommer wie Winter, die Verlorenen und die Suchenden, was oftmals ein und das selbe ist. Alle Sprachen werden hier gesprochen, oft auch geschrieen, das ist eine Mentalitätssache und dort wo die Verlorenen leben, da ist auch Platz für die Migranten. Die mit 1000 Kindern und einem gut gehenden, kleinen Lebensmittelgeschäft, mitten am Kiez. Und das ist doch auch schön, sagt die gepflegte Mittelschicht aus dem Umkreis und kauft ihr Lamm halal, frisch auf den Tisch, als Ergänzung zur Biogemüsekiste. Multikulti und linkssozial, soweit verträglich, da nimmt man es schon mal in Kauf, zwischen den Angeschlagenen hindurch zu prominieren und am Steindamm links abzubiegen, an den vielen türkischen Lädchen vorbei und mitten hinein, ins bunte Bild, das man dadurch ein wenig pastelliger färbt.

Wer hart im Nehmen ist, der geht nach rechts. Den Strassenstrich hoch, der keiner mehr sein darf und dennoch einer bleibt. Und kauft Grundnahrungsmittel bei PENNY, wo es wirklich alles gibt und alles günstig, und wo es dennoch so penetrant nach Armut riecht, dass kürzlich herzlich von der gesamten, langen Schlange an der Kasse gelacht wurde. Über das verlaufene Mittsechziger Paar, vermutlich Städteurlauber, die ihren kleinen Einkauf mit VISA zahlen wollten. Und dann verzweifelt nach Kleingeld kramten, im Ledertäschchen und im Pelzmäntelchen.

Soviel Spaß gibt es hier eher selten.
Und da ich gerade so übermütig fröhlich war, von dieser wundervollen Anekdote, da habe ich den Herrn hinter mir vorgelassen. Der nur einen 2 Liter Tetrapack Weißweinverschnitt zu bezahlen hatte und sich überrascht darüber freute. Nicht warten zu müssen, bis ich mit meinem gut gefüllten Wagen durch war. Was soll´s, ich habe schon manchem Herrn den Vortritt gelassen, der ähnlich soff, wenn auch den besseren Stoff und den aus feinen Gläsern und in einem Haus, in dem es sich wärmer trinkt und zumindest vermeintlich, ein höherer Genuß den Pegel zelebriert.

Er hat sich gefreut, der Herr. Der noch immer ein Herr ist. Trotz Tetrapack Fusel unterm Arm. Denn, was sollte er denn auch sonst geworden sein? Man weiß es nicht genau, also bleiben wir bei Herr.

Und darüber hat sich dann wohl ein weiterer Herr gefreut. Drei Wagen weiter hinten, aber mit überschaubarem Inhalt darin, wenn auch weniger sinnesbetörend und mehr aufs satt werden ausgerichtet. Ein netter, alter, bärtiger Herr, der in seinem abgewetzten, dunklen Wintermantel fast versank und sich freundlich, lächelnd über all die Schultern zwischen uns, zu fragen traute.

Ob ich, „entschuldigen Sie bitte, junge Frau“, Treuepunkte sammeln würde?
Oh ja, er meinte mich. Mit jung. Und auch mit Treuepunkten.
Was beides in allen denkbaren Varianten, unglaublich komisch war. Zumindest für mich. Aber wohl auch ansteckend, in meiner seltsamen Tagesform-Fröhlichkeit.

7 kleine Treuepunkte bei PENNY am Strassenstrich, habe ich für den netten, alten Herrn ergattert, und sie ihm über die vielen Schultern hinübergereicht. Und er hat sich gefreut und sammelt sich damit tapfer, welchem Treuegeschenk auch immer entgegen.

Life is a bitch. So wie der Hansaplatz, der zu kurze Röcke trägt und zu viele fahle Gesichter beherbergt. Der immer grau bleiben wird, wieviele Blumenkästen sie auch noch aufstellen werden. Weil das Leben dort grau ist und eine billige Schlampe oder auch eine teure, die dich nur für deine Scheine liebt und nicht für das, was vielleicht dringewesen wäre, wenn vieles anders und manches besser hätte laufen können.

Ein wenig nur.
Ein wenig mehr für alle.
Man könnte ein Kaschmirschälchen darauf verwetten, dass es dann überall lebenswerter wäre.

Candy Bukowski

20 Antworten auf “Treuepunkte am Strassenstrich”

  1. Da ich nicht mit einer Blogroll aufwarten kann, sondern nur mit einem Feetreader, habe ich erst mal das initiiert. Der weitaus wichtigere Grund ist aber, dass es hier offenbar sehr, sehr viel um Hamburg geht, meine erklärte Lieblingsstadt, in der ich im vorigen Jahrtausend fast jedes Wochenende zu Besuch sein durfte. – Einiges von dieser Armut der besonderen Art auch mitbekommen, obwohl Berlin da ja auch seine speziellen Ecken hat.

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  2. Frau Bukowski! Ich war schon ein Fan, egal, wo ich Sie antraf. Aber dieser Text ist so wunderbar rund und bleibt dabei doch eckig, dass ich vor Begeisterung japse. Darum kommt nicht mehr raus an Worten dazu. Irgendwie ist das auch gut so. Weil es ja eigentlich nicht mehr braucht als genau diesen Satz:

    Das ist Literatur!

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    1. Oh, das sind große Worte, herzlichen Dank dafür. Es ist ehrlich gesagt ein Text, dem ich selbst an Leserrektionen nicht allzu viel zugetraut hatte. Um so mehr freue ich mich. Sehr. Ums Thema „Literatur“ wird es ein klein wenig beim Samstagstext gehen. Unter anderem. Fühle Dich eingeladen :D

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