Candy Bukowski

Autorenblog

Vielleicht im Frühjahr, wenn es gnädig wäre

8 Kommentare

Sie stapfte durch die kalte Winternacht und hinterließ kaum Abdrücke im frischen Schnee, der durch das anhaltende Windgestöber, umgehend wieder verweht wurde. Die Schultern hatte sie fröstelnd hochgezogen, eine wandelnde Verspannung auf dem Weg durchs Deckendunkel über weißer Pracht.

Man sagt, wenn Du frierst, dann lass die Schultern locker. Dann komm in Deinen Schritt und verkrampfe Dich nicht. Dann wird es wieder wärmer,  dann zirkuliert wieder etwas, dann lauf Dich frei und atme. Immer mit dem Leben atmen. Nie dagegen. Aber die Schultern wurden nicht locker, sie blieben hochgezogen. Gegen den Wind, der so oft von vorne kommt.
Und so selten von hinten.

Es war schief gegangen.
Wie es immer mal wieder schief geht. Eine Sache der Sollbruchstellen.
Die gibt es ja nicht umsonst. Die sind eingeplant, im Bereich der Möglichkeiten. Über die sollte man sich nicht wundern, mit denen sollte man rechnen, zumindest als Option nicht aus den Augen verlieren. Aber manches macht eben blind, zumindest sehbehindert, und wenn Du dann gerne frei ohne Tast-Stock gehst, um Hindernisse rechtzeitig zu erkennen, dann stolpert es sich eben.
Manchmal. Immer wieder. Bis es knackt.
Sollbruchstelle. Eine, die zu erwarten gewesen wäre.

Man sagt, das Gute an Sollbruchstellen sei ihre leichte Heilung. Was dafür angelegt sei, zu brechen, wachse auch wieder zusammen und schütze vor Schlimmerem. Einem Oberschenkelhalsbruch oder anderen bedenklichen Dingen, die lange schmerzen und lange heilen, wenn überhaupt.

Sie hielt das gelinde gesagt für groben Unfug.
Bruch ist Bruch. Schmerz ist Schmerz. Im Soll oder nicht.
Und exakt diese Stelle in ihr war bereits mürbe. Hatte immer wieder aufs neue geknackt und sich selbst anschließend irgendwie wieder zusammengeflickt. Wäre geröntgt und im Leuchtkasten präsentiert, ein hübsches Beispiel an versteckter Verkrüppelung für aufstrebende Lebensstudenten im 3.Semester gewesen.

Sie stapfte durch den Schnee, die Schultern hochgezogen, die einsame Straße hinunter zum Wasser. Das im Sommer sonniges Ziel für Spaziergänger und Verliebte war, im Herbst vertraute Tristesse, im Winter eine wahre Eiskönigin, wunderschön und klirrend distanziert und kalt. Es würde auch wieder einen Frühling geben. Und das Wasser würde ihn erwarten, mit frischen Knospen an den Uferzweigen und einem ersten, lauen Gefühl von Zukunft und sich immer wieder neu im Kreis von allem drehen.

Es war ein langes, kurzes Jahr gewesen.
Das sehr viel gab und sehr viel nahm und zweimal knackte.
An selber Stelle und sehr leise. Unverhofft und still.

Vielleicht würde sie noch einmal heilen, noch einmal sich zusammenstückeln, wenn das Frühjahr käme und wenn es gnädig wäre, im Gefolge erste, zarte Wärme hätte. Gegen den Phantomschmerz. Den man sich merkt, der niemals schwächer wird, der bleibt und pocht, als lähmender Tagesgeselle und zehrend in der Nacht. Und für den ungelebten Traum. An Sein. Und Seiendürfen. Ungebrochen.

Ungebrochen auch, noch einmal die Stirn bieten.
Noch einmal aufrecht zu bleiben, nicht in die Knie zu gehn.
Einmal noch abheilen. Nur ein einziges, weiteres Mal.
Das musste noch drin sein, damit sie noch einmal tragen konnte. Weil nichts schlimmer ist, als wenn die Stelle nicht mehr trägt und man sie in Vorsicht schont, um dem nächsten Knacken zu entgehen. Reich an Erfahrung und arm an Mut des Immer wieder. Immer wieder neu und unverhärtet.

Immer wieder unvorstellbar.
Sie nicht zu versteifen, sondern nur heilen zu lassen.
Durch die Zeit. Den Sollbruchstellen wohlgesonnen.
Vielleicht im Frühjahr, wenn es gnädig wäre und im Gefolge, erste zarte Wärme hätte.

Sie stapfte durch den Schnee, die Schultern fröstelnd hochgezogen, hinunter zum Wasser. Hinterließ keine Spur. Jeder Schritt auf ein Neues frisch verweht.

Candy Bukowski

Advertisements

Autor: Candy Bukowski

Autorin beim Verlag edel & electric. Lieferbare Titel: "Der beste Suizid ist immer noch sich tot zu leben" (30 Erzählungen) Print 2014 / eBook 2015. "Wir waren keine Helden" (Roman) Print & ebook 2016

8 Kommentare zu “Vielleicht im Frühjahr, wenn es gnädig wäre

  1. „Weil nichts schlimmer ist, als wenn die Stelle nicht mehr trägt und man sie in Vorsicht schont, um dem nächsten Knacken zu entgehen.“ Ist das wirklich so, Candy? Ich frage mich gerade, ob es nicht irgendwann einfach reicht. „Reich an Erfahrung, aber mit Ruhe im Herzen.“ Was meinst? ;-)

    Gefällt mir

    • Hm, ich weiß es nicht, sehr persönliche Frage und Entscheidung für jeden einzelnen. Ruhe im Herzen klingt gut. Wildes Herz aber auch. Und wildes, ruhendes Herz noch viel besser.
      Vielleicht ist sind für mich bei der Frage nach etwas prinzipiell Schönem zwei Antworten eher suboptimal: „Unbedingt sofort“ und „Besser niemals wieder“. Also das Jagen und das Flüchten. Was meinst Du? ;)

      Gefällt mir

      • Sich auf die Gleise stellen und hoffen, dass ein liebenswerter Zug kommt und einen sanft plattmangelt … so ungefähr, ja? Hm, vielleicht. Aber das braucht Zeit, im Moment habe ich wohl nicht die Nerven einem Zug in die Augen zu schauen.

        Gefällt mir

  2. Sollbruchstellen, schönes Wort. Immer wieder würdig des Nachdenkens darüber…
    Bioenergetik like…

    Gefällt mir

  3. Die im Produkt eingebaute Sollbruchstelle spekuliert darauf, dass die Ungeduld in jedem Fall sofort den Konsum eines neuen Teils verlangt.
    Die Sollbruchstellen in unserem Erleben sind die Brüche, die sich häufen. Der Knacks kriegt eine Mehrzahl. Und ich glaube, es ist in den Kommentaren schon angeklungen: Bruchstellen benötigen Zeit – und während man die Zeit gewährt, vielleicht notgedrungen, wird aus der Not eine Übung, dann eine Gewohnheit und irgendwann eine neue Sicherheit. Vielleicht verlagert sich auch das Gewicht und die Belastung des Gelenks wird eine andere. Wir brauchen auch Notbehelfe, aber unsere Sinne vermögen womöglich Schönheit je länger je intensiver wahr zu nehmen.

    Eine Buchempfehlung:

    Roger Willemsen: Der Knacks.

    Gefällt mir

    • :) Roger Willemsen, der alte Hund.
      Mir ist heute morgen etwas Schönes von Goethe begegnet:

      „Manchmal sieht unser Schicksal aus wie ein Fruchtbaum im Winter. Wer sollte bei dem traurigen Aussehen desselben wohl denken, daß diese starren Äste, diese zackigen Zweige im nächsten Frühjahr wieder grünen, blühen, sodann Früchte tragen könnten, doch wir hoffen’s, wir wissen’s.“ (Johann Wolfgang von Goethe)

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s