An irgendeinem Gleis…

Sie war unterwegs.
Seit Jahrzehnten auf einem Weg, der sich immer erst nach der nächsten Biegung erschloß. Dann wenn sie um die Kurve kam, mal rasant und glücklich, mal strauchelnd oder stolpernd, immer dann sah sie sich um, im neuen Raum der vor ihr lag, und meist nickte sie dann.

Ok, das war er also diesmal gewesen, der Sinn, der sich vorher nicht erschlossen hatte. Zu der Entscheidung oder dem Treibenlassen, zu irgendeinem Verhalten an bleiben oder gehen, das sie gewählt hatte. Oftmals ohne sachliche Begründung, einfach aus dem Bauch heraus.

Nach diesen Biegungen war immer wieder etwas klarer. Wurde wieder ein kleiner Fleck auf der großen Landkarte gefüllt und trug einen Namen. Ein Gesicht, einen Ort, ein Gefühl, eine Aufgabe. Etwas, das ohne das unerklärliche Zuvor nicht denkbar gewesen wäre.

Sollte es jemals ein Ziel gegeben haben, so war es wohl ein Vorgegebenes gewesen. Eines, das nicht aus ihr selbst kam, sondern aus den Dingen die so auf dem Plan stehen, wenn man etwas werden möchte im Leben.
Etwas. Als ob man noch nichts wäre. Geschweige denn eine, oder einer, der gewisse Dinge mitbrachte und damit eben zu jonglieren hatte, um irgendwann irgendwo in der letzten Etappe von vielen anzukommen und sagen zu können „Ja, das hatte ich dabei, damit habe ich gut gehaushaltet, das habe ich erweitert, oder auch ausgereizt und im Großen und Ganzen zu etwas Gutem gebracht. Und jetzt kann ich gehen, weil die Zeit dafür abgelaufen ist, obwohl ich gerne hier war und vielleicht einmal wiederkomme.“

Irgendwann hatte sie ihre Erwartungen abgegeben.
An irgendeinem Gleis, zwischen ICE Vergangenheit und dem leicht verspäteten Metronom Zukunft in ein Schließfach gepackt und sie dort zurückgelassen. War zum nächsten Gleis gegangen, in den nächsten Zug gestiegen und hatte nur die abgewetzte Tasche mit den Erinnerungen ins Gepäcknetz gelegt. Es war gut, den schweren Schrankkoffer mit den Erwartungen nicht mehr herumzuschleppen. So viele, verpasste Anschlüsse, weil sie zu langsam gewesen war, mit dem wuchtigen Ballast im Rücken.

„Einsteigen und Zurücktreten bitte. Die Türen schließen.“

Sie nahm auf einem der Sitze Platz, der schon unzählige Menschen von hier nach dort gebracht hatte. Ihr „dort“ kannte sie noch nicht. Nur die Richtung, kein Ziel. Richtung war mehr als genug.

Aber unterwegs würde er zusteigen, lächelnd seine Hand in die ihre legen und ein Stück Weg mit ihr teilen.
Sie würden an manchen Plätzen Halt machen und sie erkunden, mal einen Schlafwagen nehmen und hin und wieder auf die Karte sehen.
Vielleicht würde einer von ihnen nach 3 Stationen aussteigen und winkend am Gleis zurück bleiben. Oder sie würden gemeinsam die Zeit vergessen und überrascht irgendwann irgendwo angekommen sein.
Keine Erwartungen. Nur offenes Sein. Das Größte von allem.

Der Zug beschleunigte und fuhr an abgemähten Herbstfeldern entlang.
An gelben Stoppelwiesen und bunten Laubwäldern.
Am Himmel zog ein Schwarm Krähen krächzend seine Runden.

Sie lächelte.
So viel freies, weites Land.

Candy Bukowski

Disclaimer: Dieser Text entstammt einem kleinen, privaten Bloggerspiel, in dem wir uns hin und wieder Stichworte vorgeben. Im ewigen Kampf gegen das immer wieder frische, weiße Blatt Papier. :D

Die vorgegebenen Stichworte für diesen Text lauteten: sich ( evtl.gegenseitig) weiße Flecken auf der Landkarte erhalten / unterwegs sein / Ziel – ziellos / Erwartung / ankommen (wo auch immer) / aufs Herz achtgeben / Krähen / Feld / Bahnhöfe / Bahnsteige / Türen schließen / Durchsagen / Zeit

6 Antworten auf “An irgendeinem Gleis…”

  1. Das klingt nach einem sehr interessanten Spiel! Braucht’s nicht manchmal nur ein Wort, das man in seinem Hirnkästchen ein wenig herumkugelt und zerkaut, für eine tolle Geschichte? Mit solchen Stich-Worten würde ich mich auch gern mal inspiriren lassen.

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    1. So ist es. Absolut. Es genügen Stichworte und man schreibt daraus eine eigene, gute Geschichte.Und morgen wäre es schon wieder eine andere. Ganz spannend, zu sehen, welch unterschiedliche Geschichten aus unterschiedlichen Köpfen sprudeln, verbunden durch die selbe Vorlage. Prima Schreibtraining. Manchmal mit ganz wundervollen Ergebnissen.

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