Die Nachteule

Ein untypisches Revier, das sie sich ausgesucht hat.
Mitten in der Stadt, weitab von den meisten anderen ihrer Gattung, die die Stille des Waldes bevorzugen. Die Abgeschiedenheit in weiten, einsamen Fluren.

Sie hatte es probiert, mit den Wäldern und den Fluren und dann doch die Stadt gewählt. Eine ganz große sogar, Abgeschiedenheit ist auch dort zu finden. Möglicherweise sogar leichter, als bei Fuchs und Has´, die sich jeden Abend am Waldrand noch Gute Nacht sagen wollen.

Sie zieht ihre Kreise über Dachfirsten und Bahnhofsvordächern, spreitzt ihre gewaltigen Schwingen über hell erleuchtete Straßen, die die gesamte Nacht nie vollständig in Dunkelheit tauchen, und gleitet über den weiten Himmel des großen Wassers. Mitten in der Stadt.

Wirklich wach wird sie erst dann, wenn die Sonne langsam untergeht und die Dinge im Zwielicht ihr anderes Gesicht bekommen. Wenn sie ihre Schatten zeigen und den versteckten Janus hinter der Offensichtlichkeit. Dann öffnet sie ihre Augen erstmalig ganz und schaut, mit weit geöffneten Pupillen. Oftmals unbewegt und still, manchmal hungrig, langsam von einer Kralle auf die andere wechselnd.

Im Schauen ist sie gut. Wenn sie irgendwo unnahbar sitzt und etwas in der Nacht erkennt, das ihr bemerkenswert erscheint. Manchem wirkt sie fast unbeteiligt, beim Kopfdrehen, beim Hinterfragen des Moments, den sie dann mit einem kurzen, langsamen Schließen der Pupillen abfotografiert. Oft holt sie ihn erst nach geraumer Zeit wieder hervor, um ihn dann frisch zu erlegen, zwischen die Krallen zu nehmen und zu sezieren. Etwas Aasgeruch hängt dann schon daran, ein wenig Vergänglichkeit und der schwere Geschmack von Melancholie. Lieblingsbeutestücke, aus der Nacht gejagt und skelletiert am Morgen den Taggeistern zurückgelassen.

Ihr Hörsinn ist ausgeprägt. Aber weit entfernt von den Talenten der Fledermäuse, die hektisch die Dunkelheit durchflattern und ihre Sensoren nach allem ausrichten, was sich bewegt und Orientierung bietet. Kleine Blutsauger, im Schwarm lebend, vergnügungssüchtig, nicht mit dem nötigen Ernst bei der Sache.
Im Leben will sie keine Fledermaus sein, kein Teil einer Gemeinschaft, die sich in Massen zusammenrottet und unter Dachfirsten abhängt, zusammengefaltet wie ein einziger, großer Regenschirm.

Ihrer Art entsprechend, hat sie nie ein Nest gebaut und sich auch keines bauen lassen. Heute fragt sie sich manchmal, ob das richtig war. Oder einfach nur Darwins Gesetz, daß Eulen eremitisch in Höhlen hausen. Und nicht wie die feinen Elstern Schätze nach Hause tragen und traute Zweisamkeit pflegen, treue Tagesgesellen, mit einnehmendem Wesen, und deutlich klackernden Stimmen.

Weit hörbar übers Viertel, den gesamten, hellen Tag, wenn sie sich in der Höhle ihr weiches Gefieder gegen den ersten Herbstwind aufplustert und wechselweise nur ein Auge öffnet, halbwach, Halbschlaf, die Nacht erwartend und deren wahrhaftigere Stille.
Die sie gegen Mitternacht mit ihrem Ruf durchbricht, ohne Anspruch an Antwort oder Gehörtwerden, dem Mond entgegen die Flügel auffaltend. Behäbig Kreise ziehend, über schlafenden Dächern und schattigen Erkern, gespenstischen Winkeln und freier Weite.

Keine Unglücksbotin, wie es die Legende will.
Keine Weise, überflüssig nach Athen getragen.
Nur eine Nachteule,
Eremitin im Sein.
Ein wenig kauzig, zuweilen.

Schuhu!

Candy Bukowski

2 Antworten auf “Die Nachteule”

  1. Schön deine Geschichte :-) So voller Symbolik. Bestimmt hat sich der ein oder andere erkannt, oder kennt wen der wen kennt der wen …

    Unglücksbotin? In Japan heißt die Eule fukurō und wird als Wortspiel zu fuku – Glück – gern gesehen. Und wenn ich manchmal so in den Spiegel schaue, dann erkenne ich dort auch eine Eule. Mein Glück, dass ich mit (m)einer Maus lebe ;-) Schuhu!

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