Für die Beste von allen

„Hat er das jetzt gerade wirklich getan, oder träume ich?“
„Du träumst nicht. Das war real.“
„Er hat mit uns die Einkaufstüten heraufgetragen, ein Bier aus dem Kühlschrank genommen und sich vor den Fernseher geknallt?“
„Genau das. Er scheint sich hier wohlzufühlen.“
„Und wir beide machen jetzt die Hausfrauennummer und kochen, oder was?“

Zwei Frauen, ein Lachen am Herd, ein breiten Grinsen von der Couch.
Sie waren Kollegen. Am Anfang. Zusammengewürfelt worden in eine Abteilung.
Und dann wurden sie sehr schnell Freunde. Fürs Leben. Aber das wussten sie natürlich nicht. Das weiß man nie, obwohl es einem auffallen könnte, dass da gerade etwas so schräg zusammen läuft, dass es absolut sinnbefreit ist.
Außer, es steht ein ganz großer Sinn dahinter. Aber den sieht man eben zu Anfang nicht, auf den schaut man nach 30,40,50 Jahren zurück und sagt „Ach da schau an, wir haben ein Leben miteinander verbracht und das lag ganz klar von Anfang an auf der Hand, weil das alles ohne einander ja nicht unser Leben gewesen wäre“.

So, oder so ähnlich.

Ein seltsames Dreiergespann. Die beiden Frauen hatten sich sehr schnell gegenseitig beschnuppert und für gut befunden. Obwohl sie ein paar Jährchen trennten. Heruntergekürzt war die etwas Ältere wohl immer die Pflichtbewusstere. Ein wenig klarer, ein wenig ernsthafter, sehr gebildet, verbindlich und sehr liebenswert. Die Jüngere ein schräger Vogel. Nicht auf den ersten Blick erkennbar, aber auf den zweiten. Zumindest dann, wenn man gemeinsam die Lebenskisten auspackte und ein paar Geschichten zum besten gab. Dann war sie die mit dem bunten Inhalt, damals schon. Immer an der Grenze lang, immer ein Kick zu viel von allem, ungesichert auf dem Seil. Trotz Höhenangst.

Der Kerl auf der Couch war wenige Monate später dazugestossen, hatte seine Lehre in der selben Firma begonnen und war hängengeblieben, an den beiden. Völlig ohne Sinn. Zarte Anfang 20, Cowboystiefel, bekennender John Wayne Fan, klug. Heimlicher Rebell vor dem Herrn und doch ausreichend angepasst. Seinem guten Stall ist man immer etwas schuldig, das wusste er damals, das weiß er bis heute. Sein Stall hat ihn nie verstanden, die beiden Frauen schon. Vielleicht war das Geheimnis vom Dreiergespann so einfach, denn letztendlich will ja jeder immer nur geliebt und verstanden werden. Es gibt sie nicht umsonst, die Wahlverwandschaften.

Und so hatten sie sich gewählt. Alle Mittagspausen zusammen verbracht, jeden Scherz, jede Zweideutigkeit, immer mehr Zeit. In Bayern isst man Weißwürscht und greift zur Brezn, das ist ganz normal, da wo sie zu Hause waren und wo heute noch die Freundschaftsachse verläuft. Da wo man zusammenkommt, egal in welche Himmelsrichtungen es einen verstreut hat. Das ist daheim. Und daheim ist gut. Ein wirklich guter Platz zum Sein. Wenn auch nicht für alle zum leben.

Damals, war alles leicht. Fahrten im windigen Kübelwagen ohne Heizung, mitten im Winter. Oder im schnittigen Rover. Mit Sitzheizung. Weil ein Rebell immer ein Rebellenauto braucht. Zu klapprig oder zu teuer, Scheißegal, nur anders sein und anders bleiben. Nächtliche Fahrten ohne Ziel und dennoch immer angekommen. Und nächtelange Besäufnisse, darin die Welt zerreden und neu zusammensetzen. Und sich immer dabei mitnehmen, was gar nicht so einfach ist, ohne feste Standortbestimmung, auf der Suche. Nach, ja wonach denn eigentlich? Nach dem Leben, dem Sinn, dem Ich. Nichts Bedeutungsloseres.

Und das alles mit irre viel Spaß und Markus dröhnend aus den Boxen, Neue Deutsche Welle gegen alten, vorgegebenen Stillstand. Gianna Nannini und Lou Reed, der gute Lou Reed zum Whiskey, wir gönnen uns sonst nichts und alles pur, bitte alles pur und nur nichts verwässert. Wild thing. Wild way. Mit das Wichtigste, an das Du Dich erinnerst, wenn es um die wichtigen Erinnerungen geht, egal was genau war, es war genau das Richtige. Und einzig Wahre.

Immer zu Dritt und immer eng beeinander, obwohl ein Rebell nicht nur ein Rebellenauto braucht, sondern später auch eine Freundin, die am liebsten immer auf der Grenze läuft, ungesichert, ohne Seil. Mit der lässt es sich glänzend Eltern erschrecken, daß sie zucken und wettern und Dir den Untergang prophezeihen. Der keiner wird, statt dessen etliche gute Jahre, ein Leben miteinander aufbauen und die Ernsthaftigkeit hereinholen, das Eigenheim renovieren und nachts sich Jahre später wieder vor einem Whiskey finden und immer noch auf der Suche. Und immer noch nicht angekommen und dennoch immer sein.

Freunde. Für´s Leben. Wenn auch nicht auf ewig miteianander, so doch immer nah am anderen, alle drei.
Reifer geworden mit der Zeit und gewachsen an den Dingen, an den schönen und noch viel mehr an den fiesen, die sich nicht vermeiden lassen.
Einstehen, füreinander. Tränen trocknen und sich Lachen sein. Sich manchmal retten, sich manchmal verderben lassen und dennoch nie um Verzeihung bitten müssen, weil man sich so vertraut ist wie ein Paar. Nur besser, ohne Eifersüchteleien und Erklärungen, einfach wieder zusammen kommen und weitermachen, ich weiß doch blind wer Du bist und wie Deine Baustellen heißen und ich hab Dich gern, nie trotzdem, immer genau deswegen. Jeder in seinem Kampf und dennoch nie ganz alleine. Zu wissen, wen man anrufen kann, mitten in der Nacht, ob Seelenschmerz ob Seelenglück, oder einfach nur hören, mit die vertrautesten Stimmen von allen.

Irgendwie immer aneinander ergänzt.
Gerade die beiden Frauen, die eine der anderen Stabilität oder Orientierung, der Fels in der Brandung, die größte Freundschaft, ein Geschenk an Verbindlichkeit und Größe. Die andere vielleicht das Maß an Abenteuer, an Unbeständigkeit und Suche. Ewige Suche und immer ein wenig auf der Grenze. Eine, mit der sie die Nase ein wenig mit in die Luft strecken mag, hinter der Bühne und mitten am Parkett, an Hoch und Tief, immer mittenrein, das Leben schreibt so unheimlich schöne, wilde Geschichten.

„Erzähle doch eine von uns“, würde die Ältere eines Tages sagen.
„Eine von unseren Anfängen, als er sich ein Bier aus dem Kühlschrank nahm und die Beine hochlegte und wir in der Küche standen und uns halb tot gelacht haben. Schreib doch darüber. Und über die tolle Zeit, die sich daraus ergab. Damals, die ganzen witzigen Begebenheiten.“

Und die Jüngere fing an zu schreiben, aber es wollte einfach nicht witzig werden, obwohl so vieles damals witzig war. Sondern ernst und anders und dennoch nah an dem was war und ist. Weil Großes vielleicht nicht witzig und ein halbes Leben ein halbes Leben ist. Keine Kurzgeschichte, sondern Sein. In allen Dingen.

Unglaublich wertvoll.
Wie Freundschaft. Und die Beste von allen.

Candy Bukowski

9 Antworten auf “Für die Beste von allen”

  1. Liebe Candy!
    Mit einem Satz zusammen gefasst: GENAU DAS IST ES, WAS MICH AN MEINE WIRKLICH GUTEN FREUNDE ERINNERT UND MICH MIT IHNEN VERBINDET!
    Great Story-Missionen thanks a lot!!

    Gefällt 1 Person

    1. Die Zeilen, liebe Candy, lesen sich um so intensiver,als dass auch ich mit dieser Person seit Jugendtagen befreundet bin. Somit kann ich dich nur bestätigen!!
      Wir hatten uns lange Zeit aus den Augen verloren und uns jetzt durch nen verdammt coolen Zufall wiedergefunden.

      Gefällt 1 Person

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