Candy Bukowski

Autorenblog

Die Servicestelle für verpasste Gelegenheiten – Teil 1

18 Kommentare

Es war einer dieser Anrufe gewesen, die man üblicherweise schnell beendet.
Ein unerwünschter, wie eine Meinungsumfrage, ein dummes Versicherungspaket, ein vermeintliches Gratisabonnement einer Tageszeitung, die man niemals wieder los wird. Auf jeden Fall stammte er aus einem Callcenter und deshalb wollte sie eigentlich sofort vehement abblocken, aber irgendetwas hatte sie dann doch in der Leitung gehalten.

Vielleicht war es der Hinweis auf „verpasste Gelegenheiten“ gewesen, oder die verbindliche Männerstimme, die trotz ihren unwirschen Antworten freundlich und geduldig blieb. Irgendetwas hatte ihr Interesse soweit geweckt, daß sie nachgefragt hatte, was das denn bitte sein sollte, eine „Servicestelle für verpasste Gelegenheiten“? Das wäre doch kompletter Unfug!
Aber nein, es ginge nicht um einen Telefonverkauf, man wolle sie nur persönlich einladen, in die Filiale ihrer Stadt, ganz in der Nähe, ganz unverbindlich und es gäbe doch sicher das ein oder andere, was sie gerne rückwirkend etwas anders hätte, als es sei.

Und nun war sie tatsächlich zu der Adresse gegangen. Weil sie ganz in der Nähe einen Termin wahrgenommen hatte und dann fällt es ja auch nicht weiter ins Gewicht, mal eben noch vorbeizuschlendern, aus reiner Neugier, sich unverbindlich eine eigene Meinung bilden. Über so etwas Abstruses aber auch…

Hausnummer 19. Ein kleines Schild: SfvG.
Unspektakulär von außen, das gesamte Gebäude.
Mit dem Charme einer winzig kleinen Verbraucherzentrale. Hell, schlicht, ein sachlicher Tresen, freundlicher Empfang, kein Nummernziehen.

Herzlich willkommen, man würde sich gleich um einen freien Mitarbeiter für sie bemühen. Nur noch die kurze Frage vorab sei erlaubt: wenn sie denn ihr Leben zusammenfassen würde, wäre es eher ein papierenes Buch, ein digitales Medium oder ein Film?

Sie sieht der lächelnden Empfangsdame irritiert ins Gesicht, als hätte diese nach ihrem Zyklus gefragt.
„Ein Buch. Wenn, dann wäre es wohl ein Buch ja.“  Sie spricht langsam, als hätte sie es mit einer Minderbemittelten zu tun.

Wunderbar, herzlichen Dank, dann gehe es bitte mit dem kleinen Paternoster ins Kellergeschoß und dort zu Tür 113, sie könne den Weg gar nicht verfehlen und wäre bereits angemeldet. Angemeldt. Ohne bisher ihren Namen genannt zu haben. Sie überlegt kurz, einfach wieder aus der Tür zu gehen und den gesamten Unsinn sein zu lassen, aber stöckelt dann doch kopfschüttelnd Richtung Paternoster.

Als sie nach Anklopfen bei 113 und freundlichem „Immer herein!“ die schlichte Holztür öffnet, ist sie versucht, sie sofort wieder zu schließen. Vor ihr liegt ein riesiger Raum. Unbeschreiblich groß, mit unbeschreiblich vielen, vollgestopften Regalen an den meterhohen Wänden. Bücher, wohin sie sieht. Riesige Bücher und mittlere, kleine, auf dem Boden gestapelt, an den Wänden hoch.

Bücher über Bücher und mittendrin völlig unpassend ein sportlicher, junger Typ, Jeans, Knackarsch, in einem lässigen Shirt mit der Aufschrift „Make future awesome“. Der direkt auf sie zukommt, ihr ins fassungslose Gesicht lächelt und mit Zauberhand einen Stuhl unter den Hintern schiebt.
Es tut gut zu sitzen. Sprachlos und ziemlich erschlagen vom unbegrenzt wirkenden Raum, der nach kurzem Überschlagen aller architektonischer Möglichkeiten, ebenso wie der Paternoster, in diesem Gebäude nicht ansatzweise Platz finden konnte.

„Was ist das hier?“ , ihre Worte kommen stockend.
„Das ist ein großartiger Platz an dem alles zu finden und manches zu verändern ist. Toll, nicht wahr?“, der Typ verdient einen Sympathieorden.
„Was alles? Wie zu verändern?“
„Ganz einfach, Frau Bukowski. Oder darf ich Candy sagen? Candy, sie sind gekommen, weil sie unser Serviceangebot interessiert. Das ist schön und jetzt schauen wir doch einfach einmal, was wir für sie tun können. Ihr Jahrgang? 67 richtig? Ja, das ist der Klassiker, die meisten unserer Kunden kommen mit Mitte/Ende 40, da sind Sie nicht die einzige. Sie entspannen sich einfach ein wenig und ich hole mir eben mal ihr Buch, nicht wahr?“

Und schon joggt er los, turnt durchs Archiv, hoch auf eine Leiter und wieder herunter und kommt nach einiger Zeit mit einem mittelgroßen Wälzer wieder, dem er schmunzelnd etwas Staub vom Buchschnitt bläst.

„Na, Buch… ich möchte doch schon fast sagen Werk, nicht wahr? Da haben sie aber einiges schon erlebt, Candy. Das war wohl nicht langweilig bisher“, sein Lachen irritiert sie, während die Abstrusität der Situation fast schon verlockt, mit einzufallen.

„Was hätten sie denn gerne anders?“
„Wie, was hätte ich denn gerne anders?“
„Es ist ihr Buch, Candy. Was wäre denn wünschenswert umgeschrieben zu werden?“
„Sie schreiben etwas um?“
„Sagen wir mal, wir haben die Möglichkeit, verpasste Gelegenheiten einzufügen.“
„So etwas, wie ein vermasseltes Abitur und ein fehlendes Studium?“
„Hübsches Beispiel. Ja, das wäre möglich. Mit Einschnitten natürlich. Wir können ihrem Lebenslauf ein Studium ihrer Wahl einfügen, inklusive des dazugehörigen Wissens. Was wir natürlich nicht können, ist, sie mit Mitte 40 auf den Campus zu schicken. Denn das könnten sie ja auch selbst, nicht wahr?“
„Und wie machen Sie das?“
„Wir haben unsere Möglichkeiten. In diesem Falle würden ihnen alle universitären Bescheinigungen in den nächsten Tagen per Post zugehen und das Wissen finden sie einfach morgens in ihrem Kopf, machen sie sich keine Gedanken.“
„Das ist doch Humbug!“
„Nein, das ist unser Service für verpasste Gelegenheiten. Begleichen würden Sie unseren Aufwand mit einem gewissen Abzug an Lebenszeit. Bei einem nacherfüllten Studium wären sie mit ….nun… roundabout 5 Jahren dabei.“

„Sie haben zu viel Goethe gelesen.“
„Candy, Sie sprechen verwegen. Nein, wenn sie es so sehen wollen, sind wir ein wenig Goethe. Der für seinen Mephisto im übrigen auch bei uns…, aber lassen wir das. Wie gefällt ihnen unser Angebot?“
„5 Jahre sagen Sie? Wieviel habe ich denn überhaupt noch?“
„Es tut mir leid. Diese Information ist laut AGB der SfvG ausgeschlossen“, der Typ lächelt bedauernd und blättert ein wenig in ihrem Wälzer.

„Aber wir bieten natürlich auch günstigere Nacherfüllungen. Im Zwischenmenschlichen beispielsweise! Ich sehe gerade, sie hatten da mal eine schöne Liason mit einem Herrn T. Da wäre doch mehr drin gewesen.“
„Ja, das war eine schöne Zeit. Wir wollten mal nach New York. Also ich will unbedingt mal nach New York und er hatte große Lust mitzukommen, aber dann ging das vorher irgendwie schief.“

„Na, sehen Sie Candy. Das wäre doch ein optimales Einstiegsangebot für sie. Sie prüfen uns mit einem romantischen T.-Revival in New York und wenn alles zu ihrer Zufriedenheit verläuft, buchen sie vielleicht später noch das Studium. Wenn wir den Mann nicht gerade aus einer Ehe herausschneiden müssen, könnte ich ihnen für beides einen guten Preis von, hm, sagen wir 6 Monaten anbieten. Flug, Unterbringung, eine feine Zeit im Big Apple komplett inklusive.“

„Das ist nicht ihr Ernst.“
„Candy, sieht hier irgendetwas danach aus, als wäre nicht möglich, was ich ihnen zusage?“
„Nein…“
„Eben. Dann hole ich mir jetzt mal die Unterlagen von Herrn T. und schaue was sich machen lässt.“

Er kommt mit einem zweiten, nicht gerade schmalen Buch wieder, legt es neben das ihre, und beginnt nach welchem System auch immer, Inhalte abzugleichen. Schaut hin und wieder freundlich nickend hoch, vertieft sich wieder ins Papier, blättert weiter. Er hat gut definierte Oberarme unterm engen Shirt.

„Das scheint ziemlich aufwendig zu sein.“
„Naja, Candy, Sie haben die Option Buch gewählt. Da muß ich natürlich manuell…“.
„Das heißt, hätte ich mich am Empfang für digitale Medien entschieden, dann wäre das schneller gegangen?“
„Mit einem Knopfdruck fluchs durch die Datenbank, ja selbstverständlich“, wieder dieses fast unverschämte Lächeln.
„Und bei Film Kino, oder was?“
„Mit einem unserer Produzenten am Schneidetisch, ja. Candy, alles was sie hier sehen, ist ihre Wahl. Auch ich. Sie mögen keine verstaubten Archivtypen, also habe ich eben diesen Knackarsch und die definierten Oberarme, die sie sich gerade so hingebungsvoll angesehen haben. Danke dafür, übrigens. Sie glauben ja nicht, was für eine Plautze ich manchmal herumtragen muß.“

„Und wenn ich mich jetzt umentscheide auf Film? Wo gehe ich dann hin?“
Der Typ schmunzelt und schüttelt den Kopf. „Nein, leider.“

„Verpasste Gelegenheit?“
„Verpasste Gelegenheit.“

Candy Bukowski

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Autor: Candy Bukowski

Autorin beim Verlag edel & electric. Lieferbare Titel: "Der beste Suizid ist immer noch sich tot zu leben" (30 Erzählungen) Print 2014 / eBook 2015. "Wir waren keine Helden" (Roman) Print & ebook 2016

18 Kommentare zu “Die Servicestelle für verpasste Gelegenheiten – Teil 1

  1. Richtig nett. Hab ich mal als Link weitergegeben, als Anstoss für einen Input …

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  2. Super, liebe Candy! Ich gebe dir fünf Sterne, fünf nach oben gereckte Daumen … ach was sage ich … ZEHN! Und High Five und ein strahlendes Lachen, eine Umarmung und eine Tasse Tee für diesen Text.

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  3. Oh wunderbar!!! Ich fühlte mich ein wenig an Momo erinnert – und das meine ich absolut als Kompliment :-) so ein toller Text und eine spannende Frage: Gäbe es diese Möglichkeit, würde man? :-)
    Würdest Du liebe Candy? :-)

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    • Danke, liebe Lila, freut mich sehr. Tja, würde man? Würde ich?
      Mit dem Schicksal handeln, dem Leben feilschen, mit Blut bezahlen? Man kann viel und lange darüber nachdenken, nicht wahr? Ich persönlich, würde in meinem Buch lieber etwas umschreiben, es rückgängig machen. Aber ich bin mir noch nicht sicher, ob die SfvG das zulässt. Klingt nach Fortsetzungsstory :)

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  4. Ach, mit runde 40 ist auch jetzt noch Vieles möglich. Die Gelegenheiten sind da!

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  5. Sehr coole Idee! :-D

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  6. Candy Kafka ist das heute eher ein wenig. Mal wieder ein Meisterwerk und ein Fingerzeig, dem Jetzt die Bedeutung zuzumessen, die es verdient. Ich überlege gerade, was ich in die SMS schreibe, die ich einer ganz besonderen Frau zukommen lassen möchte, soll doch keine verpasste Gelegenheit daraus werden.

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  7. Welch sehr irre und rundum skurrile Story. Fast Real. Und dennoch schrillschräg. Merci

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  8. Pingback: Die Servicestelle für verpasste Gelegenheiten – Teil 2 | Candy Bukowski

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