Candy Bukowski

Autorenblog

Nur ein Blick

13 Kommentare

Ihr Blick ist unbestritten Kapital und Achillesferse.
Offen hat er oft gehalten, lächelnd gewärmt, strahlend oder zurückgenommen verführt.
Je nachdem. Man braucht mehr als einen Blick, für mehr als einen Menschen.
So, wie man eigentlich mehr als ein Herz für sie bräuchte, um nicht jedes Mal wieder in einer Lache dreckigen Blutes zu liegen, wenn nachpulsiert, was wohl abgebunden oder ausgebrannt gehörte. Ein lebenserhaltendes für sich selbst und einige für den Phantomschmerz-Kreislauf. Was für eine ausgefuchste Mutation für eine perfekte Anpassung an die Natur der existenten Gegebenheiten.

Doch das wäre eine ganz andere Geschichte. Ihr Blick ist ihr vertraut.
Sie weiß, dass er für sie spricht, in vielen guten Momenten.
Wenn man so will, hat er sich bewiesen, als tiefer Seelengrund. Und leider auch als offenes Wahrheitsmittel.

Weil er auch in den unvermeidlich bitteren Momenten alles zeigt, was ist.
Scharfen Schmerz, überbrandende Wut, vernichtende Distanz, feurigen Kampf.
Er ist ein Blitz, eine Sekundenaufnahme, ein Augenblick an allem. Was noch nicht überlegt, nicht sortiert, nicht nachgefragt wurde.

Das Ding ist ein Familienerbstück. Ungeliebt und Sagenumwoben.
Ihre Mutter wurde bereits , für die ihm vermeintlich innewohnende Frechheit, von Lehrern in die Ecke gestellt. Und kämpfte blitzend später, Auge in Auge, mit ihrem nachgewachsenen Spiegel. So wie sie heute vor ihrer Tochter steht und manchmal erstarren möchte, vor all der ungezügelten, weiteren Wahrheit, die in manchen Momenten so nahe neben der Liebe wohnt.

Messerscharf kann er sein.
Entgegengebrachte Ungerechtigkeit tranchierend. Missverstanden, oder nicht.
Ein Sekundenausdruck. Nicht zurück zu halten. Nicht zurück zu nehmen.
Ein Selbstläufer. Ein Selbstmörder.
Vorbei, so schnell, wie er kommt.
Aber nicht zu leugnen. Niemals.
Auch nicht zu vergessen. What you see, is what you get.
Die eine einzige Sekunde killende Wahrheit, die andere einfach für sich behalten, bis sie wissen was sie denken. Oder fühlen. Oder tun.
Ihr steht sie mitten ins Gesicht gebrannt.

„Es ist faszinierend, wie Deine Augen in Bruchteilen, von totaler Hingabe zu eiskalter Distanz wechseln können“, hatte ihr mal einer gesagt, der sie nur allzu gerne herausforderte und mitten in die Extreme schmiss. Um sie am anderen Ufer wieder herauszufischen, oder ihr beim Absaufen zuzusehen. Dem sie nie genug sein konnte. Und schließlich genug war. Aller Faszination erlegen.

Wer sich selbst nicht sicher war, will Ablehnung darin gesehen haben. Und wenn sie vorher fast um den Verstand geliebt hatte. Tausend und Einmal. Immer wieder aufs Neue, ungeschützt, ohne Rüstung und ohne Visier. Der eine, schneidende Moment war Grund genug, sich an die Brust zu fassen und ihr das frische Blut an den Händen, vorwurfsvoll entgegen zu strecken. Der Sekundenmörderin, die mit ihrer Wahrheit alles Lügen straft.

Mancher hat ihn ausgehalten.
Nicht gemocht, aber ausgehalten, so wie es eben nur der kann, die sich dem Boden sicher ist. Dem Satz, dem Fundament. Manchmal strahlend freigebürstet, manchmal verschlickt und dennoch fest verankert. Mancher hat ihr die Sekunde einfach aus der Stirn gestreichelt und blieb als Wächter unverletzt an ihren Türen stehn.

Wissend, dass ein Blitz noch lange kein Gewitter nach sich zieht.
Nur negative Energie entlädt und dahinter Stille tobt.
Machtvolles Schwarzfunkenseelensprühen ohne Rosaherzenromantik.

Nur ein Blick.
By the way: einer von vielen.

Candy Bukowski

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Autor: Candy Bukowski

Autorin beim Verlag edel & electric. Lieferbare Titel: "Der beste Suizid ist immer noch sich tot zu leben" (30 Erzählungen) Print 2014 / eBook 2015. "Wir waren keine Helden" (Roman) Print & ebook 2016

13 Kommentare zu “Nur ein Blick

  1. ein klasse text…
    grüsse martin

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  2. Mit einem Blick bekommt man häufig mehr raus als mit 200 Fragen, auf die man u. U. bereits Antworten vorbereitet hat.

    Aber ob liebevoll oder eiskalt, viel schlimmer ist wenn kein Blick mehr da ist. Man sieht es bei Menschen, die schwere Schicksalsschläge erlitten haben, z. B. wenn Eltern ihre jungen Kinder verloren haben. Da ist nur noch Leere. Und dann wünscht man sich, dass zumindest ein tötender Blick noch da wäre.

    Und dann gibt es die grenzenlose Freude. Das ist kein Blick mehr sondern ein Strahlen. Eine Million Lux aus 2 kleinen Augen.

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    • Und es gibt den Sekundenblick als Reaktion auf Emotion. Aus dem man nicht mehr ablesen kann, als genau das: eine Momentaufnahme. Oft ueberinterpretiert. Eine Achillesferse. Um den ging es hier.
      Leere Blicke sind gruselig, da stimme ich dir absolut zu.

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  3. Sehr schön den Blick in Worten eingefangen. Fast hätte die Gefahr bestanden, darin „abzusaufen“. Man hält aber am Ende Texten leichter stand als Augen, so viel Wahrheit auch in beiden zu finden ist.

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  4. Ich sag´s wie´s ist, ich bin eine hochprofessionelle Nörglerin :)

    Lange Strecken von diesem Text gefallen mir sehr gut. Es ist so ein warm-kalter, zärtlich-brutaler Text. „Kapital und Achillesferse“ finde ich sehr gut, „überbrandende Wut“ oder „schwarzfunkenseelensprühen“ aber „killende Wahrheit“ gefällt mir gar nicht.

    Freu mich auf den nächsten

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  5. Ich wüsste gerne manchmal, wie ich „blicke“ … Was das Gegenüber da sieht … So faszinierend das Ganze….

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