Candy Bukowski

Autorenblog


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24 Stunden #fbm16

Im vergangenen Jahr war ich in Sachen Liebe für 24 Stunden in Paris, in der vergangenen Woche in Sachen Helden-Promotion für 24 Stunden in Frankfurt. Es scheint, ich bin ein 24 Stunden Typ. Das liegt mir sehr. Schnell hin, intensiv durch und schnell wieder zurück, man glaubt gar nicht, wieviel man komprimiert in 24 Stunden erleben kann.

Beide Ausflüge gingen ebenso ins Herz, wie auf die Füße.
Bekanntlich kann man endlose Kilometer auf dem Buchmessen-Gelände in Frankfurt zurücklegen. Nur weil man da ist, ist man noch lange nicht angekommen, woran sich übrigens auch die Deutsche Bahn orientiert. Denn mein gebuchter Vormittags-Zug wurde überraschend einfach gestrichen. Was gut ist, denn ohne diesen Ausfall wären wir Reisenden niemals in den Genuss der Erfahrung gekommen, dass der Nachfolge-ICE in Hannover trotzig so lange angehalten wurde, bis genug Leute freiwillig für einen 25 Euro Gutschein ausstiegen, bis die zulässige Beladungskapazität nicht mehr überschritten wurde. Weiterlesen


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Holen wir uns unsere Leben zurück!

So lautet der Street Art Spruch einer versteckten Mauer in St.Georg, den ich im August 2013 fotografierte und hier im Blog einstellte. Wird tatsächlich nicht alt, das Ding und hat nichts an Bedeutung verloren. Auch die Mauer steht weiterhin exakt wie abgebildet, deshalb noch einmal:

Ein Spruch also.
Der war dem Sprayer ein Anliegen.
Der hat mir so sehr gefallen, dass ich nachts die Kamera zückte.
Und der hat ganz vielen Menschen gefallen, die bei diesem Foto spontan auf „like“ klickten.

Was heisst das denn nun?
Ich meine, das muss doch einen Grund haben.
Das macht doch keiner von uns einfach so. Sprayen, ins Bild bannen, liken.
Das tun wir doch nur, wenn uns irgendetwas irgendwie erwischt.

Ist doch schon eine Hausnummer. Der Wunsch, sich sein Leben zurück zu holen.
Und impliziert, dass es irgendwo verloren ging, abhanden kam, eine falsche Richtung genommen hat.
Irgendwas in der Größenordnung. Wäre doch schlüssig.

Hat dabei irgendjemand an den Weltfrieden gedacht, oder aufopferungsvoll an andere Menschen, die armen Krüppel da draußen, denen irgendwo etwas schief lief, die Pech hatten, wie es halt manchmal so läuft, weiter unten?
Ging es da um andere Leben?
Oder ums eigene, ums Eingemachte?

Ging uns unser Leben verloren, kam es abhanden, hat irgendetwas darin die falsche Richtung genommen?
Ja?
Krass, oder?  Wie konnte das denn passieren?
Ich meine, da ist man verträglich intellektuell, konnte sich ein Abi schnitzen, hat einen netten Beruf gewählt, ein paar Menschen besonders geliebt, Familien gegründet, einen Baum gepflanzt, vielleicht sogar ein Haus gebaut. Manches lief vielleicht nicht ganz so gerade wie gedacht, aber Schwund gehört dazu und der lässt sich doch auch immer auffangen. Da dreht man was, da macht man was und dann passt das schon wieder mit dem Leben. Ist doch wertvoll das Ding, das kann uns doch nicht so komplett verloren gegangen sein. Oder?

Holen wir uns unsere Leben zurück.
Oder haben wir dabei vielleicht an die kleinen Dinge gedacht? An die Glücklichkeiten, die lebenswerten Momente, an Freiheit und Freude, an mehr Zeit, mehr Liebe, mehr Sex, mehr Jugend und mehr von allem, was fehlt? Vielleicht Chancen?
Ist es das, was verloren ging? Und ist das klein?

Verloren gegangen also. Oder weggenommen.
Von wem eigentlich?
Von uns selbst? Von anderen? Von fiesen Schicksalsgöttern, die wetternd auf dem Olymp Roulette mit unseren Möglichkeiten spielen?

Egal. Weg ist weg.
Unsere Leben.
Ich halte das immer noch für eine gewaltige Nummer.
Einfach mal so beim Surfen festzustellen, dass zumindest ein wichtiges Stück Leben fehlt.

Und? Holen wir es jetzt zurück?
Machen wir jetzt irgendetwas anders und reissen das Ruder nochmal herum?
Oder drücken wir eben manchmal auf Auslöser und Buttons und dann hat sich das erledigt?
In Wohlgefallen geklickt?

Ich weiß es nicht.
Ich frage nur mal.

Ergänzung Ende 2014:
Doch. Inzwischen weiß ich es.
Manchmal ist es mit Klicken einfach nicht getan. ;)

Candy Bukowski


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Nie leer gehen, Heidi!

Sie gehörten zu den Paaren, die möglicherweise ein Geheimnis miteinander teilen, das Dinge erklären könnte. Aber das man als Außenstehender nicht erkennen kann. Das sich einem einfach nicht erschließt, so lange man auch hinschaut, und das – soweit es überhaupt existiert – überschattet wird. Von einer dunklen Wucht an ultimativem Nicht-Paar sein. Zumindest nicht mehr. Vielleicht früher einmal.

Irgendetwas musste irgendwann ja einmal anders gewesen sein.
Besser. Schöner. Vielleicht sogar verliebter. Zumindest wertschätzend.
Irgendwann. In den 60ern oder so.

Wer sie später zusammen erlebte, sah einen eher kleinen Mann mit einer gewissen Terriermentalität. Immer bereit in irgendwelche Knöchel zu schnappen. Körperlich ein Handtuch, intellektuell eher grobschlächtig. Ein Zyniker vor dem Herrn, frühpensionierter Beamter, und mit einer Menge Tagesfreizeit gesegnet. Man hätte ihn sich rund um die Uhr in einer Saunaanlage vorstellen können, in der er dann mit Vorliebe hübsch genormten jungen Frauen nachgesehen und sie kommentiert hätte. Stammtischpolitik und Frauen, das waren seine Themen, die er zynisch rauf- und runter bearbeitete, ohne selbst auch nur annähernd ein besonders toller Hecht zu sein. Vielleicht gerade deshalb.

Seine eigene Frau passte schon lange nicht mehr in sein Bild, und das ließ er sie auch deutlich spüren. Viel zu kräftig war sie über die Jahre neben ihm geworden, mit wogendem Busen, Hausfrauen-Sexappeal und einem viel zu kurzen Kurzhaarschnitt mit ausrasiertem Nacken. Natürlich ein Fehler, als Frau irgendwann zum Mann neben dem Mann zu werden. Ein Kurzhaarschnitt mit ausrasiertem Nacken ist der erste, markante Schritt dazu, aber dennoch: irgendwann musste da doch mal etwas gewesen sein, zwischen den beiden. Etwas an das er sich zumindest erinnern hätte können, das Geheimnis einer Vertrautheit, über gemeinsames Reifen hinweg.

Aber er erinnerte sich nicht. Eigentlich war jedes Wort ihr gegenüber eine Beleidigung. Deutlich oder süffisant, aber eine stetige Aneinanderreihung von verbalen Unterschwelligkeiten und giftigen Beurteilungen. Wie man seinen Arbeitskollegen nicht angehen würde, oder den Nachbarn, einen Unbekannten in der Straßenbahn. Mit niemandem geht man so um, außer eben mit seinem Ehepartner, wenn man den nicht mehr losbekommt, obwohl anscheinend alles danach schreit. Aber das wollte er ja auch gar nicht. Dazu war es viel zu bequem, mit seiner Heidi, die neben ihrem Vollzeitjob so schön den Haushalt wuchtete und lecker kochte, und ihm die Unterhosen bügelte.

In guten wie in schlechten Zeiten. Das waren allem Anschein nach die schlechten. Oder die normalen. Vielleicht ist auch das eine Sache der Betrachtung. Vielleicht fand nur ich es so seltsam unmöglich, wenn er da auf der rustikalen Eckbank saß und sich noch einen Schnaps genehmigte und eine schlüpfrige Bemerkung über gut geschmiert und einbeinig-dreibeinig, und seine Heidi dabei abfällig anschaute und noch einen über alte Frauen und die eigene im besonderen nachlegte.

Jedes Wort ein giftiger Treffer, den sie, wenn überhaupt, nur mit einem Blick oder einem halbherzigen „Ach Erwin…“ konterte. Um nachher seine Unterhosen zu bügeln, oder einen Braten ins Rohr zu schieben, der natürlich nie so wirklich an den letzten heranreichte. Aber was will man machen, mit Frauen ist man eben gestraft, die sind eine Plage wie die Heuschrecken, was haben die für ein Glück, so gut versorgt einen echten Mann abbekommen zu haben und überhaupt, zum Schnaps noch ein Bier und zum Bier noch ein Schnaps. Heute arbeiten wir uns ja nicht mehr durchs Kamasutra, haha.

„Nie leer gehen, Heidi. Nie leer gehen!“… wenn sie vom Tisch aufstand und dabei die abräumbaren Teller vernachlässigte. Und sie immer adrett und tapfer unter ihrem nackenausrasierten, blonden Kurzhaarschnitt, eine Serviette in den knubbeligen Fingern knetend. „Ach, Erwin.“

Mit Ende Sechzig, nach vielen Jahren voller Tagesfreizeit, vielen Schnäpsen und vielen giftigen, verbalen Pfeilen in Richtung seines „Ehegespenstes“ versagten Erwin die Organe. Eines nach dem anderen. Schön langsam und sehr unschön.
So ein langsames, multiples Organversagen dürfte zur fiesesten Rache gehören, die das Schicksal an überraschendem Moment parat hält. Dann, wenn Du nichts mehr halten und auch ansonsten nichts mehr selber kannst und Dir am Ende sogar die Sprache verloren geht. Weil alle giftigen Worte aufgebraucht sind und Dein Körper nur noch die eine, letzte Aufgabe erledigt, indem er Dich selbst vergiftet.

Nein, das war natürlich kein gerechtes Ende für Erwin.
Das Leben ist nicht gerecht. Nicht gerecht in dem Sinne, wie wir gerecht verstehen. Nicht richtend. Nicht Recht sprechend. Nicht verurteilend.
Das Leben ist auch nicht menschlich, weil es kein Mensch ist.
Aber es dürfte ein unbeirrbar konsequenter Logiker sein.
Es führt einfach fort, was wir zu denken und zu tun bereit sind.

Vielleicht ist es ein Dominospiel, dessen Gebilde wir uns aufbauen, dessen Steine wir anstossen, und das dann einfach konsequent durchläuft. Im Bereich des Gebildes, das wir gewählt oder mitgebracht haben. Das eine, das uns für dieses Leben möglich ist. Das wir uns für dieses Leben möglich machen.

Und vielleicht erwischt es uns deshalb, zumindest am Schluß, stets an unserer größten Schwäche.
Die immer auch unsere größte Angst ist.
Welche auch immer.

Was wir besitzen, ist die Möglichkeit, diese Angst zu wählen.
Wagen wir, sie zu verlieren, gewinnen wir vermutlich viel.

Candy Bukowski
– ein Text aus verstaubten Ecken des Archivs –


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Fragmente des Fragments II

Wenn man sich selbst für den stillen Raum entscheidet, muss man um ihn kämpfen.
Das ist das Abstruseste. Das Widersinnigste.
Dass man an Türen wieder und wieder kratzen muss, um Eintritt zu erhalten.
Alle Kraft aufbieten, um zu beweisen, dass keine mehr vorhanden ist.
Es muss Dir ernst sein. So ernst wie dein Leben.

Dann öffnet sich die Tür.
Der Stille Raum ist keine stille Treppe.
In ihm sein zu dürfen, überwiegt das sein müssen.
Nicht mehr zu müssen, ersetzt nicht mehr zu können.
Selbst Widersinnigkeit beinhaltet Logik.

Wenn Du sie begriffen hast, entsteht Freiheit zu sein.
Freiheit abgeben, um Freiheit wieder zu erlangen.
Dann lassen sie dich in den stillen Raum.
Und dann ist es gut. Dann ist es tatsächlich erst einmal gut.

Wer hier ist, ist ein lebenstüchtiger Mensch.
Der hat sich am Leben tüchtig aufgearbeitet.
An den Dingen. Oftmals an Menschen. Immer an sich selbst.
Tüchtig.

Wer hier ist, ist.
Es gibt keine Unterschiede.
Jeder in seiner Geschichte, in seinem Tempo, seinem Sein.
Die, die nie eine Chance hatten. Die, die an vorhandener strauchelten.
1000 Geschichten. Letztendlich alle die selben.
Abgrenzen ohne abzuwerten. Ich bin ein Du.
Und jeder hat eine Stimme. Es gilt sie zu sprechen und zu hören.
Das Universum ist nicht egozentrisch.
Auch nicht egoistisch.
Es ist.

Erinnere den Unterschied.
Gesunde und sei.

Candy Bukowski


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Die Spitzmaus

Es gibt Familien, die haben es nicht so mit Familie.
Spätestens ab dem 2.Verwandschaftsgrad wird es fast immer schwierig. Onkel, Tanten, Nichten, Neffen, die ganze Mischpoke, die oftmals so gar nicht zueinander passt und in der sich fast jeder heimlich die Frage stellt, auf welch seltsamen Genverbindungen man es in die selbe Ahnenreihe schaffen konnte. Zumindest lässt sich außer einer Nase oder einem halben Talent nichts finden, das diesen Umstand erklären könnte, deshalb lässt man es lieber und trifft sich im Laufe der Jahrzehnte lediglich zu drei Hochzeiten und unzähligen Todesfällen. Schwupps, schon hat es sich, mit Verwandschaft.

Bei der Spitzmaus musste sie nach keinerlei Chromosom-Ähnlichkeiten suchen, der war nur angeheiratet.
Wobei selbst das nicht stimmt, denn zu einem Eheversprechen zwischen der weiblichen Vertreterin ihrer linken Ahnenreihe und der Spitzmaus hatte es nie gereicht. Aber sie waren doch ein ganzes Leben aneinander hängengeblieben. Dort, wo sie herkamen, wo sie immer geblieben waren. Ein Leben lang im selben Haus, hatte sich wohl so ergeben.

Beide redlich verbeamtete Lehrer. Er Mathe, Sport, Physik, und um einiges älter, als seine nicht geheiratete Gattin, die in Deutsch oder Geschichte glänzte, wer weiß das schon noch so genau? Beide klein, drahtig, unheimlich sportlich und erschreckend spießig. Falls sie nicht irgend ein spannendes Geheimnis miteinander teilten, dass dann zumindest niemals bekannt geworden war.

Das Spitzmaus Haus war das unglaublichste, das sie jemals betreten hatte.
Durch die Eingangstür ging es in die erste Schleuse. Dem stets gut verschlossenen Flur, in dem man seine Schuhe abstellte und dann in ein Paar der unzähligen Frottee-Pantoffeln schlüpfte.
Anschließend um eine klitzekleine Ecke herum, in den  Badvorraum. Dort auf dem Pflichtplan: Ausziehen bis auf die Unterwäsche und in einen weißen Bademantel schlüpfen. Nein, kein Zwangsduschen, aber gern gesehen wäre es schon gewesen.

Wer nach Standardprozedere endlich im Bademantel war, durfte sich freiräumig bewegen. Möglicherweise  gesundes Müsli aus Gerstenschrot und Obst aus der lupenreinen Küche holen und dann den Frühstückstisch decken.

Was gewissen Slapstick-Szenen nicht entbehrte, wenn auf der exquisit gekärcherten Terrasse gegessen werden sollte. Nicht das einfachste Unterfangen, an der Terrassentür wiederum von den Frotteepantoffeln in die Birkenstock-Schlappen zu wechseln und zurück, um noch das Besteck zu holen, oder etwas Frischgepresstes, was sich optisch und inhaltlich, gut auf dem blitzeblank gewienerten Tisch machte.

Einmal hatte die Spitzmaus eine fiese Falle ausgelegt und eine schmackhafte Teewurst aufs Frühstücksbrettchen drapiert. Und kaum war der letzte Teewurstbrot-Happen geschluckt, hatte er ihr einen Ernährungsvortrag gehalten. Auge in Auge, unentspannt sitzend in weißen Bademänteln und den obligatorischen Schlappen. Dass sie sich da jetzt aber so etwas von exakt dem falschestem vom Falschen ausgesucht hätte und was das denn noch mit ihr werden sollte. Man wüsste ja nicht , worum es schlimmer stand. Um sie in der Mathematik oder rund um die Teewurst.

Vermutlich auch rund um Keime.
Das Schleusensystem diente natürlich dem großflächigen Ausmerzen, möglicher miskroskopisch kleiner, Einzeller. Ständig wurde gewischt und geputzt und geduscht. Und als Teenager war es ihr hin und wieder eine heimliche Freude gewesen, sich vorzustellen, wie wohl zwei Menschen Sex miteinander zu Wege bringen, die eine höllische Angst vor Verkeimung haben. Es war ihr tatsächlich ein göttliches Vergnügen, sich die beiden in Ganzkörperschutzanzügen vorzustellen. Mit Kapuze und Mundschutz. Und dabei ganz sportlich, aber grenzenlos spießig auf irgendeine Vereinigung hineilend, die keinerlei mikroskopische Einzeller zulässt. Vielleicht war aber bereits dieser Gedanke verwegen. Mit eigenen Kindern hatten sie sich nie verkeimt.

Verwunderlich eigentlich, daß sie dennoch unheimlich gerne reisten.
Zumindest alljährlich ins immer selbe Hotel, ins immer selbe Vaduz, oder war es Brixen? Um die immer selben Skihänge herunter zu wedeln und einen mords sportlichen Urlaub durchzuziehen. Vermutlich im immer selben Hotelzimmer, das bis zu ihrer Wiederkehr, vermutlich immer wieder keimsicher einvakuumiert wurde.

Wobei die nicht angeheiratete Spitzmaus-Gattin, trotz Putzfimmel so übel gar nicht war. Immer ein bischen still und mädchenhaft-burschikos, neben ihrem frei gewählten Vaterersatz. Der immer schon leicht angegraut und klein und sehnig war, mit den unglaublich hässlichsten Zähnen dieser Welt, die schief und quer in seinem Mund herumstanden, und hinter denen sich kleine, spitze Sätze formulierten.

Nun, wie geht es Dir denn inzwischen in der Mathematik?„, war sein beliebtester.
In ganz ungewohntem Pfälzerisch der 2.Ahnenreihe etwas lang gezogen.
Weil sie sich ja auch sonst nichts zu sagen hatten. Weder inhaltlich, noch in anderen Dialekten. Denn schulmeisterlich verstand sie nicht so gut, und alleine für den Scheißsatz hätte sie ihn vergnüglich an die Wand nageln können. Mit kleinen, spitzen Nägelchen, durch die kleinen, sehnigen Ärmchen.

Als sie 16 war, hatte er sie auf einer Hochzeit an ihre Eltern verpfiffen. Weil er in ihrer Handtasche eine Schachtel Zigaretten aufblitzen sah und wohl völlig vergaß, dass er gar keine Pausenaufsicht hatte, sondern nur eine ganz banale Spitzmaus auf einer ganz banalen Mittelstandshochzeit war.

Ab dem Tag hatte er endgültig bei ihr verloren.
Wobei die Vorstellung, dass er nicht die leiseste Ahnung davon hatte, was sie sonst noch so alles Verwerfliches mit äußerster Vorliebe, so ganz ohne Handtasche tat, ein besonderes Vergnügen für sie war.

Und dann waren die Jahrzehnte ins Land gezogen.
Und man hatte sich, –  beidseitig gewaltig gereift –  zu einer sehr bedauerlichen Beerdigung, vor einem Friedhof wiedergetroffen.
Sie, schon lange kein Teenager mehr, teewurstgestärkt und endgültig einen guten Kopf größer als die Spitzmaus. Und er unverkennbar der selbe wie immer. Noch grauer, noch immer recht sportlich für sein Alter, aber längst verrentet und noch immer mit den selben, queren, gelben Zähnen.

Sie hatten sich, Schwarz in Schwarz, freundlich distanziert begrüßt und die Hände geschüttelt.

Und dann hatte sich sich vor ihm eine Zigarette angezündet und mit einem Augenzwinkern gefragt: „Nun, Spitzmaus. Wie geht es Dir denn zwischenzeitlich in der Mathematik?„. Ein Scherz. Natürlich. Nur ein klitzekleiner Scherz…

Es ist wirklich faszinierend, für wie wenig, Mensch ein Leben lang, nicht gemocht werden kann.

Candy Bukowski


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Tagesbruchstücke – Ein Hoch auf uns

Sie sind zu Dritt und liegen zu meinen Füssen. Auf Pappe, die notdürftigen Decken bis zu den Nasen hochgezogen. Eine Doppelbettpappe für Mann und Frau unschätzbaren, verbrauchten Alters. Drei Schritte entfernt schläft ein Junge, vielleicht 16, vielleicht der Sohn. Seine Beine sind seltsam verdreht. Zwischen den Lagern steht ein einfacher Rollstuhl, der Sohn ist körperbehindert, vielleicht gelähmt.

Fast muss ich über sie hinweg steigen.
Mein, knapp vor der Überdachung des Ladengeschäftes abgestelltes Auto, bot ihnen Sicht- und Windschutz, während der Nacht.

Ich komme frisch ausgeruht und geduscht von oben, Laptoptasche links, Kaffee rechts, fertig für den Start in den Tag. Und ertappe mich bei einem tiefen Durchatmen.
Sie sind mir unangenehm.
Es ist mir unangenehm, mich konfrontiert zu sehen. Gar nicht wegsehen zu können.
Selbst gesehen zu werden, wie ich einsteige, in den Scheckheftgepflegten Wagen. Der nicht meiner ist, nur angenehmes Werkzeug, aber was macht das für einen Unterschied?

Ich steige schnell ein. Der Mann erwacht, wirft einen müden Blick durch mich hindurch.
Ich starte den Motor, lege den Rückwärtsgang ein. Kann gar nicht schnell genug wegkommen.
Das Navi werde ich heute erst zwei Straßen weiter programmieren. Den sprechenden Wegweiser einstellen, der mich gedankenlos an jedes gewünschte Ziel leitet, auf Autopilot einstellt, die Suche nach dem richtigen Weg wird mir luxuriös abgenommen.

Ohne meine Fernsichtbrille bin ich aufgeschmissen unterwegs. Letzte Woche ist der rechte Bügel abgebrochen. Tragen kann ich sie trotzdem. Sieht mich ja keiner, wie sie mir etwas schief im Gesicht hängt. Eine Sache unter vielen, auf der to-do Liste. Sollte ich mich mal kümmern.

Ausgeparkt, weggefahren, losgefahren.
Hätte ich vielleicht? Wäre es nicht besser gewesen?
Vorbei. Unangenehm.

***

Viele Kilometer weiter.
Der Vormittag hat sich gut angelassen.
Zeit für einen kurzen Cappuccino in der Sonne.
Eine Frau in meinem Alter, früh ergraut, im verschmutzen Jogginganzug, bittet mich um eine Zigarette. Ich lächle ein wenig, möchte sie nicht abfertigen, gebe Feuer.
Sie sieht mich vor dem Laptop sitzen, ein paar Daten eingeben. Daneben liegt ein iPhon 5, noch eben schnell ein paar unglaublich wichtige Telefonate…
Alles nicht meins, alles nur Krücken. Ich würde ihr das gerne erklären. Dass alles eigentlich ganz anders…
Wie überflüssig. Wie abstrus. Allein der Gedanke. Klar, Feuer. Einen schönen Tag für Sie.
Vorbei. Unangenehm.

***

Das Navi bringt mich weiter. Wie immer, direkt vor die Tür.
Dass einer meiner neuen Kunden ausgerechnet in dieser riesigen Klinik zu finden ist, hatte sich mir durch die Straßenangabe nicht erschlossen.

Ich betrete den Komplex mit einem dicken Kloß im Hals.
Lange nicht mehr hier gewesen, aber die Wege sind mir bekannt.
Wir sind hier zusammen entlang gegangen. Mit dem Aufzug in den Neunten, rauf zur Onkologie. Runter zur Bestrahlung, das war ihr alleiniger Weg. Und dann schließlich weg, durch die unsichtbare Tür nach nebenan.

Jetzt, hier, ist sie mir so nahe, als würde sie direkt neben mir gehen. Da hinten in der Cafeteria, genau an dem Tisch am Fenster, sind wir gemeinsam gesessen. Ganz am Anfang, als wir noch dachten, es könnte vielleicht doch gut ausgehen. Ich würde mich gerne nochmal dort hinsetzen und auf unbestimmte Zeit sitzen bleiben. Ein Blick auf die Uhr erklärt mir anderes. Es bleibt beim Gedanken. Einem stillen Gruß.
Vorbei. Unangenehm.

***

Abends zurück nach Hause. Nicht mein alleiniger Plan.
Ich teile ihn mit vielen.
Wir stehen Stau und üben Reißverschluss statt Knopfloch auf der Autobahn.
Die Freisprecheinrichtung meldet einen Anruf von Michel. Ich mag ihn, ich schlafe mit ihm. Mehr nicht. Es tat gut, mir mit ihm zwei, drei Mal das Vergessen zu erleichtern. Oder so zu tun als ob.
Jetzt spricht er frei und erklärt wortreich entschuldigend, dass er sich leider nicht verliebt hätte.
Mir ist gar nicht bewusst, dass es darum ging. Ich dachte, ich hätte das ausgeschlossen.
Vielleicht nur gedacht, nicht gesagt. Vielleicht nicht ausreichend zugehört.
Ah, da vorne geht es weiter, Ende der Baustelle, ich verstehe Dich leider schlecht, machen wir es kurz.
Vorbei. Unangenehm.

***

Es ist spät geworden. Töchterchen hat auf mich gewartet und liegt schon im Bett.
Sie ist groß geworden, in letzter Zeit. Sie weiß, worum es geht. Es geht um viel.
Wir kuscheln noch ein wenig. Erzählen das Wichtigste vom Tag. Sie erzählt.
Mein Tag war einfach durchweg gut.
Ich tröste und lobe ein bischen und bin froh, dass sie müde ist.
Wochenende? Klar! Wochenende! Wir werden uns etwas Gutes ausdenken. Einen prima Plan schmieden.
Lippenkuss, Stirnkuss, ein noch an der Tür Luftkuss. Aufgefangen! Aufgefangen!

 ***

23 Uhr. Ich sitze auf dem Balkon, vor mir ein viel zu großes Glas Aperol Sprizz.
Bitterfruchtige Erfrischung zum Feierabend. Tussengetränk.
Passt eigentlich gar nicht. Nein, nicht?
Mann, Frau, Sohn werden inzwischen unten wieder die Pappmatratzen ausgelegt haben.
Wir teilen uns den Mond. Sonst nichts.
In der Elternmappe des Schulranzens findet sich noch eine zurückgegebene Arbeit zur Unterschrift für mich. Schriftliche Division, das wilde Wesen glänzt mit einer 4. Es gibt nichts zu mahnen, sie tut was sie kann und sie kann es. Allein die Zeit eines Tests, ist stets zu knapp für sie. Wir werden ein wenig üben müssen.

Im Radio läuft leise Andreas Bourani „Ein Hoch auf uns!“.
Ich mag den Song. Ich mag ihn sehr. Er trifft alles, was in mir liegt. Momentan zu weit unten.
Ein spontaner Griff zu Whats-app. Ich möchte ein paar Freunde einladen.
Lasst uns in ein paar Tagen zusammen kochen, zusammen essen. Unterm Mond trinken.
Viel zu lange nicht wirklich gesehen. Nicht wirklich gesprochen.

Mein Terminkalender vertröstet mich auf in ca. 14 Tagen.
Trotzdem! „Ein Hoch auf uns – Auf dieses Leben – Auf den Moment – Der immer bleibt“.

Und morgen? Morgen vielleicht heimlich eine Tüte Einkäufe nach unten stellen. Brot, Käse, Milch, vielleicht Schokolade? Ob sie das wollen würden? Ob das Sinn macht, neben den zusammengerollten Decken?
Das wäre vielleicht eine Idee. Vielleicht eine gute. Vielleicht auch nicht.

Morgen.

Candy Bukowski


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Fünf

Es sind so endlos lange Flure, durch die sie immer gehen muss.
Sehr lang und sehr hoch, für eine kurze 5jährige. Und unheimlich. Ganz ohne Tageslicht, nur mit schwachen Neonröhren beleuchtet, die manchmal flackern, oder vereinzelt ganz ausfallen. Dann liegt die nächste Ecke im Dunkeln und sie drückt sich mit eingezogenem Kopf näher an der Wand entlang und sucht mit der kleinen Hand nach dem nächsten Lichtschalter, der vielleicht wieder ein Flackern bringt. Oder auch nicht.

Es gilt, keinesfalls dem schwarzen Mann, ein paar Türen weiter zu begegnen.
Der kaum spricht, nur schlecht gelaunt knurrt. Sie weiß nicht, vor wem sie mehr Furcht empfinden soll. Vor ihm, oder seinem Hund. Einem riesigen, bulligen Tier, das entweder unangeleint plötzlich um die Ecke trabt, oder sich mit Glück gurgelnd in die Kette hängt, die sich um seinen sehnigen Hals zusammenzieht. Und aus dem er ihr mitten ins Gesicht röchelt.

Sie erstarrt, wenn sie den beiden begegnet. Wagt es nicht, ein paar Schritte zur Seite zu gehen, um sich geschützter zu wähnen. Sie bleibt einfach stehen, mit hochgezogenen Schultern, den Blick fest in den Boden gebohrt. Festgefroren, bis sie nach immer wieder frischen 1000 Jahren an ihr vorbei gezogen sind. Röchelnd und hechelnd der eine, knurrend der andere. „Dreckspack Kinder, hier im Haus. Lauter kleine, krachmachende Monster. Aus dem Weg Du Ding!“

Und sie steht, wortlos und unbeweglich wie ein Ding. Sich immer wieder fragend, von welchen anderen Kindern er spricht, die sie kaum zu Gesicht bekommt. Nicht hier oben, nicht im lichtlosen 9.Stock des gewaltigen Hochhauses mit den 120 blinden Türen vor nur zu ahnenden Leben. Die man nicht hört, die sich irgendwo dahinter abspielen. Leise, leise, als würde alles stören, was sich bewegt und nicht nur atmet.

Wer hier wohnt, hat noch nicht viel Geld. Oder keines mehr.
Oder Angst davor, Menschen zu begegnen, mit denen man doch eigentlich gar nichts zu tun haben möchte.
Wenn man ganz viel Abneigung gegen fremde Menschen hat, dann zieht man vielleicht auch hier ein. Weil die beste Garantie alleine zu sein, darin liegt, anonym zwischen vielen Menschen zu leben, die leise die Tür hinter sich schließen.

Hinter einer der Türen, war kürzlich eine Nachbarin gestorben.
Ganz tragisch. Sie wusste das genau. Die Eltern hatten sich leise darüber unterhalten, als sie am Couchtisch saß und still, schöne Prinzessinnen in bunte Bücher malte.

Man hätte es ja nur gemerkt, weil die Polizei da war. Und der Rettungswagen. Der nichts mehr retten konnte. Weil die junge Frau beim Putzen ausgerutscht und in die Badewanne gestürzt sei. In kochend heißem Wasser mit Putzseifenlauge sei sie dann wohl verbrüht und dann ohnmächtig ertrunken, bis ihr Mann sie gefunden hatte. Man wüsste es nicht so genau, man will ja auch nicht neugierig sein. Aber seltsam klingt das alles schon, was nicht alles passieren könne, nicht wahr?

Seitdem war der Weg nach unten noch unheimlicher.
Weil bestimmt ein Sarg durchgetragen wurde. Ein Sarg ist noch viel schlimmer, als ein röchelnder Hund.
Anders schlimmer. Weil, das geht ja nicht weg, das Wissen, dass da einer war. Ein Sarg.
Manchmal, wenn sie um die dunkle Ecke biegt, dann ist sie sich ganz sicher, dass er plötzlich vor ihr auf dem Boden steht und die verbrühte Frau rausschaut. Und wie sollte das dann vorbei gehen, wenn sie mit hochgezogenen Schultern auf dem Linoleum festfriert und mit zusammengekniffenen Augen auf den Boden starrt?

Sie muss schnell sein. Schnell und leise. Damit sie keiner bemerkt.
Und besser keine Hand an die Wand. Weil sie nicht weiß, hinter welcher Wand die Badewanne steht, in der man sich beim Putzen totbrühen kann.
Eine Zeit lang, hatte sie gedacht, die Wand müsste an dieser Stelle wärmer sein. Als würde etwas von dem heißen Wasserdampf noch immer drinstecken und würde niemals auskühlen. Da so etwas Schlimmes doch niemals wieder Normalität werden kann.

Aber der Versuch es herauszubekommen, scheiterte.
Selbst das Schlimmste verliert sich wohl irgendwann. Es gibt keine Hitze, in der langen Wand unter den kleinen Händen.
Nur ihre eigene, klebrige Feuchte darin. Und der Plan, es aufzugeben und statt dessen schneller zu sein. Ein wenig zumindest. Ein klein wenig schneller durch die Flure. Bis zum stinkenden Aufzug. Und dann runter zum Spielplatz zwischen den drei Hochhäusern, von denen eines wie das andere aussieht.

Wenn sie oben auf dem Balkon steht und die Nase vorsichtig übers Geländer schiebt, tausendfach ermahnt, nur ja nicht hochzuklettern, dann sieht er ganz winzig aus. Ein paar karge, stählerne Metallgiraffen auf Beton, über die ein paar kleine Ameisen krabbeln. Dreckspack, lauter kleine Monster. Ganz vereinzelt. Aus dem Weg, Du Ding!

Sie ist ein besonders komisches Ding, dort unten.
Mit ihrem weißen Taufschleier über den Kopf gewunden, hinten zu einem wundervollen, langen Zopf zusammengefasst. Ein paar hübsche, bunte Spangen, links und rechts.
Der Wunsch, die praktische Kurzhaarfrisur durch langes Haar zu ersetzen, ist so unheimlich groß. Wie die Aufgabe der Eltern, ihr die gewählte Notlösung auszureden. Man lässt sie gewähren.
Und sie trägt sie mit Stolz. Und Selbstverständnis.
Mag doch dumm schauen, wer will.
Mit 5 ist alles möglich. Auch das eigene. Das andere.

Nur der Weg nach unten, durch die halbdunklen Flure, am röchelnden Hund vorbei, und all den vielen Türen, von denen sie nicht weiß, hinter welcher vielleicht gerade gestorben wird, der ist unglaublich lang. Und gruselig.

Candy Bukowski


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Nur ein Blick

Ihr Blick ist unbestritten Kapital und Achillesferse.
Offen hat er oft gehalten, lächelnd gewärmt, strahlend oder zurückgenommen verführt.
Je nachdem. Man braucht mehr als einen Blick, für mehr als einen Menschen.
So, wie man eigentlich mehr als ein Herz für sie bräuchte, um nicht jedes Mal wieder in einer Lache dreckigen Blutes zu liegen, wenn nachpulsiert, was wohl abgebunden oder ausgebrannt gehörte. Ein lebenserhaltendes für sich selbst und einige für den Phantomschmerz-Kreislauf. Was für eine ausgefuchste Mutation für eine perfekte Anpassung an die Natur der existenten Gegebenheiten.

Doch das wäre eine ganz andere Geschichte. Ihr Blick ist ihr vertraut.
Sie weiß, dass er für sie spricht, in vielen guten Momenten.
Wenn man so will, hat er sich bewiesen, als tiefer Seelengrund. Und leider auch als offenes Wahrheitsmittel.

Weil er auch in den unvermeidlich bitteren Momenten alles zeigt, was ist.
Scharfen Schmerz, überbrandende Wut, vernichtende Distanz, feurigen Kampf.
Er ist ein Blitz, eine Sekundenaufnahme, ein Augenblick an allem. Was noch nicht überlegt, nicht sortiert, nicht nachgefragt wurde.

Das Ding ist ein Familienerbstück. Ungeliebt und Sagenumwoben.
Ihre Mutter wurde bereits , für die ihm vermeintlich innewohnende Frechheit, von Lehrern in die Ecke gestellt. Und kämpfte blitzend später, Auge in Auge, mit ihrem nachgewachsenen Spiegel. So wie sie heute vor ihrer Tochter steht und manchmal erstarren möchte, vor all der ungezügelten, weiteren Wahrheit, die in manchen Momenten so nahe neben der Liebe wohnt.

Messerscharf kann er sein.
Entgegengebrachte Ungerechtigkeit tranchierend. Missverstanden, oder nicht.
Ein Sekundenausdruck. Nicht zurück zu halten. Nicht zurück zu nehmen.
Ein Selbstläufer. Ein Selbstmörder.
Vorbei, so schnell, wie er kommt.
Aber nicht zu leugnen. Niemals.
Auch nicht zu vergessen. What you see, is what you get.
Die eine einzige Sekunde killende Wahrheit, die andere einfach für sich behalten, bis sie wissen was sie denken. Oder fühlen. Oder tun.
Ihr steht sie mitten ins Gesicht gebrannt.

„Es ist faszinierend, wie Deine Augen in Bruchteilen, von totaler Hingabe zu eiskalter Distanz wechseln können“, hatte ihr mal einer gesagt, der sie nur allzu gerne herausforderte und mitten in die Extreme schmiss. Um sie am anderen Ufer wieder herauszufischen, oder ihr beim Absaufen zuzusehen. Dem sie nie genug sein konnte. Und schließlich genug war. Aller Faszination erlegen.

Wer sich selbst nicht sicher war, will Ablehnung darin gesehen haben. Und wenn sie vorher fast um den Verstand geliebt hatte. Tausend und Einmal. Immer wieder aufs Neue, ungeschützt, ohne Rüstung und ohne Visier. Der eine, schneidende Moment war Grund genug, sich an die Brust zu fassen und ihr das frische Blut an den Händen, vorwurfsvoll entgegen zu strecken. Der Sekundenmörderin, die mit ihrer Wahrheit alles Lügen straft.

Mancher hat ihn ausgehalten.
Nicht gemocht, aber ausgehalten, so wie es eben nur der kann, die sich dem Boden sicher ist. Dem Satz, dem Fundament. Manchmal strahlend freigebürstet, manchmal verschlickt und dennoch fest verankert. Mancher hat ihr die Sekunde einfach aus der Stirn gestreichelt und blieb als Wächter unverletzt an ihren Türen stehn.

Wissend, dass ein Blitz noch lange kein Gewitter nach sich zieht.
Nur negative Energie entlädt und dahinter Stille tobt.
Machtvolles Schwarzfunkenseelensprühen ohne Rosaherzenromantik.

Nur ein Blick.
By the way: einer von vielen.

Candy Bukowski