Candy Bukowski

Autorenblog

Nie leer gehen, Heidi!

22 Kommentare

Sie gehörten zu den Paaren, die möglicherweise ein Geheimnis miteinander teilen, das Dinge erklären könnte. Aber das man als Außenstehender nicht erkennen kann. Das sich einem einfach nicht erschließt, so lange man auch hinschaut, und das – soweit es überhaupt existiert – überschattet wird. Von einer dunklen Wucht an ultimativem Nicht-Paar sein. Zumindest nicht mehr. Vielleicht früher einmal.

Irgendetwas musste irgendwann ja einmal anders gewesen sein.
Besser. Schöner. Vielleicht sogar verliebter. Zumindest wertschätzend.
Irgendwann. In den 60ern oder so.

Wer sie später zusammen erlebte, sah einen eher kleinen Mann mit einer gewissen Terriermentalität. Immer bereit in irgendwelche Knöchel zu schnappen. Körperlich ein Handtuch, intellektuell eher grobschlächtig. Ein Zyniker vor dem Herrn, frühpensionierter Beamter, und mit einer Menge Tagesfreizeit gesegnet. Man hätte ihn sich rund um die Uhr in einer Saunaanlage vorstellen können, in der er dann mit Vorliebe hübsch genormten jungen Frauen nachgesehen und sie kommentiert hätte. Stammtischpolitik und Frauen, das waren seine Themen, die er zynisch rauf- und runter bearbeitete, ohne selbst auch nur annähernd ein besonders toller Hecht zu sein. Vielleicht gerade deshalb.

Seine eigene Frau passte schon lange nicht mehr in sein Bild, und das ließ er sie auch deutlich spüren. Viel zu kräftig war sie über die Jahre neben ihm geworden, mit wogendem Busen, Hausfrauen-Sexappeal und einem viel zu kurzen Kurzhaarschnitt mit ausrasiertem Nacken. Natürlich ein Fehler, als Frau irgendwann zum Mann neben dem Mann zu werden. Ein Kurzhaarschnitt mit ausrasiertem Nacken ist der erste, markante Schritt dazu, aber dennoch: irgendwann musste da doch mal etwas gewesen sein, zwischen den beiden. Etwas an das er sich zumindest erinnern hätte können, das Geheimnis einer Vertrautheit, über gemeinsames Reifen hinweg.

Aber er erinnerte sich nicht. Eigentlich war jedes Wort ihr gegenüber eine Beleidigung. Deutlich oder süffisant, aber eine stetige Aneinanderreihung von verbalen Unterschwelligkeiten und giftigen Beurteilungen. Wie man seinen Arbeitskollegen nicht angehen würde, oder den Nachbarn, einen Unbekannten in der Straßenbahn. Mit niemandem geht man so um, außer eben mit seinem Ehepartner, wenn man den nicht mehr losbekommt, obwohl anscheinend alles danach schreit. Aber das wollte er ja auch gar nicht. Dazu war es viel zu bequem, mit seiner Heidi, die neben ihrem Vollzeitjob so schön den Haushalt wuchtete und lecker kochte, und ihm die Unterhosen bügelte.

In guten wie in schlechten Zeiten. Das waren allem Anschein nach die schlechten. Oder die normalen. Vielleicht ist auch das eine Sache der Betrachtung. Vielleicht fand nur ich es so seltsam unmöglich, wenn er da auf der rustikalen Eckbank saß und sich noch einen Schnaps genehmigte und eine schlüpfrige Bemerkung über gut geschmiert und einbeinig-dreibeinig, und seine Heidi dabei abfällig anschaute und noch einen über alte Frauen und die eigene im besonderen nachlegte.

Jedes Wort ein giftiger Treffer, den sie, wenn überhaupt, nur mit einem Blick oder einem halbherzigen „Ach Erwin…“ konterte. Um nachher seine Unterhosen zu bügeln, oder einen Braten ins Rohr zu schieben, der natürlich nie so wirklich an den letzten heranreichte. Aber was will man machen, mit Frauen ist man eben gestraft, die sind eine Plage wie die Heuschrecken, was haben die für ein Glück, so gut versorgt einen echten Mann abbekommen zu haben und überhaupt, zum Schnaps noch ein Bier und zum Bier noch ein Schnaps. Heute arbeiten wir uns ja nicht mehr durchs Kamasutra, haha.

„Nie leer gehen, Heidi. Nie leer gehen!“… wenn sie vom Tisch aufstand und dabei die abräumbaren Teller vernachlässigte. Und sie immer adrett und tapfer unter ihrem nackenausrasierten, blonden Kurzhaarschnitt, eine Serviette in den knubbeligen Fingern knetend. „Ach, Erwin.“

Mit Ende Sechzig, nach vielen Jahren voller Tagesfreizeit, vielen Schnäpsen und vielen giftigen, verbalen Pfeilen in Richtung seines „Ehegespenstes“ versagten Erwin die Organe. Eines nach dem anderen. Schön langsam und sehr unschön.
So ein langsames, multiples Organversagen dürfte zur fiesesten Rache gehören, die das Schicksal an überraschendem Moment parat hält. Dann, wenn Du nichts mehr halten und auch ansonsten nichts mehr selber kannst und Dir am Ende sogar die Sprache verloren geht. Weil alle giftigen Worte aufgebraucht sind und Dein Körper nur noch die eine, letzte Aufgabe erledigt, indem er Dich selbst vergiftet.

Nein, das war natürlich kein gerechtes Ende für Erwin.
Das Leben ist nicht gerecht. Nicht gerecht in dem Sinne, wie wir gerecht verstehen. Nicht richtend. Nicht Recht sprechend. Nicht verurteilend.
Das Leben ist auch nicht menschlich, weil es kein Mensch ist.
Aber es dürfte ein unbeirrbar konsequenter Logiker sein.
Es führt einfach fort, was wir zu denken und zu tun bereit sind.

Vielleicht ist es ein Dominospiel, dessen Gebilde wir uns aufbauen, dessen Steine wir anstossen, und das dann einfach konsequent durchläuft. Im Bereich des Gebildes, das wir gewählt oder mitgebracht haben. Das eine, das uns für dieses Leben möglich ist. Das wir uns für dieses Leben möglich machen.

Und vielleicht erwischt es uns deshalb, zumindest am Schluß, stets an unserer größten Schwäche.
Die immer auch unsere größte Angst ist.
Welche auch immer.

Was wir besitzen, ist die Möglichkeit, diese Angst zu wählen.
Wagen wir, sie zu verlieren, gewinnen wir vermutlich viel.

Candy Bukowski
– ein Text aus verstaubten Ecken des Archivs –

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Autor: Candy Bukowski

Autorin beim Verlag edel & electric. Lieferbare Titel: "Der beste Suizid ist immer noch sich tot zu leben" (30 Erzählungen) Print 2014 / eBook 2015. "Wir waren keine Helden" (Roman) Print & ebook 2016

22 Kommentare zu “Nie leer gehen, Heidi!

  1. Eine wunderbare und traurigwahrhaftige Erzählung über das Verkrusten und Verhärten einer Ehe, gleichzeitig eine Betrachtung des Lebens aus dem einzigen Blickwinkel, der am Ende noch bleibt. Sehr schön…

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  2. Sehr schön. Man kann richtig die Kälte spüren. Hoffentlich hatte Heidi danach noch einige schöne Jahre ohne Erwin ;)

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  3. Bestimmt war vorher bereits sein Gehirn vergiftet von dem vielen Schnaps und das macht ziemlich ungnädig. Ja, man/frau kann auch frei und alleine alt werden. Ob die Wahl besser oder schlechter ist kann man nicht überprüfen…. Guter Text mir gefällt er.

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  4. Ja, sie scheint es in so rauhen Mengen zu geben. Es tut jedes Mal weh, solch Szenen mitzubekommen.
    Doch da gibt es meinen Nachbarn. Nur kurz. Mein Nachbar, 76. Von diesen Jahren war er 52 Jahre mit seiner Frau verheiratet. Ein kleines zartes Persönchen, zurückhaltend und lieb. Sie war es die sich damals so freute als wir hier einzogen, mit einem strahlenden Gesicht, :“endlich ist hier wieder Leben im Haus“. Dreieinhalb Jahre ist das her. Sie wurde immer zarter und kleiner. Er immer, wirklich immer sie entweder im Arm, oder an der Hand. Ein so liebevolles Paar. Doch da war der Krebs. Hart hielt er an ihr fest und nahm sie jetzt vor wenigen Wochen mit. Sehr sehr traurig. 52 Jahre, händchenhaltend und glücklich zusammen. Vor vier Monaten ist er mit ihr noch auf die Aida für ein paar Wochen. Es war ihr großer Traum…

    Muss häufig immer so viel dazuschreiben. Eigentlich wollt ich nur sagen, welch schöner Text.

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  5. Ein absoluter Hammerkrachertext.
    Tiefgründig und Real mit allem Gift das die Geschichte selbst hält.
    Famos. Jeder Satz ist so voll mit Leben und klarer könnten die Bilder nicht sein die du mit Worten schaffst.
    Danke.

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  6. sehr weiser, sehr schmerzhafter, sehr eindringlicher text. ich mag besonders das fazit, diese gedanken mit domino etc.
    danke für diese erzählung!

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  7. Danke für diese sehr gut und fühlbare Geschichte. Ich dachte die ganze Zeit während des Lesens, nein, nein, nein, das willst du nie…. Und ja, das will ich nie

    Danke dir

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  8. es ist nur ein kleinstzipfel der geschichte, aber eine frage, die mich schon oft beschäftigt hat… wann & vor allem warum lassen sich frauen irgendwann die haare abschneiden und diese unsäglichen dauerwellen reindrehen? ist das nur, weil einem die bürstentortur zu schwer wird oder ist da noch was…. ich verstehe das nicht. noch nicht. und hoffentlich nie.
    ich habe immer das gefühl, dass damit nicht nur das haar, sondern die weiblichkeit zugunsten einer seltsamen neutralität und zugunsten des alters aufgegeben wird.

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    • Diese Gedanken hatte ich auch schon. So dass es tatsächlich ein ungewöhnlicher Anblick ist, wenn ältere Frauen langes Haar tragen – ich kenne nur eine, und die ist, quasi bezeichnenderweise, unverheiratet. Ist das Haareabschneiden im Alter lediglich der veränderten Haarstruktur geschuldet oder zielt es auf einen optischen Angleich zwischen den Partnern ab? Wird da Weiblichkeit und Attraktivität zugunsten der ehelichen „Harmonie“ … die Gedanken stehen nicht still, und genau dafür möchte ich Candy danken: toller Text, gedankenstrominduzierend.

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  9. Beklemmend und sehr gut in Worte gefasst.
    Kurze Haare und ausrasierter Nacken bedeuten für mich nicht zwangsläufig das Ende der Weiblichkeit. Im Falle von Heidi mag die Entscheidung sich von den langen Haaren zu trennen allerdings der Ausdruck für die vollständige Resignation als Frau sein.
    Grauenhaft, welche Hölle sich Menschen in ihren Beziehungen bereiten, und dennoch die Türe nicht nutzen, die sperrangelweit offen steht. Sie bleiben und verplempern ihr Leben, das kostbare.

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