Holen wir uns unsere Leben zurück!

So lautet der Street Art Spruch einer versteckten Mauer in St.Georg, den ich im August 2013 fotografierte und hier im Blog einstellte. Wird tatsächlich nicht alt, das Ding und hat nichts an Bedeutung verloren. Auch die Mauer steht weiterhin exakt wie abgebildet, deshalb noch einmal:

Ein Spruch also.
Der war dem Sprayer ein Anliegen.
Der hat mir so sehr gefallen, dass ich nachts die Kamera zückte.
Und der hat ganz vielen Menschen gefallen, die bei diesem Foto spontan auf „like“ klickten.

Was heisst das denn nun?
Ich meine, das muss doch einen Grund haben.
Das macht doch keiner von uns einfach so. Sprayen, ins Bild bannen, liken.
Das tun wir doch nur, wenn uns irgendetwas irgendwie erwischt.

Ist doch schon eine Hausnummer. Der Wunsch, sich sein Leben zurück zu holen.
Und impliziert, dass es irgendwo verloren ging, abhanden kam, eine falsche Richtung genommen hat.
Irgendwas in der Größenordnung. Wäre doch schlüssig.

Hat dabei irgendjemand an den Weltfrieden gedacht, oder aufopferungsvoll an andere Menschen, die armen Krüppel da draußen, denen irgendwo etwas schief lief, die Pech hatten, wie es halt manchmal so läuft, weiter unten?
Ging es da um andere Leben?
Oder ums eigene, ums Eingemachte?

Ging uns unser Leben verloren, kam es abhanden, hat irgendetwas darin die falsche Richtung genommen?
Ja?
Krass, oder?  Wie konnte das denn passieren?
Ich meine, da ist man verträglich intellektuell, konnte sich ein Abi schnitzen, hat einen netten Beruf gewählt, ein paar Menschen besonders geliebt, Familien gegründet, einen Baum gepflanzt, vielleicht sogar ein Haus gebaut. Manches lief vielleicht nicht ganz so gerade wie gedacht, aber Schwund gehört dazu und der lässt sich doch auch immer auffangen. Da dreht man was, da macht man was und dann passt das schon wieder mit dem Leben. Ist doch wertvoll das Ding, das kann uns doch nicht so komplett verloren gegangen sein. Oder?

Holen wir uns unsere Leben zurück.
Oder haben wir dabei vielleicht an die kleinen Dinge gedacht? An die Glücklichkeiten, die lebenswerten Momente, an Freiheit und Freude, an mehr Zeit, mehr Liebe, mehr Sex, mehr Jugend und mehr von allem, was fehlt? Vielleicht Chancen?
Ist es das, was verloren ging? Und ist das klein?

Verloren gegangen also. Oder weggenommen.
Von wem eigentlich?
Von uns selbst? Von anderen? Von fiesen Schicksalsgöttern, die wetternd auf dem Olymp Roulette mit unseren Möglichkeiten spielen?

Egal. Weg ist weg.
Unsere Leben.
Ich halte das immer noch für eine gewaltige Nummer.
Einfach mal so beim Surfen festzustellen, dass zumindest ein wichtiges Stück Leben fehlt.

Und? Holen wir es jetzt zurück?
Machen wir jetzt irgendetwas anders und reissen das Ruder nochmal herum?
Oder drücken wir eben manchmal auf Auslöser und Buttons und dann hat sich das erledigt?
In Wohlgefallen geklickt?

Ich weiß es nicht.
Ich frage nur mal.

Ergänzung Ende 2014:
Doch. Inzwischen weiß ich es.
Manchmal ist es mit Klicken einfach nicht getan. ;)

Candy Bukowski

30 Antworten auf “Holen wir uns unsere Leben zurück!”

  1. Jetzt weißt Du wie es mir häufig geht, wenn ich Deine Einträge lese. Sie sind toll und doch hat man am Ende mehr Fragen als Antworten ;)

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    1. das trifft auch genau auf mich zu. hab grad an ähnlichen worten herumgedacht! :-) ja, liebe candy, dem kompliment schließ ich mich an.
      und über den Spruch, den Einspruch muss ich echt noch weiter nachdenken!
      danke!

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  2. Sein Leben zu verlieren, ist ein schleichender Prozess. Irgendwann, meist knapp vor Schluss, merkt man es und erschrickt. Dann das Ruder rumzureißen, ist ein Kraftakt, wie er kaum zu bewältigen ist. Man hat sein Leben ja verloren, und damit die Kraft, die es braucht, um die Kehrtwende zu schaffen. Schafft man es aber, weiß Ma, was man Wertvolles verloren hatte, und wieder verlieren könnte, und gibt besser darauf acht. Was damit oft unwiederbringlich verloren bleibt, ist die Leichtigkeit des Seins. Dann muss man lernen im Regen zu tanzen, statt auf die Sonne zu warten.

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    1. Das ist die Frage. Ob man dadurch die Leichtigkeit des Seins verliert, oder vielleicht erst wirklich gewinnt. Mir wurde vor einigen Monaten mehrmals an kompetenter Stelle die Frage gestellt „Warum sind Sie hier, was wollen Sie erreichen?“ und ich antwortete „Ich will mein Leben zurück. Die Glücksanteile davon, die es lebenswert machen und mir irgendwo verloren gegangen sind.“ – Heute denke ich, wir haben nie unser Leben verloren, immer nur uns selbst darin. Was auf den ersten Blick das selbe und auf den zweiten, etwas ganz anderes ist. Aber es ist möglich. Nicht, sich zurück zu holen. Aber sich neu aufzustellen. Reset, soweit es geht :)

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      1. Dieselbe Frage bekam ich letztes Jahr auch gestellt. Meine Antwort war – von außen betrachtet zumindest – profaner: Dass ich in erster Linie wieder schlafen können will.
        Es kommt sicher darauf an, was man meint verloren zu haben. Wenn du jahrelang nur für andere Menschen lebst, ich denke … Dann verlierst du dich selbst schon arg. Dich selbst und große Teile deines eigenen Lebens. Nicht so leicht, gerade zu erklären, was ich eigentlich sagen will …

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  3. Das ist doch am Ende immer die Entscheidung an der Weggabelung: Klicken und links gehen oder Ruder rumreißen und rechts gehen?
    Weder ist das eine oder andere richtig oder falsch, jedesmal gibt es Gründe – und sei das nur „ich mag mich dem nicht stellen“, auch ein Grund … Kein Guter, aber manchmal ein verständlicher :-)
    Wenn man nur immer wüsste, welches Stück Leben man wo, wann, wie verloren hat, Werte Frau B!
    Da hilft dann manchmal das Klicken… Momentaufnahme des Lebens ;-)
    So meiner Meinung nach ;-)

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  4. Der Satz wirft Fragen auf :
    Zurückholen von was?
    Warum?
    War es je besser?
    Will man in alten Schuhen neue Wege gehen?
    Zurückholen klingt nicht allzu gut.
    Vorwärts gehen ist wohl das mutigste.
    Gestern. Heute. Morgen.
    Eher heute.
    Und zurück nie.
    Leben in allem.
    Rückwärts geht es nicht.

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  5. Ich glaube, es ist manchen vielleicht nicht einmal ständig bewusst, dass etwas fehlt. Der Spruch, unbekannt, an die Mauer gesprayt, ob aus einem spontanen Impuls des Aufbegehrens und Trotz heraus, oder als generelle Botschaft für all diejenigen, die sich vom Leben verlassen oder unrechtmäßig enteignet fühlen?
    Ich klicke nicht ‚Like‘, weil ich die Aufforderung zum Tanz annehmen will, nicht nur jedenfalls. Sondern auch, weil es für mich wie ein Aufruf kommt:
    Gelassen haben wir schon genug. Nun tun wir etwas!
    Das ist trotzig und schlicht, einfach und klar.
    So wir für uns geklärt haben, was jeder von uns für sich unter dem Begriff ‚Leben‘ versteht.
    Für mich bedeutet es: Lust, Freude, Gesundheit und Bewegung…

    Na, das würde ich immer knipsen, liken und Fünfe drauf geben:
    Auf’s Leben.

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  6. Wenn ich sehe, was der Lebensinhalt für manche ist, möchte ich Leben aus dem Inhalt streichen. Konsumhörigkeit, Raffgier und Herdengelatsche, dieses erscheint mir nicht erstrebenslebenswert. So bleibt nur jedem selbst überlassen, wie er seyn Leben gestaltet. Leider wird die Freiheit dieser Wahl immer mehr eingeschränkt, weil zuviel Gemülle an uns herangetragen wird. Und doch bleibt es dabei: Behalten wir unser Leben, statt es in fremde Hände zu legen, die gierig danach greifen. Ahoiende Grüße, Deine Käthe, neuankerpolierend.

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    1. Neuankerpolierend ist ein tolles Wort! Hach, das gefällt mir gut! Da hast Du mal wieder schön „gekübelt“ ;) Ich reiche Rum, wie schon der Karfunkelfee und wir schippern einfach mal in aller Freiheit los, was? Ahoi, liebe Käthe!

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      1. Nur kurz zögere ich aufgrund der Uhrzeit und greife beherzt zur Buddel. Wer will uns schelten ob des Freiheitswillens? Freiheit der Entscheidung, zu sein, wer wir sind. Rumsaufend und segelsetzend, möwengleichkichernd und fregattenbepöbelnd! Ahoi, liebe Candy, ich male Scheißherzchen auf die Piratenflagge der Karfunkelfee…

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      2. Sehr schön, auf Dich ist Verlass! Rum geht immer und mit irgendetwas Gesundem muss der Inhalt des Fasses Sauerfleisch ja verträglich gemacht werden :) Wir segeln also fregattenbepöbelnd unter ScheißrosaherzchenPiratenschädel. Guter Plan! Ich dengel am Bug mal noch ein ein kleines Eisbrecherdingens an. Man weiß ja nie.

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      3. Ohja, Eisbrecherdingens, das könnte nötig seyn. Die Nordwestpassage ist manchmal urst eisig. Zum Glück ist die Lebensbuddel Rum eine sich nie neigende, für innere Wärme ist also gesorgt. Und dann haben wir ja noch uns zum Aneinandereiben. Ich geh mal meine Augenklappe suchen, wegen der Wildverwegenheit so als Kontrast zum Biedermiedriggetue. Fetzt!

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      4. Ursteisig. Da sagst Du was. Aber irgendwo auf Strecke, lassen sich immer ein paar Piratenkapitäne entern.Die Buddel will ja geteilt sein, damit sie nie ausgeht. Mieder steht Dir doch ausgezeichnet! Zusammen mit der Augenklappe, eine glatte Sünde. Trägst Du diesmal gekreuzte Knochen im Haar? Die Karfunkelfee sitzt wohl noch über den Karten und tüftelt an der Route ;)

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  7. Einfach so waren Jahre dahingezogen.
    Heute saßen wir zusammen und sprachen darüber. Tatsächlich zum ersten Mal. Wie wir in höchster Not und bis über unsere Grenzen hinaus strapaziert nicht mehr konnten. Das wichtigste, das wir hatten, war zu viel für uns geworden.
    Genau wie jetzt, nur krisengebeutelt, waren wir am Tisch gesessen. Damals vielleicht mehr energielos gelegen. Einfach so aufhören konnte man zwar nicht, doch wir entschlossen uns für einen allerletzten Schritt, der von unserer ganzen Verzweiflung geprägt war: Wir gaben unsere Leben ab. Keine großartige Zeremonie, doch ein tränenreiches Abschiednehmen. Wir wussten, sie waren gut aufgehoben, unseren Leben würde nichts geschehen. Dennoch macht das niemand freiwillig, auch nicht gerne und freudvoll schon gar nicht.
    Zwei Wochen dauerte es, bis wir uns daran gewohnt hatten, keine Verantwortung mehr zu haben. Das Ziehen und die Sehnsucht ließen langsam nach und wir begannen zu tun. Zu arbeiten, zu lachen, Sport zu treiben, zu feiern und weinen, alles ohne dafür aktiv sein zu müssen oder auch nur ein Fizzelchen Bewusstsein aufzuwenden. An Weggabelungen ließen wir uns die Richtung zeigen, wir schwammen in der Menge. Wir schwammen gut und weit, wir erlebten Dinge, die ganze Fotoalben füllten.
    Manchmal erblickten wir auch Besonderheiten. So Menschen, die ihr Leben behalten hatten. Wir knipsten ein Bild davon. Sehenswert war es schon.
    Was dann der Auslöser dafür war, dass wir heute genau darüber sprachen, über das Leben, das Bewusstsein und die Verantwortung dafür, das blieb im Unerklärlichen. Mit jedem Wort wuchs aber die Verwegenheit in uns, bis ich irgendwann aufsprang und rief: „Holen wir unsere Leben zurück!“
    Der Weg zu der Abgabestelle von damals war kein leichter und unterwegs erinnerten wir uns gegenseitig immer wieder daran, was unsere Mission war. Wir kritzelten es auf Briefkästen, sprühten es an Mauerwerk und flüsterten es uns nachts vor dem Schlafengehen in die Ohren.
    Und dann, dann waren wir da. Mutig wiederholten wir unsere Worte und mit einem Lächeln und ohne eine Sekunde zu zögern, bekamen wir unsere Leben zurück. Sie waren jederzeit abholbereit gewesen.

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  8. Sehe ich hinten einen verfremdeten Davidsstern? Mag sein, dass ich da zuviel hineninterpretiere… Dieser eine gemeinsame Gedanke so vieler gequälter Seelen war doch beim Bild, bei mir.

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  9. Hallo und ‚tschuldigung, ganz kurz. :-) Mein Nachname ist falsch geschrieben.Habe ihn wohl selbst verunstaltet. Ich heiße Dolfen. Danke für die Aufmerksamkeit und gute Nacht.

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