Bis zur bitteren Neige

Er rülpste laut, schimpfte ein wenig vor sich hin, dass er hier auch alles selbst machen müsste, und schmierte sich ein Leberwurstbrot. Ein halbes Pfund grobe Leberwurst auf einen dicken Kanten Brot. Selbst wenn sie das Rülpsen nicht gehört hätte, selbst wenn sie nicht von der abgesessenen Sofaecke schräg hinüber zur Küche hätte sehen können, den Geruch dieser widerwärtigen Leberwurst hätte sie nicht ignorieren können. Er würde sich in Null Komma Nichts über die ganze Bude verteilen, sich auf den Häkeldeckchen des Couchtisches ablegen, in die Biberbettwäsche im Schlafzimmer kriechen, vor allem aber weiter durch ihre Nase in ihre graugewundenen Synapsen steigen und von dort in ihrem Blick als gewaltige Abscheu wieder erscheinen.

Sie hasste grobe Leberwurst. Fast noch mehr, als sie ihn hasste.
Was nicht weiter schlimm war, das beruhte auf Gegenseitigkeit.

Sie hatte ihn schon vor seinem neu erwachenden Hang zur Leberwurst gehasst. Vielleicht ab dem Zeitpunkt, an dem er ihre Gerichte nachsalzte, ohne sie überhaupt probiert zu haben. Oder sie einfach in sich hineinschaufelte. Ohne Wort, ohne Dank, ohne Kommentar, gleich welcher Art, um anschließend den schmutzigen Teller von sich zu schieben und die Beine hochzulegen.

Das reicht manchmal schon aus, um so ein kleines, unscheinbares, temporäres Hassgefühl zu wecken, das beim gemeinsamen „Wetten dass…“ Gucken wieder nachlässt, ohne jemals ganz zu verschwinden. Irgendwo im Bauchraum musste sie eine Region haben, die sich langsam mit all dem Heruntergeschluckten über ihn füllte. Ganz allmählich, still, aber beständig. Wie ein fleischenes Auffangbecken, dass zu Hasshochzeiten kleine Hassmengen per Überlaufventil in die Galle ablaufen ließ. Die spuckte sie dann manchmal, wie er sagte. Ohne zu erahnen, dass ihm in diesen Momenten nur die oberste Schicht Ungemach entgegenschwappte.

Ihm schlugen die unzähligen Jahre mit ihr, eher auf den Magen. Er rülpste. Und hatte unstillbaren Hunger auf alles Schwere. Das er in sich hineinstopfte, um selbst schwer zu werden und unbeweglich. Vielleicht weil diese Schwere sich gut mit Zufriedenheit verwechseln ließ. Oder damit er nicht auf die völlig abstruse Idee kommen könnte, wegzulaufen. Wo will man denn auch hinlaufen, übersättigt, schwer und rülpsend? Ist ja nicht so, dass dort draußen irgendjemand auf einen solchen Magenpatienten warten würde, der nur dicke Luft ins Haus schleppt und schwer auf dem Sessel sitzt.

Und schaut. Im sich anschauen waren sie ganz groß. Und es war schon eine besondere Kunst, den anderen in den Momenten abzupassen, in denen er oder sie nicht herschaute, sondern irgendwo anders hin. Dann schauten sie um so durchdringender, als würden sie sich gegenseitig durchschauen wollen. Etwas am anderen finden, woran man ihn festnageln konnte, etwas, worin alle Wahrheit lag, die einfach nicht über die Lippen kommen wollte. Die nur in Galle schwappte, oder sich aufstossen ließ, eben genau in den Dingen, die sie am meisten aneinander hassten. Und ohne es zu wissen, wussten sie wohl, dass es exakt diese Wahrheit war, die sie hassten. Und in ihr, jeder sich selbst.

Für das mal Ja gesagt haben und all das Gebliebensein, und dass sie die besten Jahre aneinander verschleudert hatten, ohne jemals etwas annähernd Rechtfertigendes dafür zurück bekommen zu haben. Schon gar nicht die besten Jahre, die jetzt bis zur bitteren Neige aufgebraucht waren. Den Kindern ins Studium gesteckt und dem Chef ins Wochenendhaus auf Mallorca. Und irgendwie auch sich selbst auf die Sollseite im Haushaltsheft gebucht, dort wo jeden Monat weniger übrig blieb vom Ersparten, wenn man einen dicken roten Strich darunterzog und zusammenrechnete.

Und bei aller Miesere, war es dennoch so, als hätten sie einen unausgesprochenen Pakt miteianander geschlossen. Dass der erste, der sich von ihnen bewegen und etwas anders tun würde, als sie es immer getan hatten, verloren hätte.

Nicht nur den Anspruch auf die erkämpfte Rente. Auch die, selbstverständlich auch die, weshalb investiert man denn bitte sonst die besten Jahre, wenn nicht dafür, irgendwann am Ende eine verträglich reiche Ernte einzufahren? Aber auch davon ab. Wer sich als erster bewegen würde, hätte die Verantwortung zu tragen. Würde es offiziell machen, das Scheitern und die Aufgabe. Wäre schuld an der Auflösung, hätte verloren.

Und möglicherweise nichts gewonnen.
Es gibt 1000 Gründe alles beim alten zu lassen.
Und nur einen einzigen, um ins Risiko zu gehen.

1:1000. Nach aller statistischen Berechnung, alleine den investierten Gedanken nicht wert. Und im Rechnen, waren sie immer schon gut gewesen. Alle beide.

Er wuchtete sich aus dem Sessel, schlurfte in die Küche und strich sich noch ne Stulle. Grobe Hausmacherleberwurst von Rewe.
Nur 1,59 Euro. Da konnte man nicht meckern.

Candy Bukowski

10 Antworten auf “Bis zur bitteren Neige”

  1. Wie Du weißt liebe ich Deine Sprache und die Bilder, die sie in meinem Kopf entwickeln. Leider hat das auch dieses Mal funktioniert. Jetzt habe ich diese Spießigkeit im Kopf, diesen Muff. Ich kann mir schon vorstellen, wie die Kinder sich freuen an Weihnachten nach Hause zu kommen. Das faszinierende wird sein, dass wenn einer von beiden stirbt, dass dann bald die Heiligenverehrung los geht. Ganz gruselig. Ihr solltet eine Horror Kategorie einführen. Aber, mal wieder excellent geschrieben.

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      1. Oh ja, sehr schöne Erinnerungen. Schneetreiben, eisiger Wind und dann von Kaffeehaus zu Kaffeehaus um sich aufzuwärmen. Dazu „Elisabeth“, das einzige Musical, dass ich selbst gerne sehe und nicht nur meiner Frau zuliebe.

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