Unterm Riesenrad, der Leierkastenmann…

Der beste Ex von allen, hatte wie geplant das Kind abgeholt.
Um ein guter Vater zu sein, und ein vorausschauender Freund.
Weil man ja manchmal, auch gerne alleine erwachsen ist. An solchen und an manchen anderen Tagen.
Vielleicht würden sie einen Muttertagskuchen backen und etwas Selbstgemachtes in buntes Papier einschlagen. Das Kind würde es am nächsten Tag fröhlich überreichen und sie würde es dafür niederküssen und lächelnd das Gebastelte loben. Wie schön, und danke für die Mühe, ich freue mich, dass Du an mich denkst, mein Schatz.

Sie hatte für die gewonnene Freiheit nichts geplant, nur genickt. Weil man ja manchmal, ganz gerne alleine erwachsen ist. An solchen und an manchen anderen Tagen.

Der immer nette Metaller hatte im Vorfeld von sich hören lassen. Und gemeint, dass er sich mit einer roten Schleife, ganz hervorragend als Geschenk machen würde. „Ach, lass mal stecken…“, hatte sie geantwortet und mit ihm ein wenig über den allzu billigen Scherz gelacht.

War doch erst kürzlich, in einem anderen Leben, dass sie zwei Tage und Nächte feierte, mit lieben Menschen an der Seite, einer Überraschung! -explodierenden Plastik-Lotusblüte vor sich auf dem Tresen und einem unkaputtbaren Taxi nach Paris aus der ollen Musikbox. Wie die Zeit eben so ins Land zieht und uns mitnimmt. Mal zu Fuß, hinkend auf wunden Ballen, und mal im Schweinsgallopp, mitten durch das Glück.

Sie hatte sich überraschen lassen. Und war überrascht gewesen.
Vom Riesenrad an Sein, das seine Runden dreht, nach oben schwebt, am höchsten Punkt die Magengrube kitzelt und ins Schaukeln kommt. Bevor es für einen kurzen Moment den ganzen Ausblick schenkt. Bis die Gondel wieder sinkt und auf der anderen Seite, andere nach oben jauchzen. Sie hatte mit schweißnassen Händen in den Taschen gekramt, um die Billetts nachzuzählen. Für die noch möglichen Runden. Und sich erleichtert ans Plastik geklammert, als es sich endlich fand, versteckt zwischen dem ganzen anderen Kram, den man so unverzichtbar bei sich trägt.

Sie hatte den einen geliebt und den anderen vergessen und mittendrin sich selbst auf beide Arten verloren. Während der Leierkastenmann unterm Riesenrad ungerührt seine alten Lieder spielte und rosa Zuckerwatte süß ihre Mundwinkel verklebte. Und sie die Augen schloß, um hinein zu fühlen, ob es wohl nun wieder auf- oder noch ein Stückchen abwärts gehen würde.

War alles doch erst kürzlich gewesen, in einem anderen Leben.
Doch der Leierkastenmann spielt immer weiter seine Lieder, auch wenn sie diesmal nicht dazu tanzte und keine Zuckerwatte schmeckte.
Kein Taxi nach Paris, keine funkensprühende Lotusblüte aus feinstem Chinaplastik.
Keine Wunder in petto, keine Ablenkung vom Sein.

Nur ein heißes Bad, ein Glas auf sie selbst, um Mitternacht. Nach langer Zeit eine Zigarette.
Und ein etwas schiefes Lächeln, beim Blick in den unverhangenen Spiegel: Happy birthday, Sugar

Candy Bukowski

18 Antworten auf “Unterm Riesenrad, der Leierkastenmann…”

  1. So ein Sch … :-( Soweit wärs nicht gewesen und um zusammen mit einem Becher Puffbrause den Mond anzuheulen wäre ich gekommen. Wissen ist Macht, nicht wissen macht nachträglich traurig! Happy Birthday, Candy!

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    1. Ach, und ein bedenkenswerter Nachtrag noch: Riesenräder haben die Angewohnheit, die Talsole mit grosser Geschwindigkeit zu durchfahren und danach geht es STEIL und mit Kribbeln im Magen nach OBEN. Du erinnerst dich daran? ;-)

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  2. Deine Metaphern sind großartig, auch die traurigen. Ich mag sehr, wie du schreibst. Und so lange der Leierkastenmann noch spielt, wird es nach oben und nach unten gehen – immerhin. Besser als Stillstand, denn welchen Sinn hat ein stehendes Riesenrad? Happy Birthday, liebe Candy.

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    1. Fein, sehr fein, dass sie Dir gefallen! Dankeschön.‘
      Ich mag plötzlich die Vorstellung, ganz , ganz leise Kirmesmusik zu hören, wenn es gerade rauf oder runter geht. EInen schönen Tag für Dich!

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  3. Liebe Frau Bukowski, ich wünsche Ihnen ganz vielevieleviele Tollfamosmanchmalstillaberimmergrandiostage für Ihr weiteres Leben. Nicht ganz uneigennützig, denn einher geht die Forderung, daß Sie die weiter mit uns teilen. Die bejubelbaren, die beängstigenden und die beinnehaltemachenden, wie dieser einer ist. Ich grüße herzfein, Ihre Frau Knobloch.

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