Ohne Netz und doppelten Boden

Sie steht zwischen Lohas Coffee und dem Bioladen. Fast jeden Tag, von Mittag bis Abend, hat ihren Platz dort eingenommen, neben dem Fahrradständer der ungeheuer sportlichen, gesunden Bioverköstigten und hält den Menschen freundlich einen leeren Pappbecher entgegen. Sie steht dort hungrig. Dick eingepackt im Kohlehydrate Übergewicht der Armen, und einem zotteligen, beigen, langen Wollmantel. Eine …

Weil ich es kann. Und Du.

Ich muss Dir etwas beichten, sagst Du. Und mir schiebt sich das gezackte Messer durchs Herz. Weil ab diesem Satz eigentlich kein weiterer mehr notwendig, kein Wort ein unbekanntes wäre. Keines, das ich nicht bereits mitsprechen könnte,' aus der alten Geschichte von einsamen Nächten und trauriger Seele und all den Dingen, die man nicht sucht, …

Die Unsichtbare

Eine kleine Erzählung aus den Anfängen dieses Blogs, die noch einmal neu um Lesergunst buhlen darf: Sie lebt ein wenig zwischen den Welten. Schläft im ehrenwerten Haus, hinter blitzeblanken, weißen Häkelgardinen, vermutlich auf einem blitzeblanken, weißen Bett. Einem schmalen, auf dem es sich eine Person gerade so gemütlich machen kann. Ein Bett, wie es Mensch …

Vielleicht im Frühjahr, wenn es gnädig wäre

Sie stapfte durch die kalte Winternacht und hinterließ kaum Abdrücke im frischen Schnee, der durch das anhaltende Windgestöber, umgehend wieder verweht wurde. Die Schultern hatte sie fröstelnd hochgezogen, eine wandelnde Verspannung auf dem Weg durchs Deckendunkel über weißer Pracht. Man sagt, wenn Du frierst, dann lass die Schultern locker. Dann komm in Deinen Schritt und …

Treuepunkte am Strassenstrich

Es gibt Plätze, die kennt kaum eine Sau. Nur diejenigen, die mittendrin leben. Aus Gründen. Und diejenigen, die bewusst nicht dort leben. Auch aus Gründen. Zwischen den Gründen liegen Welten. Das Hamburger Bahnhofsviertel ist genau so ein Ort. Der Hansaplatz hat dort seine Geschichte. Und die ist alt und schlecht geschminkt, trägt einen viel zu …

Ein Glas auf uns, und eins auf die See

Ich bin ein Bühnenmensch. Setzt mich vor eine Bühne, auf der einer wirklich etwas zu sagen hat, der bewegend spricht und singt, und ich zehre wochenlang von der geschenkten Emotion. Von den zurückgebliebenen Worten in den schweren Vorhängen, vom Kegellicht das seinen Sprecher fokusierte, von der Stille die einen ganzen Raum füllte, das Parkett, einen …

Nun trau Dich doch mal!

"Na, nun rutsch doch! Nun trau Dich doch mal..." Hatten die Eltern gerufen. Unten stehend. Beide Superschwimmer vor dem Herrn, den Kopf immer schön steif mit der Badekappe übers Wasser haltend. Erst motivierend positiv, dann einen gigantischen Eisbecher versprechend . Und schließlich mit leicht himmelwärts verdrehten Augen. Wie konnte es denn sein, dass das Kind …

Bis zur bitteren Neige

Er rülpste laut, schimpfte ein wenig vor sich hin, dass er hier auch alles selbst machen müsste, und schmierte sich ein Leberwurstbrot. Ein halbes Pfund grobe Leberwurst auf einen dicken Kanten Brot. Selbst wenn sie das Rülpsen nicht gehört hätte, selbst wenn sie nicht von der abgesessenen Sofaecke schräg hinüber zur Küche hätte sehen können, …

Vom unbezahlbaren Luxus vor Luxor

Nicht geschenkt hatte sie diesen Urlaub damals haben wollen. Nicht geschenkt. Aber da sich die Schwestern Pfote in Sachen Dickköpfigkeit in nichts nachstanden, hatte sie ihn schließlich bezahlt und sich Gottsergeben auch ein wenig darauf gefreut. "Wir verreisen!", war die Ansage von Lisa Pfote gewesen. "Um genau zu sein, machen wir einen Abenteuerurlaub, denn so …

Vom Knutschen & Fummeln auf Kinosesseln

Damals, zu der Zeit, in der man erstmals auf der Suche nach dunklen Ecken war, nach irgendeinem Platz, an dem das Licht ausgeht und alles möglich wird, da war ich mit meinem ersten, richtigen Fastfreund im Kino. Heimlich. Wie denn sonst? Das hätte ich im Leben zu Hause nicht erzählt, das fiel unter unheimlich großes, …