Ohne Netz und doppelten Boden

Sie steht zwischen Lohas Coffee und dem Bioladen. Fast jeden Tag, von Mittag bis Abend, hat ihren Platz dort eingenommen, neben dem Fahrradständer der ungeheuer sportlichen, gesunden Bioverköstigten und hält den Menschen freundlich einen leeren Pappbecher entgegen.

Sie steht dort hungrig. Dick eingepackt im Kohlehydrate Übergewicht der Armen, und einem zotteligen, beigen, langen Wollmantel. Eine Strickmütze mit Ohren über den Ohren, so ein Lapplandmodell in Norwegerstrick, wärmt ihren Kopf mit den ungepflegten, langen, braunen Haaren. Ihr linker Unterarm liegt seit Monaten bewegungslos in einer selbstgebastelten Armschlinge. Anders als die Frau mit der Stoffpuppe, – die ich viel zu lange, den gesamten kalten Winter über, nirgends mehr gesehen habe –  ist sie völlig wach im Hier und Jetzt und lächelt ein wenig schräg hinter ihren tiefbraunen, zerstörten Frontzähnen hervor. Die müssen sehr lange sehr schmerzhaft gewesen sein, bis sie gewonnen und der Nerv verloren hatte.

Ich gebe ihr einen Euro in den Pappbecher und ein Lächeln zurück, wie manchmal, wenn es eben passt, und diesmal spricht sie mich an. Mit einer bezeichnenden Kopfbewegung Richtung Einkaufstasche in meinem Fahrradkorb, auf der – warum auch immer – das Logo der AOK prangt.

„Ach ja, eine Krankenversicherung hätte ich auch gerne einmal wieder…“ sagt sie. Und dann unterhalten wir uns ein wenig.

44. Niemals hätte ich sie erst auf 44 geschätzt, so verbraucht und lebensungeliebt, wie sie da steht. Dass sie in einer Pension untergebracht ist, erfahre ich. Aber dass es dort immer schwerer werde, seit die Vermieterin all die Rumänen aufnehme, die sich zu Zehnt ein Zimmer teilen. Dass sie mal verheiratet war, was so schlecht gar nicht gewesen sei, zumindest rückwirkend gesehen, denn jetzt würde es sie retten, verheiratet zu sein, um wieder Anspruch auf eine Krankenversorgung zu haben.
Der Arm sei seit einem Bruch vor etlicher Zeit, nicht mehr wirklich geworden. Er blieb unbehandelt, in der Klinik hätte man sie wegen fehlendem Kostenträger – ja, sie sagt wirklich Kostenträger – abgelehnt und zurück auf die Strasse geschickt. Zu oft hätte sie Fehler gemacht, beim Amt. Bei der Vergabe von Leistungen. Hätte sich nicht ausreichend eingebracht, nicht genug Willen gezeigt. Da sei sie irgendwann komplett durchs letzte Netz gerutscht.

Das erzählt sie alles so, auf meine Nachfragen hin. In wenigen Minuten, frisch von der Leber weg. Das wirklich Elemantare eines Lebens, passt tatsächlich in einen 5 Zeiler. Mehr braucht keiner. Damit ist alles gesagt, alles erzählt, alles verstanden, und das emotionale Gerüst dahinter, das kann sich letztendlich jeder selbst ins Bild pausen. Mit ein wenig Empathie ist das gar kein Problem, letztendlich ja auch nur eine Geschichte von vielen anderen, übers Scheitern und Verlieren und all das ungelebte Sein dazwischen. Und trotzdem will der Mensch jeden Tag wieder aufstehen und rausgehen und auf eine hübsche Zukunft hoffen, weil der Eimer voll Scheiße, eben zum Glück immer halbleer ist.

Eine Passantin kommt vorbei und drängt ihren Euro fast auf, ohne jedoch tatsächlich den Satz aller Sätze zu vergessen, der absolut verzeihlich in jeden aussprechenden, dummen Plapper-Rachen zurück zu pressen sein dürfte:

„Aber sie kaufen sich keinen Alkohol davon, ja!?“, mahnt das schlimme Gutmenschtum, mit besten Absichten. Und erdreistet sich damit, eine ungeheure Bedingung an einen billigen Euro Einsatz zu knüpfen. Ein moralinsaures „aber“, weil Essen eben gut und Trinken schlecht ist. So wie ein offizieller Verlierer aller Eigenentscheidung enthoben werden darf, und so eine edle Spende ja auch bestmöglich eingesetzt werden möchte.

Die Frau ohne Netz und doppelten Boden bedankt sich servil und zeigt sich der Abstinenz verpflichtet, weiß längst, wo ihr Platz inzwischen ist. Irgendwo zwischen Dankbarkeit und Aushalten eines eher harten Jobs. Ich glaube, es ist ein harter, mies bezahlter Job, Tag für Tag mit ungeschütztem Gesicht an einer Hauswand zu stehen und zu warten. Auf bessere Jahre, erträgliches Wetter, auf das Mitgefühl der Passanten, auf ihr krampfhaftes Weg- oder bloßstellendes Hinsehen, auf immer zu wenig aus einem überall zu viel.

Ein harter, mieser Job. Auch in selbstgewählt, in selbstverschuldet. Wer dürfte sich anmaßen, dieses selbstgemachte, selbstgetragene, täglich selbstausgehaltene Scheitern zu bewerten? Wer sich anmaßen, einem selbstverschuldeten Menschen eine grundlegende Gesundheitsversorgung vorzuenthalten? Das System vermutlich. Es ist immer das System, nie der Mensch. Auf der einen, wie der anderen Seite.

Zehn Schritte weiter, bei Lohas könnte sie sich zumindest einen kostenlosen Kaffee abholen.
Was sage ich! Nicht nur irgendeinen Kaffee! Sie könnte einen ökologisch-genussvollen Beitrag an moderner Kaffeekultur in einer fairen Welt geniessen! Lohas Coffee ist bemerkenswerter Hamburger Vorreiter der Aktion „Suspended Coffee„, bei der Menschen mit Geld nicht nur ihren eigenen Kaffee, sondern noch einen „Aufgeschobenen“ für einen bedürftigen Menschen bezahlen. Gutmenschtum mit erfreulichem Nebeneffekt, da ist jeder gerne dabei, da schmeckt der 4,50 Euro Kaffee gleich noch fairer, wenn ein wenig Ablass mit dabei ist.

Weiß nur kaum einer. Schon gar nicht die Bedürftigen, denn das müssten sie bei Facebook lesen, oder bei Twitter, in der wirklichen „social network“- Welt eben, in der wir Gesegneten leben. Denn am Laden steht das nirgends, dass sie willkommen wären, um sich einen Kaffee abzuholen. Das wäre dann doch zu sozial, zu offensichtlich, zu wenig kontrolliert.

Die Frau ohne Netz und doppelten Boden weiß es nicht, obwohl sie jeden Tag nur wenige Schritte entfernt steht. Und eigentlich komme ich mir ein wenig blöd vor, es ihr zu sagen. Als wäre das jetzt eine riesen Nummer. Als hätte es irgendetwas mit den Dingen zu tun, die sie wirklich bräuchte.

Und dennoch ist es mehr, als sie hat.
Beschämend.

Candy Bukowski

6 Antworten auf “Ohne Netz und doppelten Boden”

  1. Deine Geschichten sind einfach immer gut und gehen oftmals sehr tief. Mit schlichten feinen Sätzen und auf der Grundlage von nahem sehen und empfinden. Zwischen dem Drahtseil und dem Abgrund ist oft nur ein falscher Schritt. Das sollten wir nie vergessen. Doch viele haben es schon längst vergessen. Oftmals sind es nicht die großen Taten und Gesten. Eher die analoge Nähe. Der Rest ist Pixel. Danke

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  2. Wieder ein Text, eine Wortwahl, geschriebenes Gefühl, ach, was weiß ich, wie es benennen…durch die Augen in’s Herz. Und in die Galle zugleich. Gutmenschentum allerorten. Geheuchelte Empathie. Und der erhobene Zeigefinger. Hier in der Provinz mehr so hinterrücks, nicht offen. Und dennoch mit verheerenden Folgen. Wenn speien helfen würde, ich würde vielen vor die Füße kotzen. Danke für Ihre Worte, Frau Bukowski.

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