Candy Bukowski

Autorenblog

Komm… sprich einmal meinen Namen aus

Ein Kommentar

„Da bist Du also.“
„Ja, da bin ich. Hast Du mich gleich erkannt?“

Sie sitzen sich am Küchentisch gegenüber. Halbdunkel im Raum, durch das große Fenster scheint matt das Licht der Straßenlaterne. Glück gehabt, die Küche liegt zur richtigen Richtung. Wäre sie nach hinten gebaut, würde man kaum eine Hand vor Augen sehen.

„Es ist nicht weiter schwer, Dich zu erkennen. Du hast Dich angekündigt. Und heute ja endgültig ganze Arbeit geleistet.“
„Heute? Ach, Du meinst, wegen des fehlenden Stroms. Ja, den bringe ich manchmal mit. Die meisten erkennen mich erst im Dunkeln. Das ist auch ein wenig lustig, nicht wahr?“

„Daß man Dich erst im Dunkeln erkennt? Ja, das hat eine gewisse Komik.“
„Warum lachst Du denn dann nicht?“
„Du bist mir inzwischen zu vertraut. Du schleichst Dich an, ganz langsam, über die Zeit. Du nimmst Dinge nach und nach weg und erneuerst sie nicht. Du bist ein schleichender Prozess. Das ist nicht zum Lachen.“

„Nein, das ist es sicher nicht. Aber so bin ich eben. Ihr Menschen kennt mich doch. Ihr seht mich überall.“
„Ich hatte mir Dich anders vorgestellt.“

„Ja, Schätzchen, das ist das Problem. Aber es ist nicht nur Deines. Ihr Menschen seht mich immer nur draußen und wo anders, nie nebenan. Ihr glaubt, daß ich nur in schmutzigen Schlafsäcken liege und unter Brücken schlafe. Ihr glaubt, daß ich bettle und ein verletztes Bein nachziehe. Vor allem glaubt ihr, daß ich dumm und ungebildet bin. Aber das ist eben nur das deutlichste meiner Gesichter.“

„Jetzt wirst Du wirklich komisch. Mir brauchst Du das nicht zu erzählen. Ich weiß, dass Du auch ordentlich gekleidet herumläufst, ein freundliches Gesicht machst, unter Deinem Billig-Make-up und mit 20 Euro Beträgen jonglierst, wie eine Große. Aber was sagt das denn? Nichts. Außer, daß Du Dich gut zu verstecken weißt.“

„Sprichst Du jetzt von mir oder von Dir, Schätzchen?“
„Lass das dumme Spiel. Ich spreche von Dir!“

„Ach? Dann bin ich also diejenige, die sich von anderen Menschen zurückzieht und Gespräche vermeidet. Die Nachts gesammeltes Kleingeld rollt und die kleinen Lebensmitteleinkäufe im Kopf mitrechnet. Die sich bis zum 1. heimlich an der Spardose vom Kind vergreift und hofft, rechtzeitig unerkannt zurückzulegen zu können.  Und sicher bin ich auch diejenige, die sich nicht mehr gerne zu einem Essen oder einem schönen Abend einladen lässt?“

„Was ist falsch daran, nicht mehr hören zu wollen, wer wann wohin in seinen verdienten Urlaub des Jahres fliegt? Und über die günstigen Preise spricht. Über das Superschnäppchen, bei dem man einfach nicht nein sagen kann? Oder über das viele Teure, mit dem 3. Coffee to go in der Hand. Zwischen Wochenendtrip und heute mal zum Italiener, der Kühlschrank ist leer. Wem schmeckt denn bitte „Alfredo“, wenn mit der Rechnung auch eine ganze Woche gut zu managen wäre?“

„Das hat Dir alles mal sehr gut gefallen…“
„Das gefällt mir immer noch gut. Aber nicht im Moment. Und solange es mir nicht gefällt, muss ich mich ja nicht damit beschäftigen. Vor allem muss ich es niemandem erklären, der es nicht begreifen würde, weil es seiner Vorstellungskraft so weit entfernt ist, wie das Nord Kap.“

„Also doch Du, nicht ich.“
„Fick Dich.“

„Bist Du neidisch geworden?“
„Nein. Ich gönne jedem alles. Ich will nur keinem erklären müssen, was 30 Euro sind. Oder eben auch nicht. Vor allem will ich es nicht erklärt bekommen.“

„Das ist doch nur Geld. Geld macht nicht glücklich, sagt Ihr Menschen.“
„Geld macht nicht glücklich, nein. Es entspannt. Es nimmt Scham und Sorgen. Es hält gesund, weil Sorgen krank machen.“
„Neu gelernt? Früher war Dir Geld nie sonderlich wichtig.“
„Nein, es war eben da, im überschaubaren Rahmen.“
„Das könnte das Problem sein, daß es Dir nie sonderlich wichtig war.“
„Noch ein Wort und ich schmeiße Dich raus!“

„Der war gut. Wirklich. Komm… sprich einmal meinen Namen aus.“
„Den Teufel werde ich tun. Du bist einfach eine miese Phase. Nicht mehr und nicht weniger.“
„Dein Stolz steht Dir wie immer gut. Ob er angebracht ist, weiß ich nicht so genau.“
„Kannst Du wenigstens einfach den Mund halten, wenn Du schon hier herumsitzt?“

„Du wohnst immer noch recht hübsch hier. Scheint Dir wichtig zu sein.“
„Naja, etwas dunkel vielleicht.“

Candy Bukowski

Advertisements

Autor: Candy Bukowski

Autorin beim Verlag edel & electric. Lieferbare Titel: "Der beste Suizid ist immer noch sich tot zu leben" (30 Erzählungen) Print 2014 / eBook 2015. "Wir waren keine Helden" (Roman) Print & ebook 2016

Ein Kommentar zu “Komm… sprich einmal meinen Namen aus

  1. Armut ist nun wirklich etwas, was man weder sehen, noch zeigen möchte und dadurch zu sozialen Isolierung führt, was nicht wirklich hilfreich ist, wenn man wieder ein positives Gefühl braucht, um sich da auch selbst wieder heraus zu ziehen. Vielleicht wäre es schon hilfreich, nicht allein zu leben, so dass man schon im ersten Moment liebende und kümmernde Menschen um sich hat und eben nicht plötzlich allein im Dunkeln hockt.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s