Wohin mit all dem, was nicht mir gehört

Was tut man nur, mit all dem persönlichen Gepäck, das man nach und nach dem anderen in die Bude schleppte? Was einfach zurückbleibt und den Staub ansetzt, aus dem sich schon lange gemacht wurde?

Wohin mit dem großen Schrankkoffer aus fremden Erfahrungen und ungeweinten Tränen, den vier starke Möbelpacker nicht mehr hinaus gekantet bekämen, ohne die Tür zu verbreitern? Und all den verteilten Rucksäcken, die wir uns gegenseitig abstreiften, um dann befreit den Rücken knacken zu lassen und die Arme in die Luft zu strecken. Den Kopf in den Nacken geworfen und tief durchgeatmet. Für einen hoffnungsvollen Aufenthalt in einem Du, das näher war als jenes mitgebrachte, taube Ich.

Wohin mit all den Kisten, voll gefüllt mit Seelengrund und Angstmorast, mit Kinderzeit und Ahnenbildern. Mit allem, was wir Schicht für Schicht abstreiften mussten, um uns endlich nackt zu begegnen, im Schattenmond. Den Narbenmustern mit sanftem Finger folgend. Und manchmal auch mit Unverstand und Wut. Auf alte Herzverbrechen. Im Wissen, dass sie nicht verjähren und trotzig immer wieder ihren Anwalt bemühen. Trotz Richterspruch der Zeit und längst geschlossenen Akten.

Wohin mit all dem versteckten Zeug, das man sich mitbrachte?
Ungewollt. Manchmal verschämt, ob all der Sperrigkeit ballastgebeugt, oder seufzend schließlich mitten auf den Tisch geschmissen.
Wie ein Plastikblumen-Gastgeschenk. Ein altes Ding, mit ausgebleichten Farben. Jahrzehntelang schon totgehasst, doch immer wieder auferstanden. In Einwegvasen arrangiert, auf Resopal gestellt und in seinem Gift vergessen.

Wohin mit all den Händen voll, in denen sich Vertrautheit sammelte. Die Dinge, die nur Du so tust, an diesem Platz, zu dieser Zeit, wie Du in Dir zuhause bist und wie im Fremden. Wo alles steht, wie alles ist, worin Du zärtlich bist und worin unausstehlich. Wann Du wachst, wie Du begehrst, wie Deine Monster heißen und Deine Stimme Wunder spricht. Worum Du Dich so sehr betrügst und wie Gott Dich wohl gemeint hat, in einer Seelenstunde voller Ewigkeit. Vertrautheit, – das schlimmste Gut von allen, nicht abwaschbar, ein Zeug wie Pech und Schwefel auf der Haut.

Wohin mit all dem, was mir nicht gehört
und dennoch bleibt?
Als wäre es nicht Deins.

Candy Bukowski

8 Antworten auf “Wohin mit all dem, was nicht mir gehört”

      1. Ja, das dachte ich mir eigentlich; aber die Grundstimmung ist so abschiedsmäßig; natürlich: Zeugs von Ahnen und deren Fotos wegzuschmeißen, ist auch ein Befreiungsschlag. Aber alles wegzugeben lässt sie gleich noch einmal sterben. (Allerdings: Die Plastikblume sollte sofort in den Müll.) …

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      2. Alles nicht meins. Die Ahnen nicht, auch nicht die sinnbildliche Plastikblume, die für das steht, was sich Paare manchmal an scheußlichen Mustern mit ins Leben bringen.

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  1. Wohin mit alldem Deingewesenen, was nie hätte Mein werden dürfen? Ich habe es nicht gewollt, doch angetragen hast Du mir alle Deinigkeiten. Warum hast Du sie nicht mitgenommen? Ich brauche Sie nicht. Sie passen in keinen Container und in mein Leben schon gar nicht mehr. Mir reichen die Deinschatten als Erinnerung.

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