Warum haben wir uns nicht…?

Montag morgen, nach einem heißem Wochenende, ist der Kiez scheußlich.
Man könnte auch ehrlich sagen. Manchmal ist Ehrlichkeit scheußlich, manchmal wären Lügen schöner, auch wenn die ganze Welt herumposaunt, dass nichts ungeliebter wäre, als die Lüge. Letztendlich lügen wir uns ständig die Wahrheit schön, uns und einander, da macht kaum einer eine Ausnahme.

Montag morgen, nach einem heißen Wochenende, stinkt der Kiez. Nach Bier und Schnaps, und an manchen Ecken auch nach Liebe oder Sex, wer möchte schon auf den Unterschied wetten? Oder wer könnte, selbst wenn der wollte, oder meinte es zu wissen? Letztendlich weiß mans nie.

Am Montag morgen nach einem heißen Wochenende stinkt der Kiez, nach räudigen Hunden und räudigen Menschen, die unter den wenigen, überdachten Ladeneingängen

schlafen, den Spielhallen und den Rotlichtspelunken, deren Nikotindampf sich Tag und Nacht wie ein unsichtbarer Zwischenraum vor die Türen schiebt. Und wenn es noch nicht geregnet hat, dann bleiben einem die Sneaker-Sohlen bei jedem Schritt für einen Moment auf dem Asphalt kleben. Ein knatschendes immer wieder Gummi aufsetzen und abziehen, von all dem abgestandenen Bier, dem Wodka und von den Pissrinnsalen der Häuserwand.

Montag morgen, nach einem heißen Wochenende, liegen die jungen Punks vor der Flatrate-Sex-Bar noch in sauer und träumen einen schönen Traum. Oder vielleicht schlafen sie auch nur, bewegungslos und schwer wie Blei, die nächtliche Gnade zum täglichen visionslos, was uns nicht bedeutend unterscheidet, sie und mich. Letztendlich lügen wir uns doch alle ständig immer wieder die Wahrheit schön, da macht kaum einer eine Ausnahme.

Montag morgen haben sie ihre Bettelbecher noch nicht geleert, die vor dem stinkenden Schlafsack-Nest ganz ordentlich in Reih und Glied stehen. Dreimal Plastik mit Astra-Aufdruck nebeneinander, jeder Becher auf einem Stück beschrifteten Karton. Auf einem steht „Essen“, auf einem „Alkohol“ und auf dem dritten „Ficken“. „Ficken“ hat am meisten eingebracht, die 10er und 20er Cents reichen bis zum Astra-Herzen in der Mitte. Ein besonders amüsierter Sponsor hat noch einen 5er Schein obenauf geworfen.

Alle Punks schlafen noch, nur einer, bereits gut über Dreissig leidet an seniler Bettflucht und hat einen Clown gefrühstückt. Breit grinsend kommt er mir entgegen und wirkt für einen Moment so, als wollte der eine Kippe schnorren.
Aber dann überlegt er es sich anders, wechselt an meine Seite und geht ein Stück Weg mit, trotz meinem schief gelegten Kopf und den hochgezogenen Augenbrauen.

„Du weißt, was ich Dir sagen möchte“, sagt er. Überraschend sonor und wirklich freundlich.
„Hm. Und Du weißt, was ich Dir antworten werde“, sage ich mit einem leichten Lächeln.
„Wirklich? Keine Chance?“
„Keine Chance, nein, lass gut sein, mein Lieber.“
„Ach Mensch. Warum konnten wir uns nicht einfach viel früher begegenen?“, sagt er.

Und er sagt tatsächlich „begegnen“, nicht „treffen“ oder „über den Weg laufen“ oder irgendetwas ähnlich Banales, was zu erwarten gewesen wäre. Nein, er sagt „begegnen“.
Und ich muss spontan lachen, obwohl mir gerade überhaupt nicht zum lachen ist. Weil er wirklich witzig ist und ein klein wenig anders als gedacht, und sein Spruch ja durchaus noch richtig gut werden könnte. Wie er da immer noch neben mir herläuft, ganz entspannt, über den versifften Kiez, auf dem uns bei jedem Schritt die Gummisohlen leicht kleben bleiben.

„Echt. Im Ernst. Warum haben wir uns nicht einfach ein paar Jahre früher begegnen können?“, setzt er nochmal an. „Wir könnten jetzt in einem schönen Haus leben und hätten ein paar hübsche, kluge Kinder. Wer weiß? Vielleicht wären wir immer noch verliebt und Du total verrückt nach mir, ganz sicher wärst du das. Und ich? Ich würde Dir jeden Wunsch von den Augen ablesen. Das ganz, ganz große Glück, vielleicht wäre das doch wirklich drin gewesen.“

Sagt er. Und feixt aus den Augenwinkeln.
Und weiß gar nicht, wie mittig er mich damit gerade trifft.
Mittenrein in meinen eigenen, heimlichen Knoten aus „was wäre vielleicht zu einer anderen Zeit, in einem anderen Leben, auf anderen Wegen alles drin gewesen“. Mittenrein in dieses scheiß sentimentale Nest aus Zweifeln und Zürnen und dem immer wieder Aufstehen. Weil man das eben so macht und einem einfach nichts besseres einfällt, als zumindest immer wieder morgens aufzustehen. Manchmal ist das viel. Himmel, ist das manchmal wahnwitzig unerträglich viel in diesem Leben.

„Das klingt viel zu schön, um wahr zu sein“, antworte ich.
Und revanchiere mich zumindest mit einer Kippe in seine Hand und einem nett gemeinten Grinsen in sein Gesicht, bevor ich die Sonnenbrille aufsetze, obwohl die Sonne so früh noch gar nicht blenden kann.

Montag morgen, nach einem heißem Wochenende, ist der Kiez scheußlich.
Man könnte auch ehrlich sagen. Manchmal ist Ehrlichkeit scheußlich, manchmal wären Lügen schöner, auch wenn die ganze Welt herumposaunt, dass nichts ungeliebter wäre, als die Lüge. Letztendlich lügen wir uns ständig die Wahrheit schön, uns und einander, da macht kaum einer eine Ausnahme.

(c) Candy Bukowski

 

6 Antworten auf “Warum haben wir uns nicht…?”

  1. Wir könnten uns noch treffen und vielleicht würden wir uns sogar auffallen, aber ich würde schweigen, wie immer und an einem Blick ablesen wie du dir dein Leben vorstellst und dann würde ich einen winzigen Moment lang lächeln und denken, „Ich hoffe sie findet den richtigen Menschen fürs Leben …

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  2. Wow. Deine Worte malen Bilder und die Geschichte trifft (mich) mitten ins Herz und ich werd einen Moment ganz emotional. Aus meinen eigenen Gründen.
    Ob du das jetzt als Lüge oder ehrlich verstehst oder als schön gelogenes Irgendwas ;D, darfst du dir selber überlegen.
    Ich jedenfalls denke gerade, dass ich mir dein Buch mal zulegen sollte ;)
    Sonnigen Tag dir. Trotz allem, wegen allem und einfach so.

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  3. stark!
    Worte, wie Tiefschläge. Soviel Sinn und Erfahrung, Beobachtung und raue Ehrlichkeit…
    Ich lese nur noch wenig, aber hiervon kann ich nicht genug bekommen.
    Irgendwie auch bitter, aber es muss wohl weh tun, damit es gut ist.

    Gefällt 1 Person

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